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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-09-28 · 39 (28.9.1900) · p. Seite 611

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
39 (28.9.1900)
Date
1900-09-28
Page
Seite 611 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 39. Israelitische Wochenschrift. Seite 61 1. wäre es, mit systematischer Religionslehre bis ans nahe Ende der Schulzeit zu warten, denn 1) verlassen viele Zöglinge die Schule, ehe sie die Oberstufe erreichen; 2) je früher begonnen, um so vertrauter werden die Kinder damit; 3) sind die oberen Klassen ohnehin sehr in Anspruch genommen, und bis man die wichtigsten Momente nur berührt hätte, wäre die zur Verfügung stehende Zeit vorbei, ohne den erhofften Nutzen gebracht zu haben. Systematische Religionslehre, in vernünftige Verbindung gesetzt mit allen anderen Zweigen des Religionsunterrichts, gestaltet sich zu idealer Bildung, indem sie Ausbildung aller Seelenanlagen bewirkt und gleichzeitig auch praktische Bildung verbreitet. Dabei ist auf der Mittelstufe die fragende, dialogische, Vortragende, überliefernde und empfangende Lehrform anzuwenden, denen sich in der Oberklasse die autodidaktische zugeseüt, und ist eigentliches Katechisteren, schon dem Wesen unserer Lehre nach, soweit es nicht die Erklärung vorher gegebenen Stoffs bezweckt, von selbst ausgeschlossen. Der Lehrer läßt den Inhalt des Buches absatzweise verlesen, erklärt das Nötige auf möglichst wenig Umwegen, giebt ein mäßiges Pensum zum häuslichen Nachlernen aus und fragt darüber in der nächsten Stunde ab. „Pestalozzi soll König sein in der Unterklasse, Sokrates in der Oberklasse." So wird die Aufmerksamkeit der Schüler geweckt, das Kind in Sprachfertigkeit geübt. Die systematische Religionslehre bedingt äußerst korrekte Fragestellung, eine Kunst, die an den Lehrer große Anforderungen stellt, da sie präcis, deutlich und dem Schüler wie dem Gegenstand angemessen sein soll. Es folgte hierauf das Korreferat des Herrn H. Stoll- Fürth. Im Gegensatz zum ersten Referenten spricht der Korreferent dem systematischen Religionsunterricht die historische Berechtigung ab; denn er wurde zu einer Zeit eingeführt, in der das Bedürfnis nach diesem Unterrichtsgegenstand gar nicht vorhanden war. Die Umgestaltung des jüdischen Religionsunterrichts in der Nach-Mendelssohn'schen Zeit erforderte Beschränkung im Unterrichtsstoff. Hätte man nur diesem innern Bedürfnis Rechnung tragen wollen, so hätte an die Stelle der bisher gebräuchlichen Quellenschrift ein kurzes Ritualwerk treten müssen, das neben dem Pentateuch noch vor 50 Jahren in allen Schulen hätt.e unterrichtet werden können. Statt dessen schossen jüdische Katechismen wie Pilze aus der Erde und verdrängten in jüdischen Schulen den Raschikommentar, Chaje-Odom und «nderen Unterrichtsstoff, und in neuerer Zeit tritt selbst Pentateuch gegenüber der systematischen Religionslehre \n den Hintergrund, ja ersterer ist in vielen Schulen schon vollständig verschwunden. Man mag die Einführung des systematischen Religionsunterrichts begründen, wie man will, so bleibt es doch Thatsache, daß die Mehrzahl der vorhandene a systematischen Religionsbücher eine Nachahmung der christlichen Schulkatechismen darstellt. Dem systematischen Religionsunterricht nach dem Muster der jüdisch n Katechismen fehlt a^er jegliche Berechtigung aus dem einfachen Grund, weil er ur.psychologisch, unpädagogisch, naturwidrig ist. Man will „den Lehrinhalt der jüdischen Religion, losgelöst von der Erzählung der heiligen Schrift und doch wiederum durch Belegstellen mit ihr verknüpft, in systematischer Weise der Jugend vortragen." Der Inhalt dieser systematischen Religir nslehre ist also das aus den konkreten Erzählungen der heiligen Schrift und ihren Geboten zu abstrahierende Begriffliche. Die im Geschichts- und Pentateuch-Unterricht versäumte Abstraktion erst mit Hilfe der systematischen Religionslehre nachholen wollen, heißt: das pädagogische Unvermögen des Lehrers anerkennen, die Gesetze der Psychologie und die methodischen Anforderungen des Unterrichtsstoffs verleugnen. Jede Unterrichtsstunde soll den Schüler von der Anschauung zum Begriff führen. Die Methode des systematischen Religionsunterrichts, die die Erarbeitung des konkreten Materials den Unterstufen, alle Abstraktion der Oberstufe zuweist, ist unpsychologisch. Noch naturwidriger wird dieser Unterricht durch die Form, in der die Katechismen verfaßt sind. Das sinnlose Frage- und Antwortspiel macht den Lehrer zum Sklaven seines Katechismus. Redner nennt den katechetischen Mechanismus das pädagogische Folterwerkzeug für die Schüler, ein Gängelband für die Lehrer. Die dogmatische Verirrung, die der systematische Religionsunterricht nach dem Muster der meisten Religionsbücher bedeutet, wird an Beispielen gezeigt. „Sollen in den ersten Religionsstunden schon die sechsjährigen Kinder wissen, was Gott ist? Welches seine Eigenschaften sind? Probleme, die Moscheh-Rabenu selbst nicht hat erforschen können! Philosophische Betrachtungen, die nicht verstanden werden, und nichtssagende Definitionen über abstrakte Begriffe werden als Thoras-Moscheh ausgegeben! Was die Kinder glauben, sollen sie in angelernten Sätzen und Sprüchen hersagen! Mit schön gegliederten Lehrsätzen eines Systems kann man dem Kind keine Religion beibringen. Mit den Glaubensartikeln an der Spitze erzieht man es nicht zum Glauben, sondern zum Unglauben, Ausweg diglernen des Unverstandenen schafft keine Ueberzeugung in der Religion, sondern macht dem Kind seine Religion verhaßt oder bewirkt im günstigsten Fall eine denkscheue Dogmatik. Jene Glaubensartikel wurden zum Schutz der Lehren aufgestellt, die zu einer gewissen Zeit durch das Judentum bedrohende Zeitströmungen gefährdet waren; für den Jugendunterricht war die Fassung dieser Sätze sicherlich nicht bestimmt. Das Unzuträglichste bei der Ausstellung von Glaubens- und Psiichtenlehren für die Jugend ist der Umstand, daß zu ihrer vernunftmäßigen Begründung philosophische Beweise herangezogen werden, was weder vom religiösen noch vom pädagogischen Standpunkt aus gutgeheißen werden kann. Dem Kind beweisen wollen, daß es einen Gott giebt, heißt: den Zweifel über das Dasein Gottes in dem Kind erwecken. Die meisten der Systeme sind, vom religiösen Standpunkt aus betrachtet, geradezu inhaltlos, „aus Worten trefflich aufgebaut"; dann die wichtigsten Vorschriften, wie j^Dn, nb’O u. a. fehlen ganz, oder erscheinen aus Verlegenheit aus der letzten Seite als „Erremonialgesetz". Was soll endlich dem Religionsunterricht mit einer Systematik gedient sein, nachdem aus allem Elementarunterricht „Systeme" verbannt sind? Religiöse Vorstellungen und Begriffe dürfen nicht vorgesagt, sondern müssen entwickelt werden. Den besten Stoff hierzu bietet uns zunächst die biblische Geschichte. Ihre konkreten, plastischen Gestalten — dieses religiöse Auschauungs-

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