Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 39 (28.9.1900)
- Date
- 1900-09-28
- Page
- Seite 616 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 616. Israelitische Wochenschrift. Nr. 39. schließlich zur Aufnahme von Kindern im Alter von 4 bis 14 Jahren bestimmt ist. Der neue Flügel steht in Verbindung mit dem Hauptgebäude und ist für zwölf Kinder bestimmt. Er enthält Schlafzimmer, Speise- und Spielsaal und zwei Badezimmer, alles nach den neuesten Erfahrungen der Hygiene und mit Geschmack und Komfort eingerichtet. Der Einweihung des neuen Instituts wohnten fast alle Vorstände der jüdischen Wohlfabrtsanstalten bei, die Weiherede hielt Rabbiner A. A. Green, dem auch das Seelsorgeramt für das Rekonvaleszentenheim obliegt. Bei dem der Einweihungsfeier folgenden Frühstück durften keinerlei Ansprachen gehalten werden, weil Herr und Frau Bischoffsheim den Wunsch ausgesprochen hatten, daß ihr Name bei der Uebergabe der neuen Stiftung nicht genannt werden sollte. London, 21. September. (Beerdigung eines jüdischen Soldaten.) Auf dem kleinen jüdischen Friedhof in Aldershot ist Dragoner David Scott mit großem militärischen Gepränge zu Grabe getragen worden. Bei dem Versuch, einen Kameraden zu retten, der Selbstmord begehen wollte, ist David Scott ertrunken. Manchester, 23. September. (Ein seltsamer Vortrag. Pater Ignatius, der bekannte Evangelistenmönch der englischen Kirche, hat vor einigen Tagen in einer Versammlung der Dorsche Zion-Gesellschaft einen Vortrag gehalten. Der Vorsitzende des Vereins, Rabbiner I. Simon, erklärte in seiner Ansprache, daß er selbst nicht Zionist sei, Pater Ignatius aber bekannte sich als begeisterten Zionisten. Er erschien in vollständiger Mönchskleidung, trug ein Krucifix und eine Bibel und hielt eine Stunde lang einen Vortrag über die im I. Buch Mose ausgesprochene Verheißung „Ich will dich zu einem großen Volk machen". Nach der Meinung des Pater Ignatius kann nur der Zionismus diese Verheißung zur Erfüllung bringen. Zum Schluß ermahnte der fromme Geistliche die anwesenden jungen Leute, regelmäßig zu „dawnen und Tephillin zu legen". Ein nichtzionistischer Rabbiner und Vorsitzender eines Zionistenvereins führt als Redner einen Geistlichen der englischen Hochkirche ein, der mit dem Krucifix in der Hand die jüdische Jugend zum Tephillin-Legen ermahnt — das ist eigenartig. Petersburg, 21. September. (Senatsentscheidung.) Nach einer neuerlichen Senatsentscheidung dürfen solche russischen Kaufleute erster Gilde, die irgendwo im Ansiedlungsgebiet ihren Wohnsitz haben, ohne spezielle behördliche Erlaubnis nach Petersburg kommen, um hier ihre Geschäfte wahrzunehmen. Die Entscheidung erfolgte auf die Beschwerde eines auswärtigen Kaufmanns, dem der Gouverneur von Petersburg die Erlaubnis zu vorübergehendem Aufenthalt in der Hauptstadt verweigert hatte. Personalnachrichten und kleine Mitteilungen. Wegen eines im „Anti-Juif" erschienenen beleidigenden Artikels hat ein französischer Jude, Herr Marcel Löb in Algier, den Herausgeber der Zeitung, Herrn Vesparini, zum Zweikampf gefordert und ihn schwer verwundet. — Die Zentral-Musterschule in Dublin, die größte Nationalschule Irlands, hat auf Anregung des Vorstehers der Neuen jüdischen Gemeinde einen besonderen Schulraum für den Religionsunterricht der jüdischen Schüler eingerichtet. Vakanzen. Regenwalde. Rel.-L., C., Sch., 700 M. Geh., 2—300 M. Nebeneink., ft. W. Meld. an Vorst. — Oelde 1. Wests. Rel.-L. u. C., 1000—1100 M. Geh., fr. W. u. Heiz. Meld. an Berendsen. — Kirf bei Saarburg (Trier). Rel.-L. u. C. (ledig). Meld. an Emanuel Levy. — Landsberg a. W. 2. C. u. Sch., 1500 M. Geh., fr. W. Meld. an Vorst. — Rimbach i. Odenw. Lehrer, C, Sch., 1600 M. Sink. Meld. an Westheimer. — Mähr.-Schönberg. Rel.-L. u. C., 1600 Kronen. Meld. an Jac. Stern. — Kolberg. Sem. geb. Lehrer, C., Sch., Balk., Balt., 1500 M. Anfangsgeh. u. fr. W. Meld. an Alb. Moses. — Schwerin i. Meckl. Sch. (led.) Mel. an Vorst. — Neuwedell. Rel.-L., C., Sch., 1200 M. Geh. Meld. an G. Casparius. Feuilleton. Ver SuudertrubeWiu. Von E. D. Rosenthal. (Aus dem Hebräischen.) Am Vorabend des Versöhnungstages zur Mtncha - Zeit herrschte in dem kleinen Städtchen eine feierliche Stimmung. Es war, als wäre eine neue Seele in die Leute eingezogen. Die werktäglichen Sorgen, die der Kampf um das Stück Brot mit sich bringt, waren gewichen, und ein Gefühl, gemischt aus Stolz und Demut, Bangen und Zuversicht, hatte Platz gegriffen. Da war nun der Tag des Gerichtes da, an dem Gott die Werke der Menschen, die guten wie die bösen, abwägt. An diesem Tag wird über Tod und Leben, über Gnade und Ungnade entschieden. Doch der Jude blickt ihm mit Ruhe entgegen. Er weiß, daß er der Fürsprecher und Verteidiger vor Gottes Thron eine große Anzahl hat. Hat nicht Abraham seinen Sohn Isaak geopfert? Haben nicht unzählige Männer und Frauen mit Freuden ihr Leben hingegeben für die Heiligkeit des göttlichen Namens? Und dann wird ja Gott selbst im Zorn auch der Gnade gedenken. Ist er doch der Barmherzige und Gnadenreiche! . . . Die Abendschatten dehnten sich und umfingen die Landschüft. Allerwärts rüstete man sich zum Empfang des heiligen und erhabenen Tages. Manche eilten mit feuchtem Haar aus dem Tauchbad nach Haus, andere gingen in die Synagoge, um das Mincha-Gebet zu verrichten, wieder andere waren mit den Vorbereitungen bereits fertig und schritten ernst und sinnend einher, unter dem Arm den Beutel mit dem „Kittel", dem Thallith und den Gebetbüchern, in der rechten Hand zwei große Wachskerzen, die eine für die Lebenden, die andere für die Seelen der Dahingeschiedenen. Der Boden der Synagoge war mit Heu bestreut, dessen Duft den Raum erfüllte. Einzelne der Anwesenden waren in das Gebet der leisen Schemoneh-essrah versunken, andere waren damit beschäftigt, die Wachskerzen in sandgefüllte Kisten .zu stecken. Ein junger Mann, dem jetzt die Ehre zufiel, vorbeten zu dürfen, fing mit gerührter Stimme an, die Keduscha zu singen. Hinter dem Almemor stand der Schames, bewaffnet mit einem Riemen, und ließ auf dem Rücken eines vor ihm auf den Boden hingestreckten Mannes sanfte Schläge nieder-