Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 39 (28.9.1900)
- Date
- 1900-09-28
- Page
- Seite 617 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 39. Israelitische Wochenschrift. Seite 617. fallen, indem er bis neununddreißig zählte. Diese „Malkoth" symbolisieren die Demut und die Zerknirschung. Einer nach dem andern treten die Anwesenden herbei und unterwerfen sich demütig der Züchtigung. Sogar Reb Grojem, der „Gabba", von dem der arme Schames das ganze Jahr hindurch nur derbe Reden, manchmal noch derbere Schläge bekam, nahte bescheiden und unterwürfig, um seine Tracht „Malkoth" in Empfang zu nehmen. Dann erhebt er sich mit zerknirschter Miene, macht vor den Schames eine höfliche Verbeugung und tritt ab, um dem Nachfolger Platz zu machen. Im Flur der Synagoge sind Schüsseln zur Ausnahme milder Gaben ausgestellt. In der Mitte steht eine große Schüssel für die Synagoge, ringsum kleinere für die verschiedenen Wohlthätigkeitsanstalten. Jeder Vorbeigehende wirft eine größere Gabe in die große Schüssel in der Mitte und kleinere in die sie umgebenden Schüsseln, bevor er das Innere des Tempels betritt. II. Berel Zapp kam eilenden Schrittes herbei, entledigte sich bet den Schüsseln des mitgebrachtes Geldes und trat in das Innere des Gotteshauses, um sein Mincha-Gebet zu verrichten. Er wollte diesmal mit Andacht und Sammlung beten, sich die Bedeutung eines jeden Wortes klarmachen, und sein ganzes Herz vor Gott ausschütten. Doch erst als er bei der Beichte nach der Schemoneh-essrah angelangt war, gelang es ihm, Ordnung in seine Gedanken zu bringen und die Aufmerksamkeit anzuspannen. „Wir haben gefrevelt, wir waren treulos!" murmelte er und schlug sich bei jedem Wort auf das Herz. Aber als er bei dem Bekenntnisse „wir haben geraubt!" anlangte, blieb die zum Schlag ausholende Hand starr in der Luft hängen. Er zuckte zusammen und blieb dann regungslos stehen, stumm, ohne ein Wort hervorbringen zu können. Die Buchstaben des fatalen Wortes schienen lebendige Formen anzunehmen, wuchsen in die Höhe, verschlangen sich und zischelten ihm ins Ohr: „Dieb, Räuber! Kein Mensch hat dich gesehen, kein Mensch weiß etwas davon, aber wir sind Zeugen! Wir werden vor Gottes Thron bekunden, daß du gestohlen und geraubt hast!" . . . Sein Arm starrte noch immer in die Luft. Zapp besann sich . . . Es war vor zwei Monaten, als er in die Wohnung des Reb Moische Wechsler kam. Niemand war im Zimmer. In dem Geldschrank steckte der Schlüssel. Berel berührte ihn unwillkürlich, die Thür sprang auf. Im Innern lagen mehrere Hundertrubelscheine auf einem Häuflein. Und einige Stunden vorher hatte Berel von seinem Mechuthan einen Brief erhalten, in dem er aufgefordert wurde, die Mitgift seiner Tochter alsbald zu hinterlegen und Hochzeit zu machen, sonst würde die Verlobung als aufgelöst betrachtet werden. „Wenn ich nur einen einzigen solchen Schein hätte, mir wäre geholfen!" zuckte ihm jetzt ein Gedanke durch den Kopf. Ohne zu wollen, streckte er seine zitternde Hand aus und berührte das Papier. Ein Schein blieb in seinen Fingern. Der Schrank schloß sich wieder, Berel entfernte sich rasch, und kein Mensch hatte von dem Vorgang eine Ahnung. Freilich konnte er seit damals keine Ruhe finden. M empfand stets ein Stechen und ein Jucken an der Stelle der Hand, wo der Schein gelegen. Er ging stets trübselig umher und empfand einen aufrichtigen Ekel vor sich selbst. Das Geld seiner Bestimmung zuzusühren, konnte er sich noch immer nicht entschließen, er zog den Mechuthan mit allerlei Ausreden hin. Er versuchte indessen stets sein Gewissen zu beschwichtigen: „Not, alte Jungfer, aufgehobenes Verlöbnis!" Mit diesen Ausreden wollte er sich in seinen eigenen Augen rechtfertigen und den Gewissenswurm betäuben. Doch jetzt, da er vor Gott stand, seine Sünden beichtete und seine Thaten überdachte, sah Berel deutlich ein, daß alle diese Entschuldigungen und Ausreden wie Staub sich verflüchtigten. Er war ein Dieb, der sich in eine Gesellschaft anständiger Menschen eingeschlichen hatte. Es schien ihm, daß jeder Blick, der aus ihn fiiel, ihn durchbohrte, als stünde das Geheimnis auf seinem Gesicht geschrieben. Die Buchstaben des unglücklichen Wortes zuckten hin und her und stachen ihm in die Augen, indem sie jedesmal ihre Farbe wechselten. Bald waren sie rabenschwarz, bald brennend rot, bald wieder grünlich wie Schlangen, und zischelten ihm unaufhörlich in die Ohren: „Dieb! Räuber!" Seine Hand starrte noch immer in die leere Luft, auf die Stirn traten ihm große, kalte Schweißtropfen. Endlich erwachte er wie aus dem Schlaf. Er glaubte zu bemerken, daß viele Augen forschend auf ihn gerichtet waren. Er beendigte rasch das Gebet und ging in höchster Aufregung nach Haus. Daheim angelangt, wusch er sich schnell, nahm ein wenig Nahrung zu sich und eilte wieder auf seinen Platz. Er hüllte sich in seinen Tallith und fing das Einleitungsgebet vor dem Gottesdienst an. III. Die rötlichen Strahlen der untergehenden Sonne drangen durch die Fenster. Die flackernden Wachskerzen, die weißgekleidete Gemeinde, der Ernst, der auf allen Gesichtern ruhte, erschütterten ihn tief. Von der Frauensynagoge her drang gedämpftes Jammern und fand starken Wiederhall in Berels schmerzzerrissenem Herzen. Er betete inbrünstig, Thränen überströmten sein Gesicht, seine eigene Stimme drang ihm zu Herzen. Er fühlte, daß jedes Wort aus der Tiefe seines zerknirschten Gemüts kam; in diesem Augenblick that er aufrichtig Buße, und es überkam ihm das Bewußtsein, daß Gott der liebende und verzeihende, ihm vergeben werde. . . . „Doch darob jammert sein Herz, daß der Tag der Versöhnung für die Sünde wider den Nächsten keine Verzeihung bringt, bis der Nächste versöhnt ist. . . . Darob ist mein Herz zerknirscht und meine Glieder beben, da für diese Sünden selbst der Tag des Todes keine Verzeihung bringt". . . Berel stammelte mühevoll diese Worte des Gebetes, und plötzlich wurde es ihm dunkel vor den Augen, kalter Schauer überlief ihn. Er traute seinen Augen nicht, er las wieder und wieder, und jedes Wort stach ihn wie mit einer Nadel in die Augen. Ec fühlte, daß diese Worte seine unbestechlichen Richter waren und ein unbeugsames Verdammungs-