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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-09-14 · 37 (14.9.1900) · p. Seite 587

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
37 (14.9.1900)
Date
1900-09-14
Page
Seite 587 (sequence 15)
Language
German
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Nr. 37. Israelitische Wochenschrift. Seite 687. beide, Pelagia wie Perez, stets aller Welt als gut und sittlich gerühmt, sie beschützt und gefördert — wird man nicht mit Recht mir vorwerfen, daß ich in meinen vier Pfählen nicht auf Zucht und Ordnung zu halten wußte? Wie dumm, werden die Leute sagen, wie dumm muß diese Amtsrichterin sein, daß sie nicht Unrat gemerkt. Wie wenig versteht sie auf die moralische Aufführung ihrer Dienerschaft zu achten! Dieser Perez, der in ihrem Hause war wie das tägliche Brot — ein Mörder! Und die Pelagia, die ihre Herrin für einen Tugendspiegel ausgeschrien — eine Dirne, die es mit Christ und Juden hielt! Ei, die feine Frau Amtsrichter! Mit sauberem Hausg^n^e umgab sie sich!" „Die Leute!" „Ja wohl, die Leute! Denn es sind mir gar viel unter ihnen nicht grün, weil ich heiter und glücklich bin und thue, was mir gefällt. Kurz, der schöne Julek starb mir sehr ungelegen, und alle bösen Gerichte über seinen Tod werden wie verpestete Wasser mein reines Haus umspülen. Sie sehen Herr Referendar, aus Egoismus will ich, daß Perez unschuldig sein soll." Philipp fühlte eine starke Rührung, wie sie den modernen Menschen selten genug befällt; er war auf dem besten Weg gewesen, die schöne Christine für eine leichte Coquette zu halten, und nun erkannte er mit tiefer Beschämung die unendliche Herzensgüte einer reinen Frau. „Verstellen Sie sich nicht länger, gnädige Frau!" sprach er bewegt, „aus jedem Ihrer Worte schaute doch Ihr Mitleid für den Unglücklichen heraus." „Wenn Sie das fühlen, wollen Sie mir helfen, ihn von jenem Verdacht zu reinigen?" „Ja," er zögerte, die dargebotene Rechte zu ergreifen, „unter einer Bedingung: Ihr Herr Gemahl muß erfahren.." „Daß Sie aus meiner Seite sind? Das werd' ich selbst ihm noch heut Abend erzählen. Schlagen Sie ein?" „Topp! Ihr Verbündeter zu allem, was Sie befehlen." „Jcd halte Wort. Kommen Sie, wir wollen jetzt nach meiner armen Nelly fragen!" Doktor Thorner öffnete ihnen selbst. Ganz erstaunt ließ er die späten Gäste in sein Wartezimmer treten: „Potztausend, Herr Referendar, was lustwandeln Sie zu vorgerückter Stunde? Und obendrein mit der Frau Ihres Chefs!" Philipp wollte diskret Zurückbleiben, aber die junge Frau zog ihn ungestüm mit hinein. „Ich möchte Nelly sehen," bat sie, „ein.e Sekunde nur!" „Sonst nichts?" brummte der Doktor, „warum kommen Sie nicht früher, meine Gnädige? Müller erwartet Sie hier seit einer halben Stunde." „Christine, komm herein!" rief Nelly's Stimme. Der Doktor legte schnell die Hand auf die Thürklinke des Nebenzimmers. „Hören Sie nicht aus sie! Nelly soll jetzt schlafen." „Und meine Frau nach Haus gehen," sagte der Amtsrichter und schob gebieterisch Christinens Arm in den seinen. Allen unerwartet erschien Nelly, durch einen Vorhang ins Zimmer schlüpfend, und warf sich in Christinens Arme. „Marsch hinein und zu Bett!" ries der Doktor erzürnt, aber Nelly klammerte sich wie ein eigensinniges Kind an die Freundin: „Christine, Du mußt ihr die Wahrheit berichten." „Wem?" „Der alten Röschen. Vor einer Stunde hat man sie ins Gemeindehaus geschafft." „Ja, Kind, was meinst Du wohl damit?" fragte Christine und sah ratlos nach Neüy's Vater. Der machte ihr die lebhaftesten Zeichen, das Mädchen zu entfernen, und raisonnierte dabei heftig über seine Frau, welche mit dem Transport der alten Röschen gegangen sei und besser thäte, ihre eigenen Kranken zu pflegen. „Du mußt wissen," wandte sich der Amtsrichter an Philipp, „daß. Dank dem ausgezeichneten Nachrichtendienst in unserer Stadt, die Damen hier von allen Vorgängen des heutigen Tages unterrichtet sind. Ja, man weiß sogar schon von dem jüngsten Streit zwischen meiner Frau und mir. . ." „Ihre Frau hat Recht," rief Nelly, „Perez ist unschuldig." „Kleine Nelly, statt mir böse Augen zu machen, sollten Sie sich lieber über Ihre Freundin entrüsten, welche zur Nachtzeit unter der Marienbuche mit fremden jungen Leuten gegen den eigenen Gatten konspiriert." Christine sah betroffen auf. „Woher weißt Du?" „Jawohl, Madame, ich weiß alles." Sie errötete und sagte ärgerlich lachend: „Nun, wenn Du alles weißt . . „Dann," fiel Philipp über alle Maßen ernsthaft ein, „dann habe ich nur noch die Ehre, dem Herrn Amtsrichter mitzuteilen, daß ich mich an der Verteidigung des Perez beteiligen werde." Wie a tempo faßten Nelly und Christine die Hände des jungen Mannes und überschütteten ihn mit Beifallsbezeugungen und Freundlichkeiten. Der Amtsrichter sah mit Unlust ihr Gebühren und rief verdrießlich: „Bravo! Bravo! Die Feindseligkeiten wären eröffnet. Ich wünsche Dir Glück, mein kleiner Philipp. Für ein erstes Debüt ist der Fall interessant genug. Und Dank der mangelnden Rechtsgründe werden die Sympathien der Damen auf Deiner Seite sein. Christine willst Du nun endlich nach Haus kommen? Es ist beinahe zehn Uhr." „Nein, ich will nicht. Ich gehe jetzt auf der Stelle zur alten Röschen und unterrichte sie über das Schicksal ihres Sohnes." „Laß das nur lieber sein!" „Wenn Sie die Frau umbringen wollen. . ." „Nein, Herr Doktor, das werde ich nicht. Mütter sterben nicht, wenn ihre Kinder in Gefahr sind." „Wie dramatisch!" spottete der Amtsrichter. „Mir ahnt, daß die Alte einen Ausweg wissen wird, ihren Sohn zu entlasten!" „Ah, Christinchen, wir halten bereits bei den Ahnungen! Ich gratuliere dem Herrn Verteidiger zu seinen Beiständen." Christine hatte das Zimmer verlassen; nach Sekunden hörte man auf der Straße ihre leichten Schritte. „Philipp," sagte der Amtsrichter, „Du willst der Patronin folgen? Laß Dich nicht zurückhalten, mein Sohn! Ich bin nicht der Othello, der Du glaubst."

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