Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 37 (14.9.1900)
- Date
- 1900-09-14
- Page
- Seite 583 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 37. Israelitische Wochenschrift. Seite 583. außer den vergessenen Garben, den abgefallenen Aehren, der Nachlese der Bäume und anderen kleinen Abgaben noch den 60. Teil vom Ertrag seines Bodens an den Ecken des Feldes als Anteil der Armen diesen überlassen. War dies schon eine bedeutende Abgabe, so kam dazu der bei weitem wichtigere Armenzehnt, den das Gesetz geschaffen hatte, als eine Steuer zu Gunsten der Armenpflege. Der Zehnt erstreckte sich nicht blos auf die Erträgnisse von Grund und Boden, sondern Jedermann war verpflichtet, zehn vom Hundert des aus seinen Geschäften gezogenen Gewinns zur Armenpflege beizusteuern (Joredea 249), die Erfüllung dieser Verbindlichkeit konnte durch gerichtliche Pfändung erzwungen werden (Joredea 248, 1). Die Ausdrücke: ein „Werk der Liebe, der Gnade üben, annehmen", u. s. w. haben daher einen um so zweideutigeren Klang, da sie nach dem Begriff der jüdischen Lehre ganz falsch sind; denn nach dieser Lehre hat der Arme moralischen Anspruch auf die Gaben der Reichen; und hat der Eine ein Recht auf die Hilfe des Andern, so ist es kein Werk der Liebe mehr, sondern eine Pflicht. Die Wohlthätigkeit beginnt nach der mosaischen Lehre damit, dem Armen das Gefühl und den Gedanken der völligen Besitzlosigkeit zu nehmen. Der Arme hat seinen Teil am Feld, am Weinberg und an den Oelpflanzungen in Palästina. Durch diesen selbstverständlichen Anteil, den der Arme an dem Besitz des Reichen durch das Gesetz und durch die Religion hatte, nahm der Arme gleichsam als Mitbesitzer Interesse an dem Gedeihen und der Entwicklung des Besitzes und konnte ihm nicht mehr feindlich gegenüberstehen. Der Reiche hatte keinen ausschließlichen Besitz mehr, er mußte immer und überall den Armen als Teilhaber anerkennen, und der Arme fühlte sich nicht als völlig besitzlos. Hauptsächlich handelte es sich darum, den Armen nicht allein in seiner Thätigkeit zu erhalten, sondern mehr noch in seinem Ehrgefühl, im Bewußtsein seiner Würde, seines Standes. Daher kennt die biblische Sprache, wie schon Michaelis bemerkt, die Bezeichnung „Bettler" — d. h. zudringlich Bittende — nicht; nie ist die Rede von der begehrlich ausgestreckten Hand des armen Empfängers, sondern nur von der zuvorkommend sich öffnenden und entgegettreichenden des Gebers. Der spätere Psalmist muß den Begriff umschreiben, weil der Sprache eine Bezeichnung fehlt für ein Elend, das ein beschämendes Zeugnis mangelnder brüderlicher Gesinnung ist. Man gab nicht blos dem bereits Gesunkenen, dessen Glücksrad ganz geborsten war, man gab dem noch williger, dem der Boden erst zu wanken begann, damit der Sturz abgewendet werde. „Wenn ein Lasttier erst zu erliegen droht, kann eine kleine Kraft es unterstützen; ist es aber der Last bereits erlegen, heben fünf Männer es nicht auf." (Jalk. Behar.) Um die Armen zu erziehen und ihnen den Stempel des Bettelns zu benehmen, sollen sie wie Hausgenossen ausgenommen werden. Besonders waren die Feiertage dazu bestimmt, um den Armen jeden Stachel ihres Mangels, ihrer Notdurft aus ihrer Besitzlosigkeit zu nehmen und ihnen das Gefühl der Gleichheit mit allen Brüdern ins Herz zu pflanzen. Das ist die Auffassung des Judentums über die Armut, die nicht nur in der Theorie gegolten, sondern der auch die Praxis entsprach. Die Ungleichheiten der menschlichen Gesellschaft sind Krankheiten und Nebel, aber notwendig und heilbar, indem der Bevorzugte zu seinem eigenen Heil so viel an den Vernachlässigten abgiebt, daß dieser nicht fühlt, daß er minder bevorzugt ist. Die Heilung dieser sozialen Krankheit darf aber nicht auf augenblickliche Linderung des Schmerzes Bedacht nehmen, sondern sie muß die gründliche Besserung ins Auge fassen, und diese ist Erziehung. Erzogen sollen die Menschen werden zur Schätzung der Arbeit und zur Arbeitsliebe. Sie schafft das richtige Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeiter, wodurch beide wechselseitig auf ihr Heil und Wohl bedacht sind, und einander als wohlthätige Ergänzung betrachten. Nicht mühelos sollen die Menschen auf Kosten anderer leben wollen, wodurch sich der Balsam der Nächstenliebe in Gift verwandelt; was sie erwarten dürfen, ist die wohlwollende Förderung der Bestrebungen Mittelloser von seiten der Reichen. Wo aber Selbsthilfe aus Mangel an vorhandener Kraft nicht mehr Platz greifen kann, da muß dem Elend und der Not nicht ein Almosen, sondern ausreichende Hilfe zuteil werden. Die Wohlthätigkeit in der bis jetzt geschilderten Art ist der Geburtsadel Israels, sagt der Talmud (Berach 32), sodaß jeder seine echte Abstammung von Abraham durch Wohlthätigkeit beweist, die Wohlthätigkeit ist auch der Herzschlag und das Leben eines jeden Volks und Staats; ohne diese stirbt das Volk, geht der Staat zu Grunde; „denn Zion wird durch Recht erlöst und seine Wiederkehrenden durch Wohlthätigkeit" (Jes. 1. 27). Zwei Wtter. (Zum Neujahrstag.) Von Moritz Scherbel. Zwei Frauen werden uns in unserer heutigen Thoravorlesung und Haftorah als Musterbilder mütterlicher Erziehung vorgeführt, zwei Frauen, deren Liebe zu ihren Söhnen eben so groß war, wie ihr Pflichtbewußtsein, sie zu einem frommen Ziel zu geleiten. Die eine dieser Frauen ist Sarah, die Mutter Isaaks, die andere ist Channah, die Mutter Samuels. Von Sarah wissen wir, daß sie Isaak im hohen Alter geboren, von Channah, daß sie nach innigem Gebet und nach der besonderen Fürbitte des Hohenpriesters Eli ihren Sohn empfangen. Schon deshalb müssen Isaak und Samuel von ihren Müttern besonders geliebt worden sein. Und ohne Zweifel hegten Sarah und Channah diese innige Liebe, die sie aber die Vorschrift nicht vergessen ließ, ihre Söhne zuerst für Gott und die Welt, und dann erst für sich selbst zu erziehen. Diese Selbstentäußerung mußte die schönsten Früchte tragen und hat sie auch getragen. So konnte es geschehen, daß Isaak, neben seinem Bruder Jsmael und unter den gleichen Verhältnissen erzogen, an sittlichem und religiösem Charakter himmelhoch über diesem stand; so konnte es kommen, daß Samuel, der in späterer Zeit so sehr unter dem Einfluß der sündhaften Söhne Elis gelebt, von deren bösem Beispiel nichts angenommen hat, daß es vielmehr von ihm heißt: „er war wohlgelitten bei Gott und den Menschen." Da ist ° wohl der Einfluß der Mutter unverkennbar wahrzunehmen.