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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-09-28 · 39 (28.9.1900) · p. Seite 619

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
39 (28.9.1900)
Date
1900-09-28
Page
Seite 619 (sequence 15)
Language
German
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Nr. 39. Israelitische Wochenschrift. Seite 619 meiner Frau erklären? Und wie werde ich aussehen, wenn die Geschichte ruchbar wird? Ich werde ja als Dieb verschrien und der allgemeinen Verachtung preisgegeben werden. Keiner wird je mein Kind zur Frau nehmen wollen, der Mechuthan wird die Verlobung erst recht rückgängig machen". „Was soll ich thun? Was soll ich thun?" seufzte Berel verzweifelt. „Ich habe nur die Wahl zwischen ewigem Unheil dort und lebenslänglicher Schmach hinieden. Hier oder dort". Um diese Gedanken zu verscheuchen, fing er an, wie wütend die Psalmen herzusagen. Aber es half nicht. Aus jedem Vers tönten ihm die Worte entgegen: „Hier oder dort". Inzwischen war es voller Tag geworden. Die Menge füllte allmählich die Synagoge. Der Chasan stimmte das „Adon Olam" an, begleitet von einigen jungen Leuten, die den Chor bildeten. Aber auch aus dieser Melodie hörte er nur die Worte heraus: „Hier oder d<rt". Plötzlich erschien Reb Moische Wechsler an der Thür. Berel sprang rasch auf, um auf ihn zuzueilen, doch sogleich sank er auf seinen Sitz zurück. - „Ich werde meiner Frau alles bekennen", sagte er zu sich, „und ihren Rat einholen". VI. 7 Eine dichtgedrängte Menge füllte die Synagoge. Die einzelnen Stimmen der Betenden flössen zu einem Rauschen zusammen, das himmelan strebte. Auch Berel betete, aber nur seine Lippen bewegten sich mechanisch, sein Geist und sein Herz waren nicht dabei. Alles was er in den letzten zwölf Stunden erlebt und im Traum geschaut hatte, zog in chaotischen 'Bildern an seinem Geist vorüber. Die Zeilen im Gebetbuch zitterten und zuckten. Er wollte weinen, konnte aber nicht. Berel war ungehalten über sich selbst. Er suchte nach einem Mittel, um sich zu betäuben und Ne Unruhe in seinem Innern zu übertönen. Zu diesem Zweck fing er an, die unendlich langen Piutim zu verschlingen. Er würgte die schweren Verse hinunter, ohne ein Wort zu begreifen oder begreifen zu wollen. Er begehrte nur, seine Gedanken zu beschäftigen und abzulenken. Er fühlte gräßlich schwere Ermüdung. „Das Weltall hängt an seinem Arm, Die Erde ist voll von seiner Pracht", ertönte die Stimme des Chasan. Die Gemeinde erhob sich wie ein Mann von ihren Sitzen, alle verhüllten ihre Gesichter mit dem Tallith. Der Hymnus „Unthaneh Thokef", an den sich eine so wundervolle Legende knüpft, erscholl aus tausend Kehlen. . . . „Du bist Richter und Vollzieher, dir ist alles offenbar, und du bist Zeuge von allem, und alles Vergessene ist wach vor deinem Gedächtnis. Du schlägst das urewige Buch der Erinnerung auf, und es liest sich von selbst, und das Siegel jedes Sterblichen ist darin" . . . rccitierte der Chasan, und Berel las schaudernd nach. Jetzt quollen die Thränen reichlich aus seinen Augen hervor. „Jetzt sitzt Gott auf seinem Thron", dachte er bei sich, „und hält die Wage der Gerechtigkeit in seiner Hand." Das urewige Buch der Erinnerung ist aufgeschlagen und jedes Sterblichen Siegel ist darin. Auch Berels Siegel. Dort steht cs verzeichnet mit feurigen Lettern, die laut rufen: „Du hast gestohlen! Du hast gestohlen!" und er wagt es noch, zwischen einer Gemeinde von anständigen Menschen zu stehen, und um Gnade zu betteln, während seine schwere Sünde ungetilgt in die ewige Tafel eingeritzt ist! „Und die Engel, sie eilen, ein Beben erfaßt sie, und sie rufen: Der Tag des Gerichtes ist da!" Die Stimme des Chasan, die anfangs leise war, schwoll immer mächtiger an, und bei den Worten „der Tag des Gerichtes ist da" erzitterten die Fensterscheiben. Berel raffte sich gewalsam auf. „Nein, nein! Komme da, was wolle. Nach der Keduscha gehe ich auf Reb Moische zu, gestehe ihm alles und erbitte seine Verzeihung." Das „Unthane Tokef" war zu Ende, die Keduscha war zu Ende, aber Berel saß wie gelähmt da und rührte sich nicht von der Stelle. VII. Der Tag senkte sich. Die letzten Strahlen der Sonne vergoldeten die Wipfel der Bäume. Das NeNah-Gebet sollte bald beginnen. Der Synagogendiener zündete Kerzen und Lampen an. Es herrschte jene zuversichtliche Stimmung, die Leute zu überkommen pflegt, die getreulich ihre Pflicht gethan haben. „Nun haben wir gethan, was uns oblag. Wir haben gefastet, unseren Leib kasteit, unsere Sünden bereut, unser Herz vor dir ausgeschüttet. Nun, Vater im Himmel, thue das, was dir obliegt, was dein Beruf ist. Vergieb, verzeihe, erbarme dich!" Nur Berel saß abseits in gebückter Haltung, gekrümmt, den Kopf hatte er auf die Hand gestützt, in seinem Herzen tobte heftiger Kampf. Die Worte des Gebetes klangen in seinem Ohr: „O, öffne uns die Thore der Gnade, bevor sie geschlossen werden!" Er wußte, daß die Augenblicke gezählt sind; noch eine Weile, und die Thore der Gnade,werden geschloffen, und er hat noch nichts zur Rettung seiner Seele gethan! Wenn nicht jetzt, wann denn? . . . Plötzlich schnellte er von seinem Sitz empor. „Ich will alles auf mich nehmen," sagte er beinahe laut. „Ich will alles schweigend und ohne Murren ertragen. Mag mich meine Frau verachten und beschimpfen, mag man mich Dieb nennen, mag meine Tochter in meinem Haus ergrauen, wenn ich nur diese schreckliche Last von meinem Gewissen wälze." Er trat festen Schrittes auf Reb Moische zu, der unweit saß. „Ich Hab euch etwas zu sagen, Reb Moische", flüsterte er. „Jetzt? Warte doch, nach dem Gottesdienst." „Nein, nein, nein!" drängte Berel stürmisch. „Es muß jetzt sein. Ich kann keinen Augenblick warten." Reb Moische sah ihn erstaunt an, erhob sich ^aber und folgte ihm in einen entlegenen Winkel. „RebMoische, verzeihet mir, ich^bitte sehr" . . . stammelte Berel, zitternd wie Espenlaub, und Thränen 'brachen aus seinen Augen. „Gott mit dir, Berel," erwiderte Reb Moische erstaunt. „Was habe ich dir zu verzeihen, Mensch?" „Reb Moische," brachte Berel mühevoll, in großer Erregung hervor. „Die hundert Rubel . . . damals ... vor

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