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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-09-14 · 37 (14.9.1900) · p. Seite 576

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
37 (14.9.1900)
Date
1900-09-14
Page
Seite 576 (sequence 4)
Language
German
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Seite 576. Israelitische Wochenschrift. Nr. 37. Die „Schlesische Zeitung", scheint es, ist dieser Meinung nicht; sie findet das Gebühren der „sonst angesehenen deutschen Firma" blos traurig, in dem des galizischen Juden ober sieht sie eine „schnöde" Bedrückung der einheimischen Bevölkerung. Offenbar wächst in ihren Augen diese Schuödigkeit noch dadurch, daß der galizische Jude „nicht einmal die Berechtigung hat, auf deutschem Boden zu übernachten." Der Einheimische also bleibt, nach der „Schlesischen Zeitung", ein „sonst angesehener Mann", wenn er das rhut, was, in seinem Auftrag und zu seinem Nutzen von einem Fremdbürtigen gethan, dem man die Nachtruhe auf deutschem Boden versagt, als „schnöde Bedrückung" charakterisiert werden muß! Die „Schlesische Zeitung" hat die Erzählung vom Splitter und Balken vergessen, die mit den Worten schließt: „Du Heuchler, ziehe am ersten den Balken aus deinem Auge; darnach besiehe, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehest". Vielleicht bedenkt die „Schlesische Zeitung" bei guter Muße noch das andere Wort aus demselben Mund: „Wehe euch, SchriftgelehrLen und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr gleich seid wie die übertünchten Gräber, welche auswendig hübsch scheinen, aber inwendig sind sie voller Totenbeine und allen Unflats." * * * (Das Centrum und der Antisemitismus.) Die „Augsburger Postzcitung", ein Centrumsorgan, nimmt gegen den von uns vor 14 Tagen charakterisierten thörichten Antisemiten- Artikel der „Post" in folgender Weise Stellung: „Was (in der „Post") über die zersetzende Tendenz und den gemeinschädlichen Einfluß des jüdischen Geistes aus politischem und wirtschaftlichem Gebiet gesagt wird, ist nicht neu. Man wird mit Recht die Entwertung der öffentlichen Meinung und der sittlichen Anschauungen hinzufügen können. Allein zur Heilung dieser Schäden bringen die politischen Parteien wenig Beruf mit. Das Judentum hat sich dem Liberalismus dienstbar gemacht, während er sich mit ihm zum Kampf gegen die christliche Weltanschauung verbündete. Die Gegenwirkung kann daher nur mit religiös-sittlichen Mitteln erfolgen und auf gesetzgeberischem Gebiet nur durch die praktische Verwirklichung christlicher Grundsätze: wahre Freiheit der Kirche und der christlichen Schule, Förderung der Sozialreform, gerechte Wirtschaftspolitik. An dem Streit, ob die Juden-Emanzipation vor fünfzig Jahren vernünftig oder unheilvoll war, har das Volk heut kein Interesse mehr. Die Gleichstellung der Juden ist da und wird nicht mehr rückgängig gemacht werden. Der Manchester-Liberalismus und der politische Radikalismuschaben dem Judentum nicht blos die geschäftliche Geriebenheit, sondern auch die Skrupellosigkeit in der Wahl der Mittel abgelernt. Es ist also die reine Heuchelei, wenn jetzt die Parteien, deren Mitglieder sich in allen Gründungen die Hände gewaschen und im Kulturkampf fest mitgemacht haben, für den Verlust ihres Ansehens die Juden allein verantwortlich machen wollen. Zwischen einem freikonservativem Kulturpaukerblatt wie die „Post" und dem „Berliner Tageblatt" des Herrn Rudolf Mosse drehen wir die Hand nicht um. Wenn es für Centrumswähler überhaupt noch nötig wäre, so gilt es nur, einen Warnungspfahl aufzustellen vor dem politischen Antisemitismus. Diese Parteibildung hat in Deutschland gründlich abgehaust, selbst wenn sie noch einige Trümmer durch ein paar Reichstagsperioden schleppen sollte. Ohne jedes feste 8 Ziel, unzuverlässig und uneinig in der Taktik, unfähig zu jeder i Initiative, bilden die Antisemiten die Karikatur einer politischen Partei. Dabei haben wir die Personenfrage unberührt gelassen. Solchen Politikern wie Ahlwardt, Böckel, Gras Pückler u. s. w. ziehen wir jeden anständigen Juden vor. Angehörige der Centrumspartei dürfen auch nicht den Schein an sich kommen lassen, als würden sie jemals für eine ausnahmegesetzliche Behandlung der Juden eintreten. Das ist ein Gebot der Moral wie der Klugheit. Es ist Schande genug für den Liberalismus wie für die Regierungen, daß die deutschen Katholiken in ihrem angestammten Heimatland heute auf religiösem Gebiet noch nicht so viel Freiheit genießen, wie die Juden. Wir kämpfen zunächst noch um unsere Gleichberechtigung. In Judenhetze machen wir nicht." Wenn in irgend einem Blatt etwas über die Juden steht, was nicht gänzlich von gehässiger Gesinnung und Ungerechtigkeit zeugt, sind wir schon leidlich zufrieden. Seitdem Windthorst nicht mehr unter den Lebenden weilt, und die Erinnerung an den Kulturkampf bei der jetzt regierenden Partei verblaßt ist, darf nicht daraus gerechnet werden, daß das Centrum die Forderung der Gleichberechtigung für konfessionelle Minoritäten für andere als für die Katholiken aufrecht erhält. Wir nehmen deshalb mit Gleichmut von der Unverschämtheit Notiz, die in der Bemerkung liegt, daß der Einfluß des „jüdischen Geistes" die Entwertung der öffentlichen Meinung und der sittlichen Anschauungen herbeigeführt habe. Dergleichen Redewendungen haben eine Art Entschuldigung in ihrer Bequemlichkeit. Man nennt das, was Einem nicht paßt und was man als verwerflich bezeichnen will, unchristlich oder unkatholisch oder undeutsch oder jüdisch, ohne zu bedenken, daß dieser Ausdruck eine frivole und freveliche Beleidigung in sich schließt. Man beleidigt und verleumdet eben „in den Wind," und glaubt dabei noch gutherzig zu sein, indem man die genaue Adressierung seiner Vorwürfe vermeidet. Desto mehr ist zu beherzigen, was das Augsburger Blatt Wahres sagt. Zwar nicht das Judentum, aber sehr viele Juden haben sich „dem Liberalismus dienstbar gemacht". Das ist richtig, und es ist schlimm, daß es richtig ist. Die „Augsburger Postzeitung" hätte nur um der Gerechtigkeit willen erwähnen sollen, daß die Juden Ursache hatten, sich dem Liberalismus anzuschließen, der ihnen die Emanzipation gebracht hat, und daß sie lediglich den Fehler übertriebener Dankbarkeit begangen haben, als sie im Bann des Liberalismus blieben, während dieser Bahnen einschlug, aus denen sie nicht hätten folgen sollen. Soweit der Liberalismus wirklich Kampf gegen die christliche Weltanschauung geführt hat, hat er ihn auch gegen die jüdische Weltanschauung geführt, und daran dürften Juden unter keinen Umständen teil haben. Soweit sie daran teilgenommen, haben sie sich gegen die jüdische Weltanschauung genau so versündigt, wie rhre christlichen Gesinnungsgenossen gegen die christliche Weltanschauung. Wir haben die Früchte zu schmecken bekommen, wir sehen die verwüstenden Wirkungen vor uns. Freilich muß das der Liberalismus nicht thun. Der Liberalismus kann sich mit religiöser Weltanschauung sehr gut vertragen. Doch die Menge hat diese Unterscheidung — zum Verderben für den Liberalismus und zum Schaden für uns — nicht gemacht. Wir haben die Zuversicht, daß die Erfahrungen, die wir gemacht haben, für die Juden nicht verloren sein werden. Der Verheißung des Augsburger Blattes aber, daß das

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