Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 37 (14.9.1900)
- Date
- 1900-09-14
- Page
- Seite 577 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 37. Israelitische Wochenschrift. •■örae 577. Centrum für den Antisemitismus nicht zu haben sein werde, bringen wir nur mäßiges Vertrauen entgegen. Hier hat das Wort volle Geltung: „Wer nicht ist für mich, der ist wider mich." * * * (Strenge Justiz.) Das Schöffengericht in Könitz hat zwei jüdische Frauen, die den Fleischermeister Hoffmann durch die Beschuldigung beleidigt hatten, er habe den Knaben Winter ermordet, zu 200 bezw. 1000 Mk. Strafe verurteilt. — Wir freuen uns über die Strenge dieser Urteile, deren volle Gerechtigkeit man erst nach dem Prozeß gegen die „Staatsbürgerzeitung" wird ermessen können. * * * (Lästerungen.) In einer Versammlung von Berliner Radau - Antisemiten, deren Niveau der Dreschflegel-Graf Pückler-Kleintschirne durch seine Anwesenheit und seine rednerische Mitwirkung kennzeichnete, ist nach dem Vortrag eines gewissen Böckler folgende Resolution gefaßt worden: „Auf die von Herrn Professor Hermann L. Strack zu Friedenau öffentlich aufgeworfene Frage: „Sind die Juden Verbrecher von Religionswegen?" — antworten die in Kellers Neuer Philharmonie versammelten 1000 deutschen Frauen und Männer: Zwar können wir das ebensowenig wissen, wie Herr Strack; denn wir wissen ebensowenig wie er, ob es verbrecherische, jüdische, religiöse Geheimlehren giebt, auch besitzt das Judentum Bräuche, wie z. B. das Schächten, die wir für höchst verwerflich, ja geradezu verbrecherisch halten, die wir jedoch nicht als religiöse Vorschriften, sondern als nationale Unsitten erklären, wenngleich das Judentum selbst anderer Ansicht zu sein vorgiebt; — aber ohne Zweifel sind, wenn die Erzählungen des alten Testaments wahr sind, Thaten des Judentums und seiner Vertreter überliefert, die wir reicht anders als Verbrechen (Opferung der Tochter Jephthas, Abschlachtung des Königs Agag, Diebstahl der ägyptischen Goldgeschirre) oder den Versuch dazu (Opferung Isaaks) bezeichnen können, und die nach Aussage der Führer und Lehrer der Juden (Moses, Samuel) auf das Geheiß des Judengotts oder gar zu seiner Ehre geschehen sein sollen." . Wir erwarten, indem wir Gerechtigkeit voraussetzen, daß die Staatsanwaltschaft gegen diese Lästerungen einschreitet. -i- * * (Die Spaltung der Antisemitenpartei.) Der Parteitag, den die Antisemiten in Magdeburg abgehalten haben, hat zu einer Spaltung geführt. Herr Liebermann von Sonnenberg, der im Dienst des Bundes der Landwirte steht, ist ausgeschieden, Herr Zimmermann ist Führer des Restes geblieben. Der Vorgang ist herzlich gleichgiltig. * * * (So sind sie Alle.) In Budapest ist die Polizei aus die Spur einer Geldfälscherdande gekommen, der zwei Advokaten, mehrere Grundbesitzer u. s. w. angehören. Unter den Verhafteten ist der Advokat Zoltan Tokacs, eine Leuchte des Antisemitismus. — So sind sie Alle, Alle ohne Ausnahme. * * * (Mortara in Galizien.) Im August vorigen Jahres verließ die minderjährige Rochne Weiß, die Tochter des Marcus Weiß in Wieliczka, heimlich das Elternhaus. Seit dieser Zeit weilte sie im Krakauer Kloster der Felicianerinnen. Alle Bemühungen der Eltern, das Kind wiederzuerlangen, waren fruchtlos. Im Juni dieses Jahres verlangte plötzlich die minderjährige Rochne Weiß vom Gericht die Aberkennung der väterlichen Gewalt des Marcus Weiß über sie, und die betreffende Verhandlung fand beim Bezirksgericht in Wieliczka statt. Bei dieser Verhandlung, zu der Rochne Weiß nicht erschienen war, verlangte der Vertreter des Marcus Weiß, Herr Dr. Raphael Landau, Landes- und Gerichtsadvokat in Krakau, in Anbetracht dessen, daß drei Zeugen vor Gericht aussagten, Rochne Weiß habe ihnen erklärt, sie wolle zu den Eltern zurückkehren, werde jedoch im Kloster daran gehindert, das Gericht möge Rochne Weiß mit ihren Eltern und den Zeugen konfrontieren und konstatieren, ob diese Angaben der Wahrheit entsprechen. Gleichzeitig verlangte Dr. Landau auch die Vernehmung der Oberin des Klosters. Das Bezirksgericht in Wieliczka gab diesen Anträgen Folge und requirierte das Bezirksgericht in Krakau zur Vornahme dieser Konfrontation und zur Vernehmung der Parteien. Zur Verhandlung erschien Marcus Weiß mit seinem Rechtsanwalt, jedoch weder die Oberin noch Rochne Weiß hatten sich eingefunden. Auf dem Zustellungsschein für Rochne Weiß war bemerkt, daß sie sich in Rußland befinde. Der Aufenthaltsort war nicht angegeben. Das Kloster werde trachten, daß die Weiß bei der Verhandlung erscheine. Somit muß ihr Aufenthaltsort im Kloster bekannt sein. Dr. Landau verlangte die neuerliche Vorladung der Oberin unter Strafandrohung, welchem Antrag der Richter Folge leistete. Hier liegt eine offene Vergewaltigung des väterlichen Rechts und eine Verhöhnung der Staatsgewalt wie der richterlichen Autorität vor. Kein Wunder, daß der Staat, der solche Verhöhnung duldet, solche Vergewaltigung zuläßt, seinem Untergang zueilt. Qui mange du juif en meurt. * * * (Antisemitische Aufrichtigkeiten.) Die in Dortmund erscheinende Zeitschrift „Freie Worte" schreibt in Nr. 10, Seite 2: „Es wäre bedauerlich, wenn die herrlich unverfälscht deutschvölkische Bewegung „Los von Rom" einen religiösen Charakter annehmen würde und das deutsche Volk sich aus den undeutschen Fesseln Roms lösen wollte, um in die geistig verjudeten der Bibel zu fallen! Möchten doch die Gegner des Altkatholizismus und Schwärmer für die biblisch-evangelische Kirche, die doch eingestandenermaßen mit der Bibel steht und fällt, es bei Zeiten erkennen, daß ein Glaubenstum, das sich fast ausschließlich nur auf die Judenbibel stützt, noch weniger ein deutsches (germanisches) ist, als das römische Katholikentum, das doch so manchen Brauch enthält, der als Zugeständnis an das alte germanische Glaubenstum zu beachten ist. Wenn Felix Dahn sagt: „Was christlich ist, ist nicht germanisch", so hat er recht, und je mehr biblisch, d. h. evangelisch-christlich ein Glaubenstum ist, desto weniger ist es germanisch. . . . Der biblisch-nüchterne protestantische Gottesdienst wird auch auf die Dauer nicht dem süddeutschen Gemüt genügen und es ist daher Gefahr vorhanden, daß die Süddeutschen früher oder später wieder dem römischen Kirchentume verfallen. Ein germanistisch gesinnter Deutscher sollte sich überhaupt nicht auf das Bibelkirchentum vereiden lassen, denn die Bibel ist durchaus voll ungermanischen Geistes! Wohl mag Jeder nach seinem eigenen Ermessen selig werden, " aber nachdem die „Los von Rom"-Bewegung als religiöse nicht