Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 36 (7.9.1900)
- Date
- 1900-09-07
- Page
- Seite 566 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 566. Israelitische Wochenschrift. Nr. 36. angestellten evangelischen Lehrer versetzen. Die Schülerzahl der jüdischen Schule betrug 1886/87 38, dann längere Zeit 18 und jetzt 28, steigend bis 32 Schüler. — Der evangelische Schulvorstand lehnte dieses Ansinnen zunächst einstimmig ab. Aber in einer am 16. d. M. unter Vorsitz des Landrals abgehaltenen Sitzung des evangelischen Schulvorstands ist foldendes beschlossen worden: Die evangelische Gemeinde übernimmt die jüdische Schule, deren Sozietät aufgelöst wird, und stellt für die jüdischen Schüler ein Klassenzimmer, worin der jüdische Lehrer die jüdischen Kinder wie bisher unterrichten soll. Nach dem Abgang des jüdischen Lehrers wird ein jüdischer Lehrer nicht mehr definitiv hier angestellt; die evangelische Schulgemeinde stellt der Synagogengemeinde 800 oder 900 Mk. zur Verfügung für einen jüdischen Religionslehrer, und die jüdischen Kinder besuchen die evangelische Schule. — Dieser Beschluß wird zur Ausführung kommen, denn die jüdische Gemeinde kann nichts dagegen thun. So fällt wieder eine der leider so wenigen öffentlichen jüdischen Elementarschulen fort, und an die Stelle eines auskömmlich besoldeten jüdischen Elementarschullehrers tritt ein Religionslehrer mit einem Hungerlohn von ca. 1000 Mk., ohne Pension, ohne Alterszulage u. s. w. Aber der Staat spart erst 13 000 Mk. und nach dem Abgang des jetzigen Lehrers jährlich ca. 1100 Mk., nämlich die 500 Mk. für einen einzelstehenden Lehrer und die Beiträge für die Alterszulage und die Pensionskasse. — Mit welchem Recht aber kann die Regierung bezw. der Minister die evangelische Gemeinde veranlassen, die jüdische Schule zu übernehmen? Der evangelische Schulvorstand hat nur mit großem Widerstreben den oben erwähnten Beschluß gefaßt; er war in einer Art Zwangslage, denn wenn die Regierung den jüdischen Schulverband auslöst, mußten die jüdischen Kinder in die evangelische Schule eingeschult werden, und man hätte auch den jüdischen Lehrer übernehmen müssen, wenn sonst keine Stelle für ihn vakant war. Außerdem ist die evangelische Schulsozietät von der Königl. Regierung sehr abhängig, da sie jährlich einige tausend Mark widerruflicher Beihilfe erhält. Da nun die evangelische Schulvertretung eine Simultanisierung ihrer Schule durchaus nicht wollte, so wählte sie das kleinere Uebel und will, solange der jüdische Lehrer hier amtiert, ein Klassenzimmer für die jüdischen Kinder zur Verfügung stellen. Da ein solches nicht vorhanden ist, muß sie einen Neubau vornehmen. — Ob die gleiche Maßregel wohl getroffen worden wäre, wenn es sich nicht um Juden, sondern um Katholiken handelte? (Der traurige Vorfall zeigt wieder, wie unbedingt nötig für uns Juden eine Gesamtorganisation im Staat ist. Vielleicht wendet sich die jüdische Gemeinde Laasphe an den deutsch-israelitischen Gemeindebund, um von diesem Rat und Hilfe zu erlangen. Anmerkung der Redaktion.) Seesen, 2. September. (Synagogenglocken.) Dieser Tage ging durch die Blätter die Notiz, daß die Synagoge in Buchau mit ihrem Glockenturm und Geläute einzig in ihrer Art sei. Das ist nicht zutreffend. Der zwanzig Jahre ältere Tempel der Jacobson-Schule hier hat einen kleinen Turm und zwei Glocken darin. Sie sind noch da, aber sie werden schon lange nicht mehr geläutet. Die Jacobson-Schule wird im kommenden Jahr ihr hundertjähriges Bestehen feiern, der Jacobson-Tempel ist am 17. Juli 1810 eingeweiht worden. Staatsmänner, Gelehrte, Künstler, christliche Geistliche, Schulmänner, Rabviner waren von weit und breit gekommen. Die Gäste, namentlich die christlichen, waren sehr begeistert und gaben ihrer Stimmung in deutschen, lateinischen und hebräischen Gedichten Ausdruck. Eins dieser im Archiv der Schule noch befindlichen Gedichte nennt sich „Der Christ im Jaeobstempel zu Seesen" und ist „Augustin" unterzeichnet; in einem andern singt ein Domprediger aus Halberstadt: „Mit Roms und Augsburgs Glaubenssöhnen weilt Aarons Enkel Hand in Hand." — Daß die Glocken nur mehr eine Dekoration sind und eine Erinnerung, ist ein Gewinn. Das Christianisieren ist uns übel bekommen, hat uns schwere Verluste gebracht. Das war freilich keine unbedingt notwendige Folge. Diese wäre vermieden worden, hätten wir nicht versäumt, die Jugend im Judentum zu unterrichten und zu erziehen, hätten wir sie nicht statt mit kräftigender positiver Kost mit einem ethischen Urbrei genährt, der in der nächsten Generation zum Abfall führen mußte. Immerhin war die Stimmung in der damaligen Zeit erfreulicher, als sie heute ist. Der konfessionelle Friede hat im Bewußtsein der Völker keine Fortschritte gemacht. Dresden, 2. August. (So sind sie alle.) Der bekannte Antisemit Baumeister und Stadtverordneten - Vieevorsteher Hartwig, der kürzlich auch zum Vorsitzenden des „Verbandes Deutscher Hausbesttzervereine" gewählt wurde, ist vom hiesigen Amtsgericht wegen Beleidigung des Rentiers Bargou zu 100 Mk. Strafe verurteilt. Der letztgenannte hatte in einem an Rat und Stadtverordnete gerichteten gedruckten Rundschreiben den Baumeister neben andern Vorwürfen auch der „Wortbrüchigkeit" geziehen und die städtischen Behörden gebeten, den Einfluß des genannten Herrn nicht weiter durch Uebertragung von Ehrenämtern zu stärken. Hartwig hatte im Anzeigenteil der Zeitungen scharf geantwortet. Die von beiden Seiten angestellten Klagen hatten den Erfolg, daß der Stadtverordneten-Vieevorsteher zu der genannten Strafe verurteilt, Bargou aber kostenlos freigesprochen wurde. Er bekommt auch von Hartwig sämtliche Kosten ersetzt und hat das Recht erhalten, das Urteil auf Kosten des Andern in zwei Zeitungen zu veröffentlichen. Der Fall erregt in der hiesigen Bürgerschaft Aufsehen. Barr im Elsaß, 2. September. (Rabbiner Jsaac Roller.) Durch den Tod unseres Rabbiners Jsaac Roller hat die Elsässer Judenschast und die jüdische Gelehrtenwelt einen großen Verlust erlitten. Er hat viele hebräische Werke geschrieben und widmete sich hauptsächlich der Bibel-Exegese; sein letztes Werk, ein Kommentar zum Hiob, ist unvollendet geblieben. Seine Geschichte des deutsch-französischen Krieges hat Jsaac Roller auch in den nichtjüdischen Kreisen bekannt gemacht. Der Beerdigung des angesehenen Gelehrten wohnten alle städtischen Behörden und viele christliche Geistliche bei. Rabbiner Glaser, Dr. Bloch aus Obernheim und Oberrabbiner Ury aus Straßburg widmeten dem Heimgegangen die herzlichsten Grabreden. Haag, 2. September. (Tod von Elchanan Verveer.) Einer der bekanntesten holländischen Maler, Elchanan Verveer, ist vor einigen Tagen im Alter von 74 Jahren gestorben. Er war lange Jahre hindurch die Seele der hiesigen Künstler- /