Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 37 (14.9.1900)
- Date
- 1900-09-14
- Page
- Seite 579 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 87. Israelitische Wochenschrift. Seile 579. die Binde abzunehmen. Wir können uns sogar vorstellen, daß ein schlechter Criminal-Polizist sich für einen ausgezeichneten Criminal-Politiker hält. An dem Prozeß Jsraelski ist nicht blos die Erhebung der Anklage und ihre Aufrechterhaltung durch den Vertreter der Staatsanwaltschaft merkwürdig. Auch die Verhandlung trug einen merkwürdigen Charakter, ohne daß die Beteiligten es merkten. Es ging damit, wie mit der sehr vernünftigen Jsraelski'schen Schlußäußerung, nur daß es sich hierbei nicht gerade um Vernünftiges handelte, das verkannt wurde, sondern um Unvernünftiges, das man ernsthaft erörterte. Es war vom „Schächtschnitt" im Zusammenhang mit der Tötung des Winter die Rede. Was man damit eigentlich sagen wollte, ist nicht klar ausgedrückt, nicht einmal klar gedacht worden, und doch manipulierte man, teils grob, teils discret, teils plump, teils vorsichtig mit dem Wort, als ob es wirklich etwas Verständliches sagte. Man unterhielt sich ausführlich und mit Hilfe von Sachverständigen darüber, ob der Halsschnitt, der dem Winter beigebracht worden, ein „Schächtschnitt" gewesen sei. Ein Sachverständiger sagte ganz zutreffend aus, daß der Schnitt des Schächters am Rind ein einfacher und einmaliger Schnitt sei. Den Hals des Winter haben mehrere Schnitte vom Kopf getrennt. Eine Vielheit von Halsschnitten kann nicht als Schächtschnitt bezeichnet werden, zu dessen Charakteristiken die Einheit gehört. Unter einer Vielheit von Halsschnitten kann aber unfraglich der erste ein Schächtschnitt sein. Das stellte der Gerichtsvorsitzende fest, indem er den Sachverständigen fragte, ob nicht der zweite Schnitt gemacht sein könne, um den Schächtschnitt-Charakter des ersten zu kachieren. Das ist möglich, erwiderte der Sachverständige. Was in aller Welt hat der Herr Gerichtsvorsttzende damit gemeint? Der Schächtschnitt ist eine technische Manipulation, die als solche an jedem Säugetier, auch am Menschen vorgenommen werden kann. Wer zu schächten gewöhnt ist, wird selbstverständlich eine große Fertigkeit in der Manipulation gewinnen. Dem Schlächter, der an die Zerteilung von Vieh gewöhnt ist, wird sie leicht fallen. Immerhin kann angenommen werden, daß ein mit besonderer Sicherheit und Akkuratesse ausgeführter Schächtschnitt eher von einem Schächter, als von einem anderen ausgeführt sein mag. Würde ein jüdischer Schächter einen Mord begehen — was in der Welt noch nicht vorgekommen ist — so könnte allerdings der Laie, der nicht weiß, was ein Schächter ist, auf den Gedanken kommen, daß der Schächter die beim Schächten gewonnene Geschicklichkeit auch beim Morden zeigen könnte, etwa wie der Schlächter die gewohnte kunstgerechte Viehzerlegung bei leichenschänderischer Zerstückelung eines Menschenkörpers. Allerdingsnur ein Laie — der im übrigen ein Daniel sein dürfte, ein zweiter Daniel — könnte darauf verfallen, ein blutiger Laie, dem nicht bekannt ist, daß das Schächten einen religiösen Akt darstellt, bei dem der Schächter frommen Sinnes darauf bedacht ist, Gottes Gebot zu erfüllen, das die unnötige Quälung jeder Kreatur untersagt. Würde ein Schächter zum Mörder werden oder zum Totschläger, was, wie gesagt, in der Welt noch nicht dagewesen, er könnte es nicht werden, indem er die Schächtinstrumente benutzt, noch weniger, indem er sie nach ritueller Gewöhnung benutzt. Der Herr Gerichtsvorsitzende in Könitz hat das nicht gewußt und brauchte es auch nicht zu wissen. Was aber wollte er mit dem „Kachieren" des Schächtschnitts sagen? Wollte er andeuten, daß ein „Schächtschnitt" den Winter zu Tode gebracht hat, und daß der „Schächtende" diese Art der Tötung, die beabsichtigt war, verdecken wollte? Das kann er nicht haben sagen wollen, denn es wäre unerlaubt unbegreiflich gewesen. Wir bedauern — nicht um unsertwillen — daß es einen Prozeß Jsraelski gegeben hat. Wir bedauern es um des Ansehens der Justiz willen, das unseres Erachtens erschüttert wird, wenn Anklagen mit Nebenabsichten und wegen der Nebenabsichten erhoben werden. Für die an dieser Stelle von uns vertretenen Interessen war der Prozeß Jsraelski gut, abgesehen davon, daß er für uns Juden die Lehre enthält, wir müßten noch heutigen Tags darauf vorbereitet sein, unsere Nichtschuld zu beweisen: Es ist dargethan, daß Winter wahrscheinlich den Erstickungstod gestorben ist. Er hat seines Lotterlebens Ende gefunden, als er überrascht wurde; man hat ihn unter einem Kissen erstickt und dann seine Leiche zwecks heimlicher Fortschaffung zerstückelt. Diese Vermutung haben wir von vornherein aufgestellt. Es müssen nicht durchaus Schlächter gewesen sein,. die die That vollbracht haben. Die Not lehrt nicht blos beten, sie lehrt unter Umständen noch ganz andere Dinge. Der Prozeß Jsraelski hat gezeigt, was er nicht sollte: daß die Behörden die Untersuchung auf Abwege haben lenken lassen von denen, die ein Interesse hatten, daß die Wahrheit nicht ans Licht komme. Kiedrich Nietzsche. Friedrich Nietzsche, der Philosoph unter den Dichtern, ein Dichter unter den Philosophen, ist aus dieser Zeitlichkeit geschieden. Sein Geist hatte den Denkern aller Nationen neue Anregungen gegeben, als er ihn selbst verließ. Er konnte noch wahrnehmen, wie tief er auf die Besten gewirkt, und ihm blieb zu sehen erspart, daß die „Vielzuvielen" mit seinem Goldgeschmeide sich aufputzten, das in ihren Händen zum nichtigen Flitter wurde. Der Aristokrat unter den Denkern wurde so sehr mißverstanden, daß seine Antipoden ihn zu ihrem Götzen machten; den Seher der erhabensten, zielbewußt der Veredelung zustrebenden Ethik, verkannte die hirnlose Libertinage so sehr, daß sie ihn zu ihrem Propheten herabzerren wollte. Es ist selbstverständlich, daß ein wirklicher Moralphilosoph dem Judentum und seiner Offenbarung, der Quelle und Blüte aller Moral, mit freudigem und bewunderndem Staunen gegenübersteht, und das ist es, was uns veranlaßt, Nietzsches an dieser Stelle zu gedenken. Er wäre ein Narr gewesen, wie die „Vielzuvielen", nicht der skeptische, nach allen Zweifeln zur Gewißheit gelangende Denker, wenn er die gemeinplätzliche Auffassung von dem „auserwählten" Volk und von dessen „Gott der Rache" hätte