Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-09-28 · 39 (28.9.1900) · p. Seite 608

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
39 (28.9.1900)
Date
1900-09-28
Page
Seite 608 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9607256-9607542--7885-9607546
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 608. Israelitische Wochenschrift. Nr. 39. Vielleicht läßt Herr von Rheinbaben seine Schutzleute von einigen seiner Räte nach London begleiten, damit sie bei den englischen Kollegen absehen, wie man Fremdbürtige behandelt. Sie könnten von ihnen sogar noch lernen, wie man einheimische Juden gegen Angriffe, Verletzungen, Schmähungen schützt. * * * und, um den Schein des Kumulativdebits aufrecht zu erhalten, nicht auf der Grube zur Bahn verladen, sondern dort mit Geschirr abholen und auf der nächsten Bahnstation verladen läßt. Ist die Preisforderung von 94 Pf. pro Zentner gegenüber den Großhändlerpreisen von 60 Pf. kein Wucher? Und für neue Przemsagruben Sekundaqualität, die höchstens mit 50 Pf. bewertet wird, werden 70 Pf. gefordert! Vielleicht findet die „Schlesische Zeitung" hierin auch einen Lichtstrahl in den ihr dunklen Vorgängen des Kohlengeschäfts. * ♦ * (Haussuchung.) In der Redaktion der „Staatsbürgerzeitung" sowie in den Wohnungen ihres Verlegers und des verantwortlichen Redakteurs ist polizeilich nach der Abschrift des Berichts des Staatsanwalts Settegast in Könitz an den Justizminister, in welchem Bericht die Möglichkeit betont sein soll, daß ein Ritualmord begangen sei, Haussuchung abgehalten worden. Selbstverständlich hat man nichts gefunden. — Die „Staatsbürgerzeitung" will in der Haussuchung eine , Bestätigung dafür sehen, daß die Urschrift des Berichts existiere. Das ist ein Fehlschluß. Die Abschrift kann fälschende und entstellende Zusätze enthalten und doch eine Abschrift sein, die einen Bruch der Amtsverschwiegenheit einschließt. * * * (Zola und Lombroso über die rumänischen Juden.) Die „Revista nova romana“ in Bukarest bringt Aussprüche berühmter Männer über die Judenfrage in Rumänien. Zola schreibt: „Mein Herr! Zu meinem Bedauern bin ich über die politischen und sozialen Verhältnisse nicht orientiert. Da sie mich aber fragen, ob ich es geraten finde, daß Rumänien seinen Juden das vollkommene Bürgerrecht erteile, antworte ich ohne Zögern: „Ja!" Ich bin Anhänger der Gleichberechtigung und Solidarität sämtlicher Völker der Erde." Cesare Lombroso antwortet: „Auf einer Reise nach Rußland wurde ich mit einem antisemitischen, russischen Diplomaten bekannt, der von Budapest nach seiner Heimat reiste. Er sagte zu mir: „Ich verstehe nicht, warum das antisemitische Wien von Tag zu Tag ärmer wird, während Budapest, wo vom Antisemitismus keine Spur ist, zusehends größer und reicher wird, als ob es eine nordamerikanische Stadt wäre. Es verschmelzen dort alle Elemente; man kann den Juden nicht mehr vom Katholiken unterscheiden." Ich antwortete ihm: Wenn Sie sich darob wundern, vergleichen Sie die Verhältnisse Hollands, Spaniens, Englands und Rußlands; erwägen Sie dort die semitische Gefahr und den Nutzen, der den betreffenden Staaten aus der Verleihung des Bürgerrechts an die Juden erwuchs. Spanien und Rußland sind je eine Begräbnisstätte des Gedankens, Holland und Großbritannien hingegen sind blühende Gärten des Lebens und der Freiheit." * * * (Antisemiten-Thaten.) Aus dem jüdischen Friedhof in Czersk sind zehn Grabmäler zerstört, Gräber aufgewühlt worden. Die jugendlichen Antisemitenzöglinge, die diese Thaten verübt, sind zur Anzeige gebracht worden. (Verurteilung der „Germania".) Der verantwortliche Redakteur der „Germania" ist vom Berliner Landgericht I wegen Beleidigung zu einem Monat Gefängnis verurteilt worden. Das genannte Blatt hatte zwei Artikel veröffentlicht, die den Behörden in Könitz nachsagten, daß sie die Untersuchung in Sachen der Ermordung des Gymnasiasten Winter nicht unparteiisch geführt hätten, sondern in dem Sinn, „daß nichts herauskommen solle"; sie hätten die jüdischen Zeugen freundlicher als die christlichen behandelt, seien ungeschickt und lässig gewesen. Der Angeklagte wollte sich mit „Wahrnehmung berechtigter Interessen entschuldigen", behauptete überdies, daß die von ihm veröffentlichten Artikel, die von „akademisch gebildeten Leuten" verfaßt seien, nur die in Könitz herrschende Stimmung wiedergäben. Diese Einreden konnten natürlich die Verurteilung nicht verhüten. Bemerkenswert ist, daß in der Verhandlung der die Anklage vertretende Staatsanwalt es als Gotteslästerung bezeichnete, wenn jemand behaupten wollte, es sei ein jüdischer Glaubenssatz, Christenblut zum Osterfest zu verwenden. Das ist zwar selbstverständlich, aber zuweilen muß auch das Selbstverständliche in Erinnerung gebracht werden. * * * (Die Kohlennot.) Bei der großen Vorliebe der antisemitischen „Schlesischen Zeitung" für die landwirtschaftlichen Genossenschaften wird ihr das nachstehend mitgeteilte Zirkularschreiben der landwirtschaftlichen Hauptgenoffenschaft zu Berlin vom 4. September 1900, wenn auch gerade nicht von sehr erfreulichem, so doch von besonderem Interesse' sein. Es lautet: „Um der Kohlennot nach Möglichkeit abzuhelfen, lassen, wir jetzt in den Bezirken Oberschlesiens, in denen beste Steinkohle gefördert wird, dieselben von den Gruben per Geschirr abholen, aus dem nächsten Bahnhof verwiegen und verladen. Diese Kohlen offerieren wir Ihnen freibleibend mit 9 4 Pf pro Centner ab Verladestation zu unseren sonstigen Bedingungen. Zur Verladung kommen die Sorten Stück, Würfel und Nuß; für Sorte und Marke leisten wir keine Garantie. Konvenierend bitten wir um postwendenden Bescheid und empfehlen uns Hochachtungsvoll Landwirtschaftliche Hauptgenossenschaft. Ferner können wir Ihnen noch freibleibend anbteten: Neue Przemsagrube (Ha Marke) Stück, Würfel mit 70 Pf. pro Zentner ab Grube zu unseren sonstigen Bedingungen." — In No. 614 schrieb die „Schlesische Zeitung" am 1. September er.: „Das Piratentum des sog. Kumulativverkehrs hat seine pitoresken Seiten, auf die wir gelegentlich wohl noch eingehen werden . . . Die Seele jenes Raubgeschäfts, das die einheimische Bevölkerung schnöde bedrückt, ist ein galizischer Jude, der nicht einmal die Berechtigung hat, auf deutschem Boden zu übernachten" u. s. w. Und dasselbe „Raubgeschäst" läßt die landwirtschaftliche Hauptgenossenschaft betreiben, indem sie sich von den Gruben Kohlen verschafft

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.