Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 36 (7.9.1900)
- Date
- 1900-09-07
- Page
- Seite 563 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 36. Israelitische Wochenschrift. Seite 563. „Die Ketzer müssen mit Feuer und Schwert bezwungen werden"; „Zweck der Inquisition ist Zerstörung der Ketzerei, die Ketzerei kann aber nicht zerstört werden, außer durch Vernichtung der Ketzer, die Ketzer werden vernichtet, indem sie körperlich verbrannt werden." „Der reumütige Ketzer wird zuerst erdrosselt und dann verbrannt, der unbußfertige Ketzer aber wird lebendig verbrannt." „Gäbe es eine noch grausamere Strafe als den Feuertod, so wäre sie gegen den Ketzer anzuwenden, damit er und sein Verbrechen um so schneller aus dem Gedächtnis der Menschen verschwinde " „Bei der Hinrichtung rückfälliger und unbußfertiger Ketzer ist zu beachten, daß man ihnen einen Knebel in den Mund stecke, damit sie nicht bei den Umstehenden durch ihre Worte Aergernis erregen können." „Zu Rom werden diejenigen, die in dieselbe Ketzerei zurückfallen, zum Tode verurteilt, aber sie werden nicht lebendig verbrannt, sondern zuerst erdrosselt und dann verbrannt, falls sie sich vor dem Tode bekehren. Wenn sie hartnäckig bleiben, werden sie allerdings lebendig verbrannt; aber das geschieht nicht aus Härte, sondern in der Hoffnung, ihnen die Hartnäckigkeit auszukochen (spe excoquendae ipsorum pertinaciae) und sie durch die Größe der Strafe zum Bekenntnis des rechten Glaubens zu bewegen" (Carena, „Tractat. de officio s. Inquisitionis, Anteludia" § 4 und S. 70, 348, 357. Guidonis, „Practica Inquisitionis," Ed. Donais, Paris 1886, S. 217, 218. Der Jesuit Petra Santa in: „Nolae in epistolam Petri Molinaei ad Balzacum," Antwerpen 1634, S. 230). Das sind einige aus den von päpstlichen Inquisitoren mit Gutheißung der Päpste formulierren Grundsätzen des christlichen Ritualmords, der päpstlichen Inquisition. Kam es dann zur Ausführung dieser Grundsätze — und sie sind in Europa weit über Hunderttausendmal ausgeführt worden —, so wurde der Ketzer vor das „Glaubensgericht" geführt; unter Anrufung Gottes, mit der Hand auf den heiligen Evangelien, unter Gebet und religiösen (Zeremonien wurde ihm das Urteil gesprochen; in feierlichem Zuge, tritt Kreuz und Kirchenfahnen voran, ging es zur Richtstätte; Bischöfe, Mönche, Priester bildeten das Geleite, sie umstanden den Holzstoß, auf dem der Ketzer sein Leben aushauchte, i Kann es ausgebildetere Ritualmorde geben? Denn daß die Tötung eines Menschen seiner religiösen Ueberzeugung wegen Mord ist, wenn auch noch so viel weltliche wie geistliche Gesetze diese Tötung vorschreiben, bedarf doch wohl keines Beweises. Soll ich einige Beispiele inquisitorischen Ritualmordes anführen? In meinem Werke: „Das Papsttum in seiner sozial-kulturellen Thätigkeit" habe ich 77 Seiten angefüllt mit der trockenen und doch so hochdramatischen Aufzählung solcher in Italien, Spanien, Frankreich, Deutschland verübten Ritualmorde; und doch enthalten diese 77 Seiten nur einen geringen Bruchteil des Ganzen. Die ganze christliche Welt wurde durch die große Ritualmörderin, die päpstliche Inquisition, mit Menschenblut überströmt. Nur wenige Thatsachen. In Carcassonne wurden in den Jahren 1318 bis 1358 einhundert und dreizehn Ketzer verbrannt. Der von Papst Gregor IX. ernannte Dominikanerinquisitor Robert ließ am 29. Mai 1239 zu Mont-Wimer (jetzt Mont-Aime) 183 Ketzer verbrennen. Der mönchische Bericht, der uns die Blutthat mitteilt, nennt diese Menschenschlächterei „ein dem Herrn wohlgefälliges Brandopfer" („holocaustum placabile Domino"). Im Jahr 1285 wurden in Krems 16, in St. Pölten 11, in Wien 102 Ketzer lebendig verbrannt. Zu Schweidnitz wurden im Jahre 1316 fünfzig Ketzer auf einmal verbrannt (Haupt, Waldensertum und Inquisition," Freiburg 1890, S. 26). In Straßburg bestiegen im Jahr 1312 achtzig Ketzer gemeinsam einen Scheiterhaufen (Kaltner, „Konrad von Marburg," Prag 1882, S. 43). Der päpstliche Inquisitor Konrad v. Marburg schlachtete die Ketzer zu Dutzenden. Die „Annales Wormatienses" berichteten von ihm: „Im Jahre 1214 fieng Bruder Konrad an zu predigen. Welche Ketzer er immer wollte, ließ er in ganz Deutschland verbrennen, und so predigte er zehn Jahre lang." Eine eindrucksvolle Predigt in der That! „Erstaunlich ist es," sagt eine andere Quelle, „daß in diesen Zeiten das Feuer so sehr gegen das Menschengeschlecht erstarkt. Eine ungezählte Zahl von Menschen ging in Deutschland auf dem Scheiterhaufen zu Grunde." Diese Ritualmorde seines Inquisitors fanden bei Gregor IX. die höchste Anerkennung. „Glorreiches wird von Dir berichtet, schrieb der Papst, und wir freuen uns Deiner Fortschritte." (Kuchenbecker, „Anaiecta" III, 73). Ich verzichte darauf, von den Massenritualmorden in Spanien einige anzuführen. Dort weitete sich der Blutstrom zum See, und die Scheiterhaufenglut entfachte sich zum Flammenmeer. Und an diesen Blutthaten erfreute sich Papst Sixtus V. als an „Früchten, gezeitigt auf dem Acker des Herrn" (Magn. Bullar, Ed. Cherubim II, 668)1 Man glaube auch nicht, daß die gegenwärtige römische Kirche diese ihre Ritualmorde mißbilligt. In Rom erscheint eine Zeitschrift: „Anaiecta ecciesiastica, Revue Romaine." Ihr Herausgeber ist der Prälat Felix Cadene, „Hausprälat des Papstes Leo XIII." Im Januarheft dieser Zeitschrift des Jahres 1895 findet sich ein Aufsatz über die Inquisition, der mit den Worten schließt: „O, ihr gesegneten Flammen der Scheiterhaufen! Durch euch wurden Tausende und Tausende von Seelen aus dem Schlund des Irrtums und der Verdammnis gerettet; durch euch ist die bürgerliche Gesellschaft durch Jahrhunderte hindurch glücklich und unversehrt erhalten worden" (a. a. O. S. 32)1 Wir haben diese Ausführungen wiedergegeben, einmal weil sie an sich nicht ohne Interesse sind, hauptsächlich aber, um die Erklärung daran zu knüpfen, daß wir die Brüchigkeit des von dem Grafen Hoensbroech angezogenen Vergleichs durchschauen, und daß wir an einer Verteidigung von Seiten dieses Mannes keine Freude haben. Wir können unsere Sache allein führen und wollen lieber ohne jede Unterstützung bleiben, als eine Unterstützung annehmen, die nicht frei von Nebenabsichten gewährt wird. Der Jesuitenflüchtling, der zum Protestantismus übergetreten ist und nun seine früheren Glaubensgenossen bekämpft, darf nicht auf unfern Beifall rechnen, wenn er aus Haß gegen das Bekenntnis, das er verlassen, historische Gebrechen aufdeckt. Diese Gebrechen sind Jedermann bekannt, und Jedermann weiß, daß die Menschen ihrem Glauben den Inhalt geben, daß nicht der Glaube den sittlichen Gehalt der Menschen bedingt. Die Mordslüge, gegen die Inden gerichtet, ist immer eine Lüge gewesen und ein Verbrechen dazu. Es bedarf keines Ex-Jesuiten, um das zu erhärten. üdische EncycloMe Der vor einem halben Jahr als Mitarbeiter an der „Jewish Encyclopaedia“ von London nach Newyork berufene jüdische Gelehrte Joseph Jacobs hat kürzlich bei einer vorübergehenden Anwesenheit in London einem Freund interessante Mitteilungen über das neue Werk gemacht. Es erscheint im Verlag von Funk und Wagnall in Newyork und ist auf zwölf Bände berechnet. Jeder Band wird ungefähr 640 zweispaltige Seiten enthalten. Einige tausend Illustrationen