Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 36 (7.9.1900)
- Date
- 1900-09-07
- Page
- Seite 569 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Sir. 36 Israelitische Wochenschrift. Seite 569. „Herr Amtsrichter," sprach Perez vorwurfsvoll, mit dem ganzen Stolz gekränkter Tugend, „Sie kennen mich doch nicht von heut und gestern, haben Sie je solch Stückchen von mir gehört?" „Nun, einmal fängt doch jeder an," rief der Bürgermeister höhnisch. „Alter schützt vor Thorheit nicht." „Kann sein," sagte Perez, „der Herr Bürgermeister spricht aus Erfahrung." „Unverschämter!" Hartmann schrie es, kirschrot vor Zorn, aber Perez wehrte sich: „Wieso unverschämt? Meinen Sie nicht, es ist noch unverschämter, einem bekoweten Mann solche Geschichten nachzureden? Man soll gar nicht sagen, wie mir das schaden kann!" „Ruhe!" befahl der Amtsrichter. „Wenn Du keinen sträflichen Verkehr mit dem Mädchen gepflogen, um so besser für Dich. Du weißt also auch nicht, wo sich das Mädchen hingewendet?" „Ich weiß von nichts", versicherte Perez erbleichend. Der Amtsrichter hatte die bestimmte Empfindung, daß Perez lüge. „Ich glaube Dir," sagte er laut. „Im Uebrigen wird das Gericht Veranlassung nehmen, nach dem Verbleib Pelagia's zu solchen. Auf jeden Fall werde ich einen Haftbefehl gegen fie ausstellen." Perez wandte sich schnell zur Thür — sein Erschrecken zu verbergen; der Amtsrichter rief ihn zurück: „Noch eins! Nähere Umstände über Julek's Tod sind Dir nicht bekannt?" „Herr Amtsrichter," stammelte Perez, dem der Boden unter den Füßen brannte, „ich wünschte, der Julek thät' den Kopf erheben und ging herum und lebte, und das ist alles, was ich sagen kann. Darf ich nu endlich nach Haus gehen?" Nach Haus! Hartmann und Müller blickten einander an. „Er wird eine schöne Ueberraschung erleben," brummte Hartmann. „Das ganze Haus ist von oben bis unten demoliert, in seiner Bude ist nicht ein Stück, das nicht zerbrochen wurde." Perez sah verständnislos von einem zum andern, bis endlich Müller, nicht ohne Bewegung, sprach: „Es ist ein Unglück in Eurem Haus geschehen, Perez; es wird nötig sein, Dich für diese Nacht nach einem andern Nachtquartier umzusehen." „Meine Mutter!" schrie Perez auf, „o meine Mutter! Großer Gott!" Philipp hatte der Verhandlung schweigend beigewohnt, der arme, alte Mensch dauerte ihn von ganzem Herzen. „Seien Sie ruhig!" sagte er freundlich, „Ihre Mutter ist in Doktor Thorner's Haus gut aufgehoben." „Was für ein Unglück?" fragte Perez wie betäubt, „ich will doch nach meiner Mutter sehen." Er taumelte nach der Thür, kam aber nicht hinaus. Von außen wurde er von einem kräftigen Arm wieder zurückgeschoben, Quitte trat mit Tilmann in's Zimmer. „Da ist er ja, der Audiat, nach dem wir den ganzen Tag gefahndet haben. Guten Abend, Herr Bürgermeister, wollte gehorsamst vermelden, daß hier der Tilmann den Per«z heut' Mittag im Wald gesehen hat, und nun steckt der Kerl hier — 's ist die Möglichkeit! Na Tilmann, erzählen Sie mal den Herren hier frei heraus Ihre sauberen Wahrnehmungen über den Schlingel da! Ei, Sie werden Wunderdinge hören, meine Herren." „Wer hat mich gesehen?" rief Perez verwirrt. „Schweigt" befahl der Amtsrichter barsch. „Tilmann, geben Sie Antwort, was ich frage: Wo haben Sie heut den Perez gesehen?" Tilmann blickte verwundert auf Perez; es schien ihm sehr merkwürdig, daß man um diesen so viel Aufhebens machte. „Freilich Hab ich ihn gesehen, Herr Amtsrichter," sagte er in seiner langsamen Art, die Worte fallen zu lassen, „heut Morgen um neun auf dem Markt, wie mir den Julek gebracht haben, da ist er ja weggelaufen." „Warum bist Du weggelaufen," fragte der Amtsrichter. „Wenn mich der Herr Bürgermeister einsperren will," antwortete Perez grollend, „braucht ich mir das gefallen zu lassen? Weiß er doch selbst nicht warum." „Genug, genug!" winkte der Amtsrichter. „Tilmann sprechen Sie weiter!" „Na," sagte Tilmann, „da ging ich Mittag in den Wald, Holz roden, und da Hab ich den Perez gesehen, ganz oben an der Chaussee mit der Pelagia gehen." „Was Tilmann alles sieht!" rief Perez mit einer verzweifelten Anstrengung, von Tilmann verächtlich zu reden, „er weiß viel, ob ich bin mit der Pelagia gegangen oder mit der Petruschka." „Ich werde wohl die Pelagia kennen!" sprach Tilmann gekränkt, „ich Hab sie und Dich ganz deutlich gesehen. Du hast ihr ja noch Geld gegeben, und sie hat so geweint und Dich geküßt." * Alle Anwesenden fuhren erstaunt zurück. Der Bürgermeister schlug die Hände über den Kopf zusammen. „Nein, so was! so was!" Er selbst hatte ja gar nicht an die Wahrheit seiner Anklage geglaubt,, und nun mußte er hier unvermutet die Bestätigung seiner eigenen Worte hören.. . „Herr Amtsrichter," rief er, die Augen gen Himmel richtend, „was sagen Sie dazu?! Dieser Perez!" „Du hast mich also belogen," donnerte der Amtsrichter erzürnt, „schämst Du Dich nicht, mich zu hintergehen?" „Ich weiß von nichts," stammelte Perez, an allen Gliedern zitternd, „der Tilmann muß falsch gesehen haben — es war vielleicht ein anderes Mädchen.^ „Ein anderes Mädchen!" erwiderte der Amtsrichter verächtlich. „Du sichst, wohin das Lügen sühn. Und sitzt rate ich Dir ein letztes Mal ohne Rückhalt, sage die Wahrheit! Wie kamst Du Sonnabend nachts an den Kiwitzabach? Wer hat den Julek umgebracht?" Perez seufzte tief auf; nun war es wieder da, das Furchtbare. „Ich kann nichts weiter sagen," murmelte er verzweifelt, „machen Sie mit mir, was Sie wollen!" Dem Amtsrichter schwoll die Stirnader vor Zorn, er wollte dcm Verstockten etwas recht Niederschmetterndes entgegenschleudern, besann sich aber und sagte kalt: „Quitte, führen Sie den Mann in's Gefängnis." „Sehr wohl, Herr Amtsrichter. Marsch, komm!"