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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-09-14 · 37 (14.9.1900) · p. Seite 581

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
37 (14.9.1900)
Date
1900-09-14
Page
Seite 581 (sequence 9)
Language
German
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Sir. 37. Israelitische Wochenschrift. Seite 581. hier kein ander Volk aufweisen kann, und zwar so, daß nicht eben der Gemeinschaft, aber umsomehr den Einzelnen die Erfahrungen dieser entsetzlichen Uebungszeit zugute gekommen sind. Infolge davon sind die seelischen und geistigen Hilfsquellen bei den jetzigen Juden außerordentlich; sie greifen in der Not am seltensten von allen, die Europa bewohnen, zum Becher oder zum Selbstmord, um einer tiefen Verlegenheit zu entgehen — was dem geringer Begabten so nahe liegt. Jeder Jude hat in der Geschichte seiner Väter und Großväter eine Fundgrube von Beispielen kältester Besonnenheit und Beharrlichkeit in furchtbaren Lagen, von feinster Ueberlistung und Ausnützung des Unglücks und des Zufalls; ihre Tapferkeit unter dem Deckmantel erbärmlicher Unterwerfung, ihr Heroismus im spernere se sperni übertrifft die Tugenden aller Heiligen. Man hat sie verächtlich machen wollen dadurch, daß man sie zwei Jahrtausende lang verächtlich behandelte und ihnen den Zugang zu allen Ehren, zu allem Ehrbaren verwehrte, dafür sie um so tiefer in die schmutzigeren Gewerbe hineinstieß, und wahrhaftig, sie sind unter dieser Prozedur nicht reinlicher geworden. Aber verächtlich? Sie haben selber nie aufgehört, sich zu den höchsten Dingen berufen zu glauben, und ebenso haben die Tugenden aller Leidenden nie aufgehört, sie zu schmücken. Die Art, wie sie ihre Väter und ihre Kinder ehren, die Vernunft ihrer Ehen und Ehesitten zeichnet sie unter allen Europäern aus. Zu alledem verstanden sie es, ein Gefühl der Macht und der ewigen Rache sich aus den Gewerben zu schaffen, welche man ihnen überließ (oder denen man sie überließ); man muß es zur Entschuldigung selbst ihres Wuchers sagen, daß sie ohne diese gelegentliche, angenehme und nützliche Folterung ihrer Verächter es schwerlich ausgehalten hätten, sich so lange selbst zu achten. Denn unsere Achtung vor uns selber ist daran gebunden, daß wir Wiedervergeltung im Guten und Schlimmen üben körtnen. Dabei reißt sie ihre Rache nicht leicht zu weit; denn sie haben alle die Freisinnigkeit, auch die der Seele, zu welcher der häufige Wechsel des Orts, des Klimas, der Sitten, von Nachbarn und Unterdrückern den Menschen erzieht, sie besitzen die bei Weitem größte Erfahrung. . . Sie wissen selber am besten, daß an eine Eroberung Europas und an irgend welche Gewaltsamkeit für sie nicht zu denken ist; wohl aber, daß Europa irgendwann einmal wie eine völlig reife Frucht ihnen in die Hände fallen dürfte, welche sich ihr nur leicht entgegenstrecken. Inzwischen haben sie dazu nötig, auf allen Gebieten der europäischen Auszeichnung sich auszuzeichnen und unter den Ersten zu stehen, bis sie es so weit bringen, das, was auszeichnen soll, selber zu bestimmen. Dann werden sie die Erfinder und Wegweiser der Europäer heißen und nicht mehr deren Scham beleidigen. Und wohin soll auch diese Fülle angesammelter großer Eindrücke, welche die jüdische Geschichte für jede jüdische Familie ausmacht, diese Fülle von Leidenschaften, Tugenden, Entschlüssen, Entsagungen, Kämpfen, Siegen aller Art, wohin soll sie sich ausströmen, wenn nicht zuletzt in große geistige Menschen und Werke? Dann, wenn die Juden auf solche Edelsteine und goldene Gefäße als ihr Werk hinzuweisen haben, wie sie die europäischen Völker kürzerer und weniger tiefer Erfahrung nicht hervorzubringen vermögen und vermochten, wenn Israel seine ewige Rache in eine ewige Segnung Europas verwandelt haben wird, dann wird jener siebente Tag wieder einmal da sein, an dem der alte Judengott sich seiner selber, seiner Schöpfung und seines auserwählten Volks freuen darf — und wir Alle, Alle wollen uns mit ihm freuen." „Sie verstehen es", sagte Nietzsche in „Jenseits von Gut und Böse", im 252. Aphorismus (8. Hauptstück, S 21 l f.), „selbst noch unter den schlimmsten Bedingungen sich durchzusetzen (besser sogar, als unter günstigen), vermöge irgend welcher Tugenden, die man heute gern zu Lastern stempeln möchte, — dank vor Allem einem! resoluten Glauben, der sich vor den „modernen Ideen" nicht zu schämen braucht; sie verändern sich, wenn sie sich verändern, immer nur so, wie das russische Reich seine Eroberungen macht, — als ein Reich, das Zeit hat und nicht von gestern ist; — nämlich nach dem Grundsätze „so langsam als möglich". Ein Denker, der die Zukunft Europas aus seinem Gewissen hat, wird bei allen Entwürfen, welche er bei sich über diese Zukunft macht, mit den Juden rechnen wie mit den Russen, als den zunächst sichersten und wahrscheinlichsten Faktoren im großen Spiel und Kampf der Kräfte. Das, was heute in Europa „Nation" genannt wird und eigentlich mehr eine res facta als nata ist (ja mitunter einer res ficta et picta zum Verwechseln ähnlich steht), ist in jedem Fall etwas Werdendes, Junges, leicht Verschiebbares, noch keine Race, geschweige denn ein solches aere perennius, wie es die Judenart ist: Diese „Nationen" sollten sich doch aber vor jeder hitzköpfigen Konkurrenz und Feindseligkeit sorgfältig in Acht nehmen! Daß die Juden, wenn sie wollten — oder, wenn man sie dazu zwänge, wie es die Antisemiten zu wollen scheinen — jetzt schon das Uebergewicht, ja ganz wörtlich die Herrschaft über Europa haben könnten, steht fest, daß sie nicht darauf hinarbeiten und Pläne machen, ebenfalls. Einstweilen wollen und wünschen sie vielmehr, sogar mit einiger Zudringlichkeit, in Europa, von Europa ein- und aufgesaugt zu werden, sie dürsten darnach, endlich irgendwo fest, erlaubt, geachtet sein und dem Nomadenleben, dem „ewigen Juden" ein Ziel zu setzen; — und man sollte diesen Zug und Drang (der vielleicht selbst schon eine Milderung der jüdischen Instinkte ausdrückt) wohl beachten und ihm entgegenkommen: wozu es vielleicht nützlich und billig wäre, die antisemitischen Schreihälse des Landes zu verweisen. Mit aller Vorsicht entgegenkommen, mit Auswahl; ungefähr so, wie der englische Adel es thut. Es liegt auf der Hand, daß am unbedenklichsten noch sich die stärkeren und bereits fester geprägten Typen des neuen Deutschtums mit ihnen einlassen könnten, zum Beispiel der adlige Offizier aus der Mark; es wäre von vielfachem Interesse, zu sehen, ob sich nicht zu der erblichen Kunst des Befehlens und Gehorchens — in Beiden ist das bezeichnete Land heute klassisch — das Genie des Geldes und der Geduld (und vor Allem etwas Geist und Geistigkeit, woran es reichlich an der bezeichneten Stelle fehlt) Hinzuthun, hinzuzüchten ließe. Doch hier ziemt es sich, meine heitere Deutschtümelei und Festrede abzubrechen; denn ich rühre bereits an meinem Ernst, an das „europäische Problem", wie ich es verstehe, an die Züchtung einer neuen über Europa regierenden Kaste." Nietzsche wirft einmal die Frage auf: „Was Europa den Juden verdankt?" und er antwortet: „Vielerlei, Gutes und Schlimmes, und vor Allem Eins,' das vom Besten und Schlimmsten zugleich ist: den großen Stil in der Moral, die Furchtbarkeit und Majestät unendlicher Forderungen, unendlicher Bedeutungen, die ganze Romantik und Erhabenheit der moralischen Fragwürdigkeiten — und folglich gerade den anziehendsten, verfänglichsten und ausgesuchtesten Teil jener Farbenspiele und Verführungen zum Leben, in deren Nachschimmer heute der Himmel unserer europäischen Kultur, ihr Abendhimmel, glüht — vielleicht verglüht. Wir Artisten unter den Zuschauern und Philosophen sind dafür den Juden dankbar." In seiner Aphorismen-Sammlung „Menschliches — Allzumenschliches" Nr. 474 heißt es: „Ueberdies: in den dunkelsten Zeiten des Mittelalters, als sich die asiatische Wolkenschicht schwer über Europa gelagert hatte, waren es jüdische Freidenker, Gelehrte und Aerzte, welche das Banner der Aufklärung und der geistigen Unabhängigkeit unter dem härtesten persönlichen Zwang festhielten und Europa gegen Asien verteidigten; ihren Bemühungen ist es nicht am wenigsten

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