Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 32 (10.8.1900)
- Date
- 1900-08-10
- Page
- Seite 506 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 506. Israelitische Wochenschrift. Nr. 32. regnete es patzige Antworten im Chor; Papa Luschek, der ärgste Trunkenbold der Stadt, den ein Sakramentsrausch zum Anführer der Rotte gemacht hatte, gröhlte, Quitten vertraulich beim Arm fassend: „Komm' mit, jetzt schlagen wir einen Juden tot!" Aber Quitte verstand keinen Spaß, er schrie: „Sofort legt Ihr die Steine wieder hin, wo Ihr sie hergenommen habt, sonst setzt's was!" Die Jungens kümmerten sich kaum um ihn, der Gendarm riß einem die ganze Ladung aus den Händen und warf sie wieder auf die Chaussee, der Rebell sang ganz vergnügt: „Wir wollen ihn nicht mit Steinen schmeißen, wir'wollen ihn nur 's Fell über die Ohren zieh'n," aber die Nebenmänner waren bösartiger und zeigten große Lust, mit Schimpfen und Püffen Quitten eine Probe ihres Kampfesmutes zu geben. Da erkannte der Gendarm mit Bestürzung, daß seine Autorität vor der immer stärker anschwellenden Wut des Pöbels zerrann, wie ein Sandhügelein, von Kinderhand geformt, im Sturm verweht wird; er kehrte um und meldete dem ihm halbwegs begegnenden Bürgermeister mit Verdruß und Beschämung, wie wenig er ausgerichtet. Der Bürgermeister erschrack. „Aber Quitte, was sollen wir denn da thun?" „Ja, ich weiß auch nicht," brummte Quitte. „O Gott, o Gott! Wenn sie nun ein Unglück anrichten und dem Menschen das Haus demolieren?" „Sie sind eben bei bester Arbeit," rief Quitte grimmig; seine scharfen Ohren hatten von dem Geheul des Pöbels das Geräusch an die Mauern prallender Steine und klirrenden Glases unterschieden. Er schlug dem Bürgermeister vor, nach der Stadt zurückzulaufen und einige besonnene Männer zu Hilfe zu holen, im schlimmsten Fall nach Posen um Militär zu telegraphieren; aber davon wollte der Bürgermeister, der zwar an Verstand ein altes Weib, aber von Herzen ein recht gutmütiger Mann war, um Himmels willen nichts wissen. Das fehlte noch, daß man gleich so und so viel Leute unglücklich mache, und die Blamage und das Aufsehen — nein, nein, Quitte möge nur umkehren und den Förster oder sonst wen, der schnell aufzutreiben sei, mitbringen, er wolle in Gottesnamen der Schwefelbande nachgehen — jetzt höre auch er, sie brüllen eben vor Schmula's Haus — und selber versuchen, bei den verfl . . . Rackers Ordnung zu schaffen. Und der Bürgermeister rannte, daß er beinahe über die eigenen kurzen Beine fiel, dem bedrohten Hause zu. Mitten unter dem Haufen der Tumultuanten stand die Frau des Schusters Schmula, rang die Hände und zeterte: „O Gott, o Gott, o Gott! Nun schlagen sie mir gar mein eigenes Haus entzwei," und bei jedem Stetnwurf, der an die Scheiben schmetternd flog, schrie sie: „Ihr Herrgottssapermenter, das sind ja meine Fenster, links ist Perez — links!" „Ja, das ist nun egal." „Das läßt sich nicht so abzirkeln." „Wenn man schmeißt, dann schmeißt man halt, wie's trifft . . ." Die Leute lachten und zerkrachten mit ihren Wurfgeschossen hübsch gleichmäßig die Scheiben des kleinen Hauses nach rechts und links. Dazwischen im Takt wüstes Kampfgeheul. „Perez raus, hepp, hepp, Jude raus!" Oben blieb alles still. Und unten wieder verzehnt- und verhundertfacht das Geschrei: „Totschläger raus — Mörderjude raus!" „Wart' ich will Dich bald Herunterkriegen." Der alte, betrunkene Luschek wollte just in's Haus laufen und ein paar andere ihm nach, da stürmte der Schuster Schmula eben die Treppe herab, packte Luschek beim Kragen und stieß ih^ zurück, daß er kopfüber auf die Straße flog. „Wer nur meine Schwelle betritt, dem breche ich alle Knochen entzwei — ^)ir auch und Dir auch. . . ." Der tapfere Schuster brachte es wirklich ganz allein zu Stande, fünf oder sechs der Bclagerer hinter den Rinnstein zurückzuschlagen, aber schon machten die Vordersten Miene, gemeinsam über Schmula herzufallen, da schrie Franja: „Es ist wer am Fenster links — schmeißt — schnell — schnell!" Eine Sekunde und ein Stetnregen prasselte da oben in die Stube. . . . Dann ein fürchterlicher Schrei. „So! Das hat wen getroffen." Man sah sich verdutzt an — das war doch eine' Weiberstimme? Nun kam der Bürgermeister angejagt und wenige Minuten darauf Quitte, der Förster Hegemann, Stypale, der Herr von Werder, Doktor Thorner und der Referendar Hirschthal, den Thorner frischweg von seiner Antrittsvisite im Doktorhause mft hierhergeschleppt, damit der junge Mann doch „Etwas erlebe," denn vor den nächsten hundert Jahren sei auf eine gleich hervorragende Ruhestörung in Zladno nicht zu rechnen. Philipp gefiel der muntere alte Herr sehr gut, er erwiderte ihm lächelnd: „Sie verleumden Zladno, werter Herr Doktor, ich finde es hier sehr interessant, des Morgens ein Mord und Abends ein kleiner Landfriedensbruch — ich merke schon, ich werde hier vollauf zu thun bekommen." Die Herren von der freiwilligen Feuerwehr — sechs Mann hoch — hatten sich ihnen angeschlossen, und trahten gleichfalls im Sturmschritt heran. Sie wurden mit Murren empfangen, aber der Bürgermeister schrie die Demonstranten an: „Wer nicht auf der Stelle vom Platze gehe, erhält zehn Jahre Zuchthaus wegen Aufruhr oder mehr, ich lasse Jeden, der nicht gehorcht, vom Fleck weg ins Kittchen führen." Quitte zog sein großes Notizbuch und schrieb — da nahmen die Klügeren in der Menge sachte Reißaus. Es blieben aber noch genug Trotzige, die nicht von der Stelle wichen und hartnäckig verlangten, daß Perez herunterkäme. Auf's Neue erhob sich das Geschrei: „Perez raus, Mörderjude raus! . . ." Der Bürgermeister verlor den Kopf — er wußte nicht, was mit der tobenden Menge anzusangen. Manchen aber war doch bange geworden, als sie oben den Angstschrei gehört — die Schusterfrau wollte sich bei dem Doktor Thorner ein wenig lieb Kind machen und sagte ihm heimlich, sie glaube, man habe oben schon einen totgeschlagen, entweder Perez oder seine alte Mutter, eins von beiden sei es bestimmt.