Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-09-07 · 36 (7.9.1900) · p. Seite 562

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
36 (7.9.1900)
Date
1900-09-07
Page
Seite 562 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9607256-9607508--7853-9607514
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 562. Israelitische Wochenschrift. Nr. 36. Wie es auch den rumänischen Flüchtlingen in Europa ergehen mag, wenn sie erst hier in Amerika angelangt sind, erwächst ihnen neue Lebenshoffnung. Dafür hat die „Rumänische Hilssgesellschaft" gesorgt, die sich schon vor längerer Zeit gebildet hat, und der nicht nur Juden, sondern auch andersgläubige Rumänen angehören. Diese Vereinigung hat das Hilfswerk in ein bewundernswürdiges System gebracht; sie hat es so organisiert, daß noch kein einziger Einwanderer die öffentliche Wohlthätigkeit in Anspruch hat nehmen müssen. Sobald ein europäischer Dampfer von Fire Island signalisiert ist, begiebt sich ein Vertreter der Gesellschaft auf das Schiffchen des Sanitätsbeamten, der sich über die Gesundheitsverhältnisse an Bord jedes in den Hafen einlaufenden Schiffes informiert, bevor es landen darf. Auf dem Dampfer bringt er dann alle Rumänen zusammen, die in Gemeinschaft mit den andern Zwischendecks-Passagieren nach dem Barge Office gebracht werden, wo sie das übliche Examen bezüglich ihrer Verhältnisse durchzumachen haben. Hat der Einwanderer nun etwa dreißig Dollars, wird ihm ohne Weiteres die Landung gestattet und er wird nach dem rumänischen Heim in Forsyt Str. gebracht. Ist er aber ohne Geldmittel, wie sehr viele von den Einwanderern, so versucht die Gesellschaft, seine Verwandten, falls er welche in Amerika hat, zu ermitteln. Ist die Suche erfolgreich und sind die Verwandten willens, ihn aufzunehmen, so werden ihm die nötigen Mittel zur Reise gegeben und er begiebt sich zu ihnen. Die meisten Ankömmlinge haben indessen weder Verwandte noch Freunde in Amerika, und diese müssen von der Einwanderungsbehörde laut Gesetz zurückgehalten werden, bis Jemand Bürgschaft dafür stellt, daß sie nicht der Oeffentlichkeit zur Last fallen werden. Diese Bürgschaft wird von der rumänischen Gesellschaft geleistet. Sind die Einwanderer nun in deren Heim, so werden sie vollständig neu eingekleidet, und es wird ihnen mehrere Tage Gelegenheit gegeben, sich von den Strapazen der Reise auszuruhen. Sie erhalten gutes Essen und werden sogar mit Tabak und Cigarren versorgt. Inzwischen sind die Agenten der Gesellschaft in den größeren Städten Amerikas daran, für die Leute Arbeit zu finden. Alle Augenblicke laufen in der Centrale Telegramme ein, die etwa folgendermaßen lauten: „Pittsburg. Hier werden sofort zehn Zimmerleute gesucht," oder „Philadelphia. Hier ist eine Stellung für einen Uhrmacher frei." Sobald ein solches Telegramm ankommt, werden sofort die betreffenden Handwerker aus den Einwanderern herausgesucht und gefragt, ob sie nach Pittsburg oder den andern Orten, wo sie gewünscht werden, gehen wollen. Bis jetzt hat sich noch keiner geweigert, die erste Arbeit, die ihm angeboten wurde, anzunehmen. Es werden den Leuten, die dann abreisen müssen, alle notwendigen Werkzeuge gekauft, sie erhalten die Bahnbillets, sowie einen Zehrpsennig und werden in einen durchgehenden Zug gebracht. Am Bestimmungsort ist schon ein Agent der rumänischen Gesellschaft am Bahnhof, der die Leute in Empfang nimmt und in ein Kosthaus bringt, wo er die Garantie für die erste Woche Kostgeld übernimmt. Dann stehen die Leute auf eigenen Füßen und können sich fortan selber weiterhelfen. Welche Ausgaben die Gesellschaft für Werkzeuge allein hat, kann man aus den von deren Schatzmeister Herrn Moritz Lazarus geführten Listen ersehen. Da stehen z. B. folgende Eintragungen: „Für M. Silbermann, Holzschneider, Doll. 16.50, für M. L. Raphael, Uhrmacher, Doll. 16.00, für Karl Kaufts, Küfer, Doll. 6.20, Jacob Joseph, Zimmermann, Doll. 9.00." Etwa ein Dutzend Seiten sind mit solchen Eintragungen gefüllt. Bei Einwanderern, die in Fabriken untergebracht werden, da sie kein Handwerk gelernt haben, oder bei Landarbeitern fallen natürlich diese Ausgaben fort, sonst würde die rumänische Gesellschaft, deren Mitglieder meist kleine Geschäftsleute und Arbeiter sind, schwerlich lange ihr Hilfswerk sortsetzen können. Sie hat sich noch nicht um Unterstützuug von anderer Seite bemüht, sondern eine Ehre darin gesetzt, ihren Landsleuten aus eigenen Mitteln zu helfen. Da indessen anscheinend der größere Teil der Einwanderer noch auf dem Weg ist, wird sie wohl bald mildthätige Private oder andere Gesellschaften in Anspruch nehmen müssen. Wenngleich das Schatzamt, dem die Einwanderungsbehörde untergeordnet ist, in Europa Erhebungen über den voraussichtlichen Umfang der Judeneinwanderungen anstellen läßt, ist man in amtlichen Kreisen durchaus nicht geneigt, ihr Hindernisse in den Weg zu legen. Die Ansicht, die der Einwanderungskommissar Fitchie in folgenden Worten zum Ausdruck brachte: „diese Leute, welche augenscheinlich einem kräftigen, gesunden und arbeitswilligen Menschenschlag angehören, werden sich dem Land von Vorteil erweisen, und ich kann nicht verstehen, wie eine Regierung solches, jedem Staatswesen nur Vorteile bringendes Material zur Auswanderung zwingen kann," wird sowohl in amtlichen Kreisen wie in der Presse allgemein geteilt! _ Nilualumd und Inquisition. In der Wiener Wochenschrift „Die Zeit" (Nr. 308, 25. 8. 1900) findet sich ein von dem ehemaligen Jesuitenpater Grafen v. Hoensbroech verfaßter Aufsatz, der, von dem Konitzer Mord ausgehend, die Beziehungen des Ritualmords zur Inquisition in sehr bemerkenswerter Methode erörtert. Graf Hoensbroech fragt im Eingang seiner Betrachtungen, nachdem er daraus hingewiesen, daß „die sogenannte christliche Presse, die orthodox-evangelische wie die ultramontan-katholische, am eifrigsten bei der Arbeit ist, diese schlimme Lüge (des jüdischen Ritualmords) auszunutzen und ihren blindgläubigen Leserkreis mit Schreckbildern von „ritueller Schächtung" zu erfüllen," ob denn die Herren nicht wüßten, „daß dem christlichen Ritualmord Tausende und Abertausende Männer, Weiber, Kinder, Greise zum Opfer gefallen sind, daß der christliche Ritualmord Jahrhunderte lang ein System war, eingesetzt und geregelt vom Haupt der katholischen Kirche, vom Papst, gehandhabt von Priestern und Ordensleuten, ein System, das Ströme von Menschenblut vergossen hat? Der Verfasser antwortet auf diese Frage: „Doch nein! eccle8ia non sitit sanguinem, die Kirche vergießt ja kein Blut: deshalb vollzog sie ihren Ritualmord in den prasselnden Flammen des Scheiterhaufens, da floß kein Blut." Und nun wendet sich Graf Hoensbroech der Betrachtung über Wesen und Bestimmung der Inquisition zu und kommt dabei zu folgendem Ergebnis: Was ist denn die päpstliche Inquisition anderes als der systemisierte, legalisierte Ritualmord, was sind die von der Inquisition massenhaft Gemordeten anderes als Opfer des Ritualmords?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.