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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-09-14 · 37 (14.9.1900) · p. Seite 580

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
37 (14.9.1900)
Date
1900-09-14
Page
Seite 580 (sequence 8)
Language
German
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eeue 580. Israelitische Wochenschrift. 37. teilen wollen. Ihm war wie einem von uns klar, daß die „Auöerwähltheit" Israels die schwere Last einer unermeßlichen, für die gesamte Menschheit zu lösenden Aufgabe bedeutet, daß der „Gott der Rache" der Gott ist, der keine Ungerechtigkeit duldet und deshalb den bösen Willen bestraft, um des Frevlers Besserung zu erzielen. Schopenhauer, der Philosoph des Pessimismus, mußte die Juden hassen, deren Existenz eine Leugnung seiner Lehren war; Nietzsche, der Sohn der Vervollkommnung, mußte die Juden als die praktischen Vorläufer, Bethätiger, Organisatoren seiner Vervollkommnungsphilosophie bewundern und lieben. Nicht ein Leiden und Dulden ist ihm Israels Geschick; ihm schleicht es nicht dahin wie der „ewige Jude" unjüdischer Erfindung, chm ist der Jude dem ringenden Antäus vergleichbar, dem aus dem Murterboden seiner religiösen Anschauungen immer neue Kraft quillt. Das ist in Nietzsches Geist die „Erwählung" Israels, seine Stärke. Aber zielbewußt muß diese Stärke sein, um ästhetisch zu wirken. Und dieses Ziel? Der Semit Heine sieht im Juden den „Europäer des Orients", der Antisemit den Orientalen im Occident — und Nietzsche? Er weiß dem Juden Dank, daß er in den düstersten Zeiten „den Occident vor dem Untergang im Orientalismus bewahrt", daß er aus geistumnebelnder Romantik und willenertötendem Unisormismus das klassische Erbe des Oecidents der Menschheit gerettet hat. Diese rettende That und eine Erfahrung, wie sie kein zweites Volk aufzuspeichern vermocht, bestimmen in Nietzsches Augen den Juden zum Lehrer der Menschheit, von ihm soll einst den Völkern der Seeen kommen. Das ist ihm jüdische „Rache", eine Rache, die nicht rastet bis zur spurlosen Vernichtung des Gegners: des finsteren Geistes, der die Menschheit entzweit, sie aus dem Weg des Fortschritts hemmt. Diesen Geist vernichten zum Heil der Menschheit — das ist die „jüdische Rache". Hier ist sogar der Punkt, wo Nietzsche aus seiner vornehmen Haltung, seiner Scheu vor jeder Berührung mit der mteera plebs fest und offen heraustritt, um an der Seite der Juden gegen diesen Gerst des Rückschritts zu kämpfen. Er, der sonst hoch über dem Gezänk des Tages thront, nützt jeden noch so fernliegenden Anlaß, um seinen innersten Abscheu gegen den antisemitischen Pöbel zu bekunden. Der Antisemit gilt Nietzsche als Prototyp des moralisch Enterbten. Er geißelt ihn nicht nur im Radauantisemitismus irgend eines Herrn Käsebier, er züchtigt nicht nur das Gelichter vom Schlage eines Dühring. Selbst seinen Richard Wagner scheut er sich nicht zu entlarven. Ja, es verdient betont zu werden, daß Nietzsche zuerst ein gutes Teil der Vaterschaft unseres Antisemitismus Wagner und seinem Einfluß auf Rechnung gesetzt hat. Ihm selbst wurde es nicht leicht, Wagner zu überwinden. Nietzsche sagt einmal von gewissen Historikern, sie lehrten nicht nur rückwärts gewandtes Schauen, sondern womöglich rückwärts gewandtes Glauben. Wagner trifft dies Wort vor Allen. Aus dem Teutonentum seiner phantastischen Umprägung, auf das er seine Teutschen zurückwies, erhob sich die Sumpfblüte des deutschen, antijüdischen Chauvinismus. Noch schwerer gelang es ihm, von „Wagners Vordermann", von Schopenhauer, sich loszuringen. Zu dem Halbgott einer gewissen Halbbildung, als deren integrierender Bestandteil eine tüchtige Dosis Judenhaß gilt, fühlte sich Nietzsche immer klarer und bestimmter in grundsätzlichem Gegensatz. Schopenhauer haßt die Juden, denn er haßt den Optimismus. Und der Optimismus erscheint ihm in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit als der Erbfeind allen Fortschritts. Aber gerade im Judentum, im optimistischen Judentum, erkannte Nietzsche das Haltlose der These seines Meisters. Die Juden, die Blutzeugen des Fortschritts, und doch unverwüstliche Optimisten! Und das ist das Wesentliche. Wie Nietzsche im Ganzen mit einer Rückhaltlosigkeit ohnegleichen eine glänzende Bejahung des Judentums ist, so ist das Judentum seine Bejahung, sein weltgeschichtlicher Zeuge, der stimmgewaltige Chorführer in dem ewigen Schöpfungshymnus des Optimismus, wie er uns durch den Sonnenäther Nietzsche'scher Zarathustraweisheit zum Ideal, zum Uebermenschen emporträgt. Und nun Nietzsche, der Pädagog, der Volkserzieher. Hier läßt er den ganzen Zauber seiner Sprache spielen, die selbst dem logischen Ernst des Gedankens Schwere nimmt und der kategorischen Forderung des Reizes leichte Schwingen leiht; hier sammelt er mit Meisterhand die Lichtstrahlen der Vergangenheit zu einem lockenden Bild. Damit gewinnt er des Volkes Zukunft, die Jugend, und unsere Jugend mögen einige Proben aus seinen wichtigsten Schriften lehren, wie Nietzsche von Israels Vergangenheit gedacht und was er von seiner Zukunft erwartet. In der „Genealogie der Moral" heißt es: * S. 35. „Die Römer waren ja die Starken und Vornehmen, wie sie stärker und vornehmer bisher auf Erden nicht dagewesen, selbst niemals geträumt worden sind; jeder Ueberrest von ihnen, jede Inschrift entzückt, gesetzt, daß man errät, was da schreibt. Die Juden umgekehrt, waren jenes priesterliche Volk des Ressentiment pur excellence, dem eine volkstümlich-moralische Genialität sondergleichen innewohnte: man vergleiche nur die verwandt-begabten Völker, etwa die Chinesen oder die Deutschen, mit den Juden, um nachzufühlen, was ersten und was fünften Ranges ist." S. 133. „Ich erinnere Leser, die Ohren haben, nochmals an jenen Berliner Rache-Apostel Eugen Dühring, der im heutigen Deutschland den unanständigsten und widerlichsten Gebrauch vom moralischen Bum-Bum macht: Dühring, das erste Moral-Großmaul, das es giebt, selbst noch unter seines Gleichen, den Antisemiten." S. 17. „Ich mag auch sie nicht, diese neuesten Spekulanten in Idealismus, die Antisemiten, welche heute ihre Augen christlich - arisch-biedermännisch verdrehen und durch einen jede Geduld erschöpfenden Mißbrauch des wohlfeilsten Agitationsmittels, der moralischen Attitüde, alle Hornvieh-Elemente des Volkes aufzuregen suchen; — daß jede Art Schwindelgeisterei im heutigen Deutschland nicht ohne Erfolg bleibt, hängt mit der nachgerade unableugbaren und bereits handgreiflichen Verödung des deutschen Geistes zusammen, deren Ursache ich in einer allzuausschließlichen Ernährung mit Zeitungen, Politik, Bier und Wagnerischer Musik suche." „Vom Volke Israel: Zu den Schauspielen, auf welche uns das nächste Jahrhundert einladet, gehört die Entscheidung im Schicksal der europäischen Juden. ... In Europa aber haben sie eine Schule von achtzehn Jahrhunderten durchgemacht, wie sie

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