Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 39 (28.9.1900)
- Date
- 1900-09-28
- Page
- Seite 609 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 39. Israelitische Wochenschrift. Seite 609. Zm AttsthnNgM. Von Rabbiner Dr. B. Seligkowitz-Cöthen. Schon in alter Zeit ist die Wahrnehmung gemacht worden, daß das sinnliche Begehren, das doch vornehmlich zur Sünde reizt, durch körperliche Abhärtung und Abtötung eingeschränkt und abgeschwächt werden kann, daß sogar der dem Leib zugefügte Schmerz und die durch künstliche Mittel hervorgerufene Selbstdemütigung dabei wirksam werden können. Manche Menschen ergriffen solche Mittel in großer Mannigfaltigkeit > es ist denkwürdig genug, welcher Fleiß und welche Künste darauf verwendet und welche tiefe Schmerzen dabei oft auf das Mannhafteste ertragen wurden oder auch jetzt noch ertragen werden. Sckon das Bewußtsein, so viele Schmerzen, Entbehrungen und Demütigungen eines höhern Zwecks wegen aufs Mutigste ertragen zu haben, steigert das Bewußtsein einer besondern Kraft. Diese falsche Frömmigkeit geht vielfach von der Ansicht aus, daß Sinnlichkeit an und für sich etwas Verwerfliches sei und daher durch Peinigung, Kasteiung und Tötung des Fleisches beseitigt werden müsse. Nach der Anschauung unserer Religion ist die Sinnlichkeit an und für sich nicht der Heiligkeit entgegengesetzt. Denn sind wir einmal von Gott nicht blos als Geist von seinem Geist, sondern auch als sinnliche Wesen geschaffen, was wir nicht leugnen können, so kann die Sinnlichkeit an und für sich weder schlecht noch verwerflich sein; denn „gut ist alles, was Gott gemacht". Ist unsere Natur nicht eine geistige allein, sondern auch eine sinnliche, so würde es auch unmöglich sein, uns ihrer ganz zu entledigen, und wendeten wir selbst unser ganzes Leben daran; denn wer könnte der Natur so widerstreben, daß er sie ganz verleugnete? Erst wo die Sinnlichkeit Sündlichkeit wird, ist sie verwerflich und gefährlich. Sündlichkeit aber wird sie überall und zu jeder Zeit, sobald sie mit der Pflicht und mit dem Recht streitet, sobald sie sich gegen das Gottesgebot in Widerspruch stellt, sobald sich die Sinnlichkeit dem Menschen als Führerin und Gesetzgeberin aufdrängen will. Darum ist auch die Asketik der Israeliten, mit Ausnahme des einzigen Versöhnungstages, nicht auf die Ertötung des Fleisches ausgedehnt, das Mönchtum ist vom Judentum ausgeschlossen, und der Nasir muß wegen Verschmähung der Gottesgabe ein Sündopfer darbringen. Die Schrift verpflichtet den Nasiräer, sagen unsere Lehrer, nach Ablauf der Gelübdezeit ein Sündopfer zu bringen, das ihn sühne, weil er sich an einem Leben vergangen, an seinem eigenen Leben nämlich, weil er sich versagt hat, was die Schrift ihm erlaubt, weil er sündhaft ist, sich selbstquälerisch den Lebensgenuß zu verkümmern. Wir sollen das Leben genießen, wir sollen des Lebens froh werden, aber wir sollen es mit Gott und in Gott thun; wir sollen es im Dankgefühl thun, daß wir alles nur seiner Liebe zu verdanken haben. Wir sprechen über einen Becher Wein den Segen aus, wenn wir den Sabbat begrüßen; wenn unsere Feste beginnen, so weihen wir diese Feste mit einem Becher Wein ein; wird über das Brautpaar der Segen gesprochen und sein Bündnis vor Gott geheiligt, so thun wir das mit einem Becher Wein. Wird ein festliches Mahl geschlossen, so thun wir es mit einem Segensspruch über Wein. Warum? Weil damit angedeutet werden soll, daß wir das Leben mit allen seinen Freuden und Genüssen dem Ewigen weihen sollen. Wir sollen die Freuden der Erde wohl genießen, aber nur, indem wir das hohe Ziel unserer Bestimmung zu erreichen suchen. So steht Israel gleich dem ersten Menschen nach unserer alten Sage fest auf der Erde und berührt mit seinem Haupt den Himmel. Himmlisches und Irdisches, Göttliches und Menschliches vermag es mit gleicher Liebe versöhnend zu umfassen. Trotz der glutvollsten Ueberzeugung, daß es höhere Wonnen gebe, als unsere vergänglichen Genüsse, hat es stets ausgeschlossenen Sinn, offene Empfänglichkeit für die Freuden dieser Welt bewiesen. Nie hat es darin die Frömmigkeit erblickt, in klösterlicher Abgeschiedenheit zu leben, den Körper zu kasteien, vom frühen Morgen bis zum späten Abend zu beten oder einer müßigen Beschaulichkeit sich zu überlassen; sondern mitten im Strom des Lebens soll sich die Frömmigkeit bewähren. Wer mitten im Leben der Welt sich bewegt, preisgegeben den tausendfachen Versuchungen, die das Leben erzeugt, der übermäßigen Genußsucht, Herrschsucht, Rachsucht, Unduldsamkeit, und dennoch nicht unterliegt, ein reines Herz, einen edlen Geist, ein versöhnendes Gemüt sich bewahrt, der steht auf der höchsten Stufe der Religion und Moral. Und nur daraus erklärt es sich, daß das Judentum stets innige Hingebung für seinen Glauben mit angestrengter Wachsamkeit für seinen Erwerb, unzerstörbare Liebe zum Leben und seinen Freuden mit siegender Todesverachtung für seinen Glauben harmonisch zu vereinigen verstanden hat. itfufra 146. O meine Seele, preise Gott! Ihn rühme ich, solang' ich lebe, Lobstnge ihm, solang' ich bin! Vertrauet nicht auf Fürftengunst, Auf Irdische, die nicht helfen können. Haucht aus der Mensch, so wird er Staub, Und aus ist's dann mit seinen Plänen. Wohl dem, des Helfer Jakob's Gott, Der aus den Ewigen vertraut, Ihn, der den Himmel und die Erde, Das Meer und, was darin, erschaffen, Den ewig Wahren, ohne Fehl, Der den Bedrückten schafft ihr Recht, Den Hungrigen ihr Brod darreicht. Gefesselten die Ketten löst, Der Blinde wieder sehend macht Und die Gebeugten sanft erhebt. Den Redlichen ist er getreu. Die Fremdlinge behütet Gott, Der Wais' und Witwe hilft er auf. Die Frevler aber beugt er nieder. So waltet Gott in Ewigkeit, Dein König, Zion, fort und fort. Hallelujah!