Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 37 (14.9.1900)
- Date
- 1900-09-14
- Page
- Seite 582 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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£>eue 582. Israelitische Wochenschrift. Nr. 37. zu danken, daß eine natürlichere, vernunftgemäßere und jedenfalls unmythische Erklärung der Welt endlich zum Sieg kommen konnte, und daß der Ring der Kultur, welcher uns jetzt mit der Aufklärung des griechisch-römischen Altertums zusammenknüpft, unzerbrochen blieb. Wenn das Christentum Alles gethan hat, um den Occident zu orientalisieren, so hat das Judentum wesentlich mit dabei geholfen, ihn immer wieder zu occidentalisteren, was in einem bestimmten Sinn so viel heißt, als Europas Aufgabe und Geschichte zu einer Fortsetzung der griechischen zu machen." In „Jenseits von Gut und Böse" sagt er ferner (S. 12): „Die Juden sind es gewesen, die gegen die aristrokratische Wertschätzung mit einer furchteinflößenden Folgerichtigkeit die Umkehrung gepredigt und mit den Zähnen des abgründlichsten Hasses festgehalten haben, nämlich die Elenden allein sind die Guten, die Armen, Ohnmächtigen, Niederen allein sind die Guten u. s. w. Dagegen Ihr Vornehmen und Gewaltigen, Ihr seid in aller Ewigkeit die Bösen und Grausamen. Das aber ist der „Sklavenausstand in der Moral". S. 68. „Im jüdischen „alten Testament", dem Buch von der göttlichen Gerechtigkeit, giebt es Menschen, Dinge und Reden in einem so großen Stile, daß das griechische und indische Schrifttum ihm nichts zur Seite zu stellen hat. Man steht mit Schrecken und Ehrfurcht vor diesen ungeheuren Ueberbleibseln dessen, was der Mensch einstmals war, und wird dabei über das alte Asten und sein vorgeschobenes Halbinselchen Europa, das durchaus gegen Asten den „Fortschritt des Menschen" bedeuten möchte, seine traurigen Gedanken haben. Freilich wer selbst nur ein dünnes zahmes Haustier ist und nur Haustierbedürfnisse kennt, der hat unter jenen Ruinen weder sich zu verwundern, noch gar sich zu betrüben — der Geschmack am alten Testament ist ein Prüfstein in Hinsicht auf „Groß" und „Klein" —: vielleicht, daß er das .neue Testament, das Buch von der Gnade, immer noch eher nach seinem Herzen findet (in ihm ist viel von dem rechten zärtlichen dumpfen Betbrüder- und Kleinen-Seelen-Geruch). Dieses neue Testament, eine Art Rococo des Geschmacks in jedem Betracht, mit dem alten Testament zu einem Buch zusammengeleimt zu haben, als „Bibel", als „das Buch an sich": Das ist vielleicht die größte Verwegenheit und „Sünde wider den Geist", welche das literarische Europa auf dem Gewissen hat." Stolz stand Nietzsche auf einsamer Warte. Stolz und einsam und mit einem Herzen, das glühend für den Fortschritt der Menschheit schlug. So steht der Jude inmitten einer feindseligen, haßgewappneten Welt, einer Welt, der die Laute fremd sind, in denen er mit seinem Gott spricht. Und wie rächt sich der Jude? Nathan wärmt das Kind des Feindes an seinem Herzen, Spinoza schreibt seine Ethik. Hier stehen sie treu Schulter an Schulter, die drei großen Vorkämpfer des Fortschritts: Spinoza, der Verkünder des amor Dei intellectualis im 17. Jahrhundert, Lessing, der Wortführer der „Aufklärung" im 18., Nietzsche, als unerbittlicher Nachlaßsichter des 19. Jahrhunderts. Und seinen eigenen Nachlaß zu sichten, sein Erbe anzutreten, sind wir Juden berufen. Doch nun heißt es, den Mut der Erben zeigen. Allzuschwer kann es uns nicht werden. Dieses letzte Jahrzehnt hat Nietzsche recht gegeben. Sein Urteil über den Antisemitismus hat dieser selbst bestätigr. Man wird Nietzsche immer und immer wieder lesen. Man wird mehr und mehr erkennen, daß zu dem Rätselspruch, den die Sphinx des Lebens uns zu lösen giebt, Nietzsche einen wichtigen Schlüssel bedeutet. An uns ist es, seinem Seherwert gerecht zu werden: Ist man einst so eifrig dem Ruf gefolgt: 5apere aude, kann man sich nicht Genüge thun, auf allen Gebieten des Wissens mit um die Palme des Erfolges zu ringen, warum nicht aushalten am „alten Glauben", dem Glauben an eine Zukunft der Menschheit, eine Zukunft Israels? Oedere aude! Die Armeußeuer. (Zum Wochenabschnitt.) Von Rabbiner Dr. B. Seligkowitz-Cöthen. Um die Wurzel zu erkennen, aus der alle biblischen und nachbiblischen Vorschriften über Wohlthätigkeit emporgewachsen sind, muß man sich mit dem palästinensischen Eigentumsbegriff vertraut machen, der von dem römischen sich weit unterscheidet. Das absolute, ausschließende Eigentum, die unbegrenzte Herrschaft und Machtvollkommenheit über den Besitz, den lebenden und^ leblosen, Personen und Sachen, ohne gegenseitige Verpflichtung zwischen Eigentum und Eigentümer, Herren und Diener, war die Seele der römischen Gesetzgebung. Ueber den Gebrauch seines Eigentums war der Römer Niemandem Rechenschaft schuldig; seine Herrschaft über das, was ihm gehörte, war unbegrenzt; der Besitz gewährte blos Rechte und legte keine Pflichten auf. Mit der Selbstmacht des Eigenwillens, den das Gesetz dem Eigner einräumte, hängt jene selbstsüchtige Härte zusammen, die der Römer und sein Recht gegen Ueberwundene, gegen Schuldner, gegen Sklaven walten ließ. Dieselbe Herzlosigkeit, mit der römische Landpfleger unterworfene Völkerschaften ausgebeutet haben, denselben krassen Egoismus verlieh das Gesetz dem Eigentümer gegen alle, die wirtschaftlich in seine Rechtssphäre hineingerieten. Die sozialen Verhältnisse in Europa aber haben sich ausgestaltet unter dem Einfluß der römischen Etgentumstheorie, von der ein bedeutender Rechtslehrer unserer Zeit mit Recht sagt, daß sie, wenn man sie beim rechten Namen benennen will, „die Gefräßigkeit des Egoismus" ist. Die palästinensische Anschauung ging gerade von der entgegengesetzten Theorie aus, daß nämlich der Einzelne nur im uneigentlichen Sinn Eigentümer von Grund und Boden sein kann; vielmehr gehört das ganze Land mit allen seinen Schätzen Gott selbst, dem Schöpfer und obersten Eigentümer. „Mein ist das Land, spricht der Herr, Fremdlinge und Beisassen seid ihr von mir" (III. Mos. 5, 23). Die Menschen teilten sich allerdings in die Erde nach menschlicher Weise, so daß viele bei dieser Verteilung leer ausgegangen sind. Allein jeder Arme und Bedürftige besitzt gegen den Begüterten und Reichen bestimmte vollgiltige Rechts ansprüche auf Unterstützung, die nicht mit dem armseligen Namen „Almosen", ein Wort, das dem hebräischen Wortschatz völlig fremd ist, sondern mit der charakteristischen Bezeichnung „Gerechtigkeit" belegt war, da sie das dem rechtmäßigen Besitzer durch widrige Geschicke entfremdete Gut zurückerstattet. Die „Gerechtigkeit" begründete ein Armenrecht auf Pflichterfüllung, die im Wege der Exekution eingetrieben werden konnte. Als „Gerechtigkeit" mußte jeder Grundeigentümer bei Vermeidung von Geißelstrafen und zwangsweiser Einholung,