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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-09-28 · 39 (28.9.1900) · p. Seite 618

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
39 (28.9.1900)
Date
1900-09-28
Page
Seite 618 (sequence 14)
Language
German
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Seite 618. Israelitische Wochenschrift. Nr. 3.9. urteil über ihn fällten. Da half keine Einsprache, keine Buße, kein Gebet. Vergebens jammerte er: „Barmherzigkeit, Vater im Himmel! Du weißt ja, ich leide Not . . . meine Tochter . . . aufgehobene Verlobung!" Das waren nichtige Ausreden, er fühlte es selbst recht gut. „Der Versöhnungstag bringt nur Verzeihung der Sünden wider Gott, aber für die Sünden wider einen Menschen bringt nicht einmal der Tag des Todes die Verzeihung Gottes!" Diese Worte dröhnten in seinen Ohren. Er blickte in das Gebetbuch und las die Worte: „Bis der Nächste versöhnt ist!" . . . Ein Hoffnungsstrahl drang in sein Inneres, doch sogleich erlosch er wieder. „Bis der Nächste versöhnt ist? . . . Aber dann komme ich ja um meinen guten Namen! Und was wird meine Frau dazu sagen, wenn sie erfährt? . . . Und meine Tochter, was soll aus der werden? . . „Barmherzigkeit! O, Barmherzigkeit! Vater im Himmel! Erbarme dich meiner!" flüsterte Berel in tiefster Verzweiflung. Er nahm das Gebet nicht wieder auf, sondern versank in trauriges Sinnen. Sein ganzes Leben zog an seinem Geist vorüber. Gut hatte er es ja alle seine Tage nicht gehabt. Not und Elend waren seine ständigen Begleiter gewesen. Sein ganzes Leben war eine Kette von Mühsal und Kummer. Aber Gott hatte ihn doch niemals verlassen. Ost, wenn!er sich ganz verloren wähnte, wenn er keinen Ausweg mehr vor sich sah, erschien plötzlich Gottes rettende Hand. „Und ich war stets ein ehrlicher Mann geblieben, hatte mein Gewissen nie befleckt . . . Diesmal aber hat mich mein Gottvertrauen verlassen!" . . . Unglücklicher! Unglücklicher! Dieb! Dieb! — klang es in seinen Ohren und er fand ein schmerzliches Vergnügen daran, diese Worte zu wiederholen, wie um in der eignen Wunde zu wühlen. In diesem Gedanken vergaß Berel alles ringsum, das Gebet und die Synagoge. Die Gemeinde rüstete sich zum Kol-NidrL. Rechts und links vom Chasan nahmen zwei Männer mit Thorarollen auf den Armen Aufstellung. Einer von ihnen war Reb Moische Wechsler. In der Synagoge herrschte tiefes Schweigen. „Im Namen Gottes und mit Einwilligung der ganzen Gemeinde gestatten wir den Frevlern Anteil am gemeinsamen Gebet!" Die tiefe, weiche Stimme Reb Moisches schlug an Berels Ohren. Er zuckte zusammen und blickte in das Gesicht des Sprechenden. Reb Moisches Augen schienen tief in sein Herz zu dringen und dort die Worte: „Dieb! Dieb!" zu lesen. Und er, Reb Moische, gab ihm, dem schuldbeladenen Frevler, die Erlaubnis, unter unschuldigen Menschen sein Gebet zu verrichten. . . . IV. Der Abendgottesdienst war zu Ende. Man sang die ersten vier Psalmen, dann im Chor den „Schir Hajichud", und die meisten Anwesenden begaben sich nach Haus. Es blieben nur die zurück, die die Nacht mit Psalmensingen oder dem Studium heiliger Bücher zubringen wollten. Sobald Einen der Schlaf übermannte, legte er den Kopf gegen ein Häuflein vom Boden zusammengerafften Heu's und schlummerte eine Weile. Auch Berel setzte sich in einen Winkel, schlug das Psalmenbuch auf und las andachtsvoll. Er hütete sich, den Blick von den Blättern abzuwenden, und seine Lippen ruhten nicht, bis der Schlaf ihn übermannte. Und Berel hatte einen seltsamen Traum. Auf einem unendlich weiten, von funkelndem Licht erfüllten Hintergrund sah er eine riesengroße, von unsichtbarer Hand gehaltene Wage. Er starrte auf die beiden Schalen hin, ohne von ihnen den Blick abwenden zu können, und er war sich klar bewußt, ohne, zu wissen woher, daß jetzt, auf dieser Wage sein Schicksal gewogen werde. Beide Schalen hielten einander das Gleichgewicht, das Zünglein schwankte unaufhörlich hin und her. Endlich kam ein großes Blatt von irgendwoher geflogen und sank auf die eine Schale nieder, die sogleich krachend auf den Grund ging. Berel starrte auf das Blatt hin und erkannte darin mit Entsetzen den gestohlenen Hundertrubelschein. Er war schwarz, wie der Abgrund, und die Buchstaben darauf waren rot wie Feuer. „Nun begreife ich alles", dachte Berel schaudernd. „Hier bleibt nichts verborgen, alles kommt an den Tag". . . . Infolge eines Stoßes, den Berel von seinem ebenfalls eingeschlafenen Nachbar erhielt, erwachte er. In seine Ohren drang eine plärrende Stimme: „Behüte die Unschuld und bewache die Redlichkeit, Denn selig ist das Ende der Friedfertigen. Die Frevler aber werden vertilgt, Das Ende der Bösewichter ist Verderben." . . . Es war ein alter Mann, der unweit, in seinen Tallith gehüllt, dasaß und mit trüben, geröteten Augen in das Psalmenbuch starrte und mit einem sonderbaren Singsang rezitierte. Das zitternde bleiche Licht des Mondes drang durch das Fenster und beschten die Schlafenden und Wachenden, die über ihre Bücher gebeugt dasaßen,' und vor Berels Seele tauchte plötzlich das Traumbild auf, das er eben gesehen. Entsetzen packte ihn. „Das war ein Fingerzeig von oben", dachte er. „Ich bin verloren. . . . Doch nein, nein, ich werde mich nicht um des elenden Geldes willen zugrunde richten. Wenn Gott mir Helsen will, dann gut, wenn nicht, will ich lieber alles ertragen, als mich der ewigen Verdammnis überliefern. Sobald Reb Moische kommt, gestehe ich ihm sofort alles, und abends bring ich ihm das Geld." Dieser Entschluß brachte ihm große Erleichterung. Er wusch sich die Hände, schlug wieder das Psalmenbuch auf und las, während er jedesmal ins Fenster blickte, ob schon der Morgen erschien. Er wollte so rasch als möglich seinen unfreiwilligen Gläubiger erblicken, um sich die Last von dem Gewissen zu wälzen. V. Endlich brach der Tag an, und die ersten Strahlen der Sonne machten Berels Seelenangst dahinschmelzen. Er war ruhiger geworden, das innere Gleichgewicht kehrte ihm wieder, und er sing an, seine Lage mit kühler Besonnenheit zu überlegen. „Zurückgeben oder nicht?" fragte ersich. „Wennich'schehalte, dann habe ich meine Seligkeit in der ewigen Welt verwirkt. Wenn ich es aber zurückgebe, wie soll ich dann die Sache

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