Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 32 (10.8.1900)
- Date
- 1900-08-10
- Page
- Seite 507 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 32. Israelitische Wochenschrift. Seite 807. Den Doktor Ließ Schmula, der mit Löwenmut den Hauseingang verteidigte, passieren und Philipp stieg ihm nach. Die Thür zu Perezens Wohnung war verriegelt, sie pochten und klopften, keine Antwort — kein Laut. Dem Doktor dünkte die Stille da drinnen unheimlich, er versuchte die alte, gebrechliche Thür einzustoßen, was ihm mit Hilfe Philipps leicht gelang. Sie traten in die kleine Stube, es war finster, Thorner, beruhter genau Bescheid wußte, tappte nach dem Tisch, stolperte dabei über einen Körper und zündete ein Licht an. Die alte ^rau lag ohnmächtig auf ihrem Lager, vor ihrem Bett auf ^m^Boden, gleichfalls bewußtlos, blutüberströmt — Thorner vor Schrecken laut auf — seine eigene Tochter Cornelie. ^^>Las weder der Bürgermeister, noch der Gendarm, noch von der freiwilligen Feuerwehr vermocht: die Wütenden vor dem Hause in Güte oder Gewalt zu beschwichtigen,' erreichten 'i ber Doktor und Philipp, ohne daß sie es auch nur gewollt. Als sie das leblose junge Mädchen in ihren Armen über die Straße trugen, liefen die heftigsten Skandalmacher davon (es glückte ihnen bei der hereingebrochenen Dämmerung leicht, zu entkommen); glaubten doch die Meisten, das Fräulein wäre tot. Der Bürgermeister rannte voller Verzweiflung in die Stadt zurück, den Amtsrichter auszusuchen, entschlossen, diesem die ganze Verantwortlichkeit für den Fall aufzuladen, komme, was da wolle.- Er deklamierte nicht mehr von dem gesunden Instinkt des Volkes, der stets den wahren Schuldigen zu finden wisse; aber fester als je war er von der Schuld des Wasserträgers überzeugt — warum hielt dieser sich sonst wohl so ängstlich verborgen? Und wo in aller Welt, wo steckte er, dieser Perez? Im Walde. Verhaften! Der Bürgermeister hatte gesagt, daß er ihn wollte verhaften lassen, und Perez war darob in den Wald gelaufen über Stock und Stein. Die Angst machte ihm behende Beine, er gewann einen tüchtigen Vorsprung; dennoch würde ihn das Heer seiner Verfolger (ja, wer verfolgte ihn denn^nicht, die halbe Stadt war ihm auf den Fersen) schnell genug eingeholt haben, wäre ihm nicht der in seiner Lage natürliche Einfall gekommen, sich zu verstecken. Er war ja vertraut mit dem Wald, von klein aus wußte er einen prächtigen Versteck, der ihm schon in seinen Knabenjahren, so ihm ein Prügelunwetter wo am Himmel drohte, als Schlupfwinkel gedient hatte. Unfern des Kiwitzabaches stand ein mächtiger, breiter, vor Alter gänzlich hohler Weidenbaum. Perez kroch schnell hinein — der kleine, schmächtige Mann war wie ehedem in der Höhlung bestens geborgen. Sein Herz klopft ihm so laut, daß er meinte, es müsse es einer durch Borke und Rinde hindurch hören; aber er beruhigte sich bald . . . Zwei bis drei Minuten darauf hatte er die Genugthuung, seine Feinde, einen nach dem andern, vorüberlaufen zu sehen, ja, er genoß durch ein winziges Astloch mit einiger Schadenfreude das Schauspiel, wie der Bürgermeister über eine Baumwurzel stolperte, hinfiel, höchstselbst, so kurz und dick er war, mühsam in die Höhe krabbelte und fluchend davonhinkte. Dann kam unserem Freund der^Himmel zu Hilfe — klatsch! klatsch! jagte ein tüchtiger Platzregen Groß und Klein aus dem Wald. Perez saß schön im Trocknen, er mußte sich auf die Lippen beißen, um nicht irgend einem guten Bekannten, der pudelnaß heimwärts rannte, etwas recht Höhnisches nachzuschreien; aber die Gefahr macht kluge Leute, er blieb ganz still . . . Eine Viertelstunde — eine halbe, dann merkte er, sie waren alle nach der Stadt zurückgekehrt, sie hatten es aufgegeben, ihn zu finden. Er verharrte noch eine Weile in dem für jeden Anderen höchst unbequemen Versteck; aber Perez liebte diesen Schutzwinkel, der ihn an tausend Leiden und Freuden seiner Jugend erinnert, und dann — Perez hat immer Zeit — er hat nie etwas zu versäumen; im Gefühl seiner Unentbehrlichkeit nahm er sich stets heraus, so unpünktlich zu sein, wie ihm gerade beliebte. Mögen die Zladnoer heute auf Wasser warten, geschieht ihnen schon Recht. Mittlerweile hatte der Regen draußen aufgehört, die Zeit näherte sich dem Mittag. Die Sonne lugte durch und trocknete mit ihrer milden Oktoberwärme die schönen roten und gelben Blätter, die der Herbst schonend dem Wald noch gelassen hatte. Ein paar Elstern flogen schreiend und schimpfend in die Höhe; Perez blickte behutsam durch den schmalen Spalt, ob etwa der Förster in der Nähe sei, aber nein, die Schalastern skandalierten nur zu ihrem eigenen Vergnügen. Jetzt, o wunderhübscher Anblick, huschte wie auf Sammetsohlen eine Rehricke mit ihrem Zicklein vorüber an den Bach — Perez saß wie ein Steinbild, um die schönen ' Tiere nicht zu stören. Sie tranken, wandten die zierlichen kleinen Köpfe mit den sanften Augen zur Seite und sprangen davon. Es stieg Perez in die Nase ... ein süßer Duft, wie nach frischem Wachs — er kroch heraus und untersuchte die Höhlung des Baumes: der Glückspilz, er hatte unter einem verlassenen Bienenhaufen gesessen. Vorsichtig raffte er das Nest heraus. Perez! Perez! Wenn das der Förster sähe! . . Ungeniert brach er von den Waben und saugte den köstlichen Saft aus, holte sein Brot aus der Tasche und aß es dazu — just als wäre er der Gerechtesten Einer und alle Dinge müßten ihm zum Besten dienen. Da knackten ein paar Zweige — ein leichtes Geräusch wie von Schritten in der Nähe . . . Perez blickte sich um, es war gut, daß er sein Brot schon fast aufgezehrt hatte, denn der letzte Bissen blieb ihm buchstäblich vor Schreck im Munde stecken. Hätte der Bürgermeister mit dem Gendarm und der gesamten Zladnoer Miliz plötzlich vor ihm gestanden, ihn mit Stricken und Ketten zu binden, Perez hätte nicht mit heftigerem Schauder zusammenfahren können, als da er sein Gegenüber ansah — es war Pelagia. Ihr Gesicht schien erdfahl, als wäre sie dem Grab entstiegen; in der einen Hand trug sie ein roh gezimmertes, mäßig großes Holzkreuz, in der anderen ein bescheidenes Bündel mit Kleidungsstücken und ein Körbchen, wie es herumziehende Landfrauen mit sich führen.