Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 39 (28.9.1900)
- Date
- 1900-09-28
- Page
- Seite 610 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 610. Israelitische Wochenschrift. Nr. 39. Israelitischer Werverm siir das Königreich Kayern. II. Hierauf folgt die Erörterung des zweiten Themas: „Soll die systematische Religionslehre in der Volks- und Religionsschule als besonderer Unterricktsgegenstand behandelt werden?" Dem Referat des Herrn I. Oppenheim-Sulzburg entnehmen wir nachstehende Hauptzüge: Systematische Religionslehre heißt das kurze und doch alles wichtige, wesentliche und notwendige des Glaubens umfassende, den Tiefen der Gotteslehre gerecht werdende, nach gleichheitlichem Stoff im Sachzusammenhang unter pädagogischmethodischen Gesichtspunkten gruppierte, übersichtliche Kompendium aller in Bibel und Talmud den Gegenstand unserer Religion ausmachenden Wahrheiten: Gottglaube, Ge- und Verbote, Sittenlehren. Der systematischen Religionslehre ist seit 100 Jahren die Aufgabe zugefallen, die Lücke auszufüllen, die durch das Zurückweichen des eigentlichen Thorastudiums entstand, das sich in Rücksicht auf Zeit und Kraft von Lehrer und Schüler in unseren sämtlichen Volks- und Religionsschulen aus Pentateuch und Uebersetzung einzelner Gebetsstücke beschränken muß. Das ureigenste Sein und Wesen der systematischen Religiopslehre zu erfassen, bedingt die Kenntnis ihrer geschichtlichen Entstehung und Entwicklung. Mit der Moses Mendelssohnschen Pentateuchübersetzung mag man beginnen. Die Worte des des sel. Herz Homberg, die er seiner systematischen Religionslehre „Jmre schefer" vorausschickte, worin er den Büchern der heiligen Schrift und des Talmud zwar den obersten Platz einräumte, da sie alle Pflichten der Israeliten gegen Gott, gegen sich selbst, Nebenmenschen, Obrigkeit, Vaterland enthalten, aber als für Kinder der vielseitig anspruchsvollen Jetztzeit als nicht zu erschöpfen bezeichnete, verdienen Beachtung und Beherzigung. Aehnliche Behauptungen stellt Jehude ben Setzb, Herausgeber der Jnsode Hadaß, aus, der noch die inzwischen herbeigeführte Emanzipation in Betracht zieht, und auch Dr. Behr in München äußert sich in gleichem Sinn. Die systematische Religiouslehre ist im Lauf der Zeit allen Unterrichtszweigen ebenbürtig, durch Alter und inneren Wert ehrwürdig und als Ersatz- und Hilfsmittel unentbehrlich geworden. Dr. Kuttner sagt mit Recht: Unsere Vorfahren hatten ein Religionsleben, doch wir besitzen im allergünstigsten Fall nur noch Religionsstunden. Materialismus und Jndifferentismus im allgemeinen lassen das Elternhaus, als wichtigsten Faktor hierbei, selten mehr in Betracht kommen, und der ganze Schwerpunkt der Religionsunterweisung ist in die Schule verlegt, die systematische Religionslehre schon deshalb nicht entbehren kann, weil die Materie unseres Glaubens in ihren Bestandteilen, ihrer Begründung und Beleuchtung nur hier und dort zerstreut und sich darum nicht lückenlos zusammengeschlossen, in sachlicher und faßlicher Ordnung vorfindet. Obwohl das Ideal des sämtlichen Religionsunterrichts das Quellenstudium ist und bleibt, weil uns schon der Urtext eindringlicher und beredter anspricht, als jegliche Uebersetzung, so kann dennoch weder Volksnoch Religionsschule, welche letztere nur einen integrierenden, blos persönlich, räumlich gesonderten Teil der ersteren bildet, ausgiebigen Gebrauch davon machen, damit in knapp bemessener Zeit quantitatives und qualitatives Religionswissen den Schülern mitgeteilt werden könne. Es darf ferner dem Lehrer nicht ganz und gar überlassen bleiben, nach Gabe und Lust aus diesem Acker des Herrn die Bestellung vorzunehmen, wodurch jede Einheitlichkeit schwindet! Notizen müßten zudem über den Mangel an Zusammenhang der Bibelstellen hinweghelfen und wären bei der Wiederholung unentbehrlich, woraus nach und nach auch nichts anderes entstehen würde, als eine systematische Religionslehre! Die Erfahrung spricht sonach überall mit lauter Stimme für systematische Religionslehre, und wäre diese nicht vorhanden, so müßte sie noch kommen, und würde sie verdrängt, so käme sie bald wieder. Auch mit Rücksicht auf die Außenwelt, der Behörde gegenüber, ist sie unerläßlich, damit jedermann Einsicht und Kenntnis zu nehmen vermag von dem, worin unsere Jugend im Religionsfach unterrichtet wird. Der Unterricht der systematischen Religionslehre darf selbstredend nicht zur Sammlung abstrakter, dem Kind unverständlicher Vorstellungen werden, sondern zu einer Religionsbelehrung, die fortwährend im Pentateuch, Gebetübersetzen und biblischer Geschichte lebt. „Alles soll ineinandergreifen, eines durchs andre gedeihn und reifen". Die natürlichen Fehler und Mängel, die der systematischen Religionslehre anhaften, wie allem, was unter den Begriff System fällt, erscheinen in viel milderem Licht, wenn sie als wesentlicher Teil des Gesamtreligionsunterrichts für und durch andere Fächer desselben und mit diesen arbeitet. Die systematische Religwnslehre muß sich der Erklärung des Pentateuch, Gebetübersetzen, biblischen Geschichte in unmittelbarer Aufeinanderfolge der Unterweisung in den religionsgesetzlichen Bestimmungen des überlieferten Judentums in aller Kürze und Sachlichkeit anschließen und ebenso umgekehrt. Es darf aber nicht förmlich Jagd auf einzelne biblische Geschichten u. s. w. behufs Nutzanwendung gemacht werden, denn dieses Parallelisieren und Zitieren tritt sonst zu sehr in den Vordergrund und nimmt so viel Zeit weg, daß die eigentliche Besprechung verwischt wird. Die Stoffauswahl ist Sache des Lehrers, und ein offenes Auge wird ihn das Richtige finden lassen! Die Lehrbuchfrage hingegen ist anderer Art. Es ist ein großer Unterschied, welcher religiöse Geist das zu benutzende Material durchweht, welche Sprache es führt, weil für Kinder nur das Beste gut genug ist. Nur darf man das Kind nicht mit dem Bad ausschütten wollen. Die existierenden Leitfaden wollen gar nichts anderes als bloße Hilfsmittel sein. Alle stimmen in ihren Vorreden Überein, daß der Lehrer erst das Schema zwecknräßig ausfüllen, ihm die nötige Rundung und Fülle aus der eigenen Kenntnis der Religion verleihen muß. Stete Bezugnahme auf das praktisch-religiöse Leben, dann vor allem Exemplifikation und in erster Linie die Führung, das Beispiel des Lehrers, gründliche Vorbereitung und Lchrgeschick, das Bedürfnis der Schüler werden die systematische Religionslehre befruchtend gestalten. Man beginne beizeiten damit, schon im 3. Halbjahr, wenn auch anfangs in den bescheidensten Grenzen, durchgehends wöchentlich zweimal, planmäßig von Klasse zu Klasse in stufenmäßiger Progression. Ein sich bitter rächender Fehler