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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-08-10 · 32 (10.8.1900) · p. Seite 500

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
32 (10.8.1900)
Date
1900-08-10
Page
Seite 500 (sequence 8)
Language
German
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Seite 500. Israelitische Wochenschrift. Nr. 32. / sich in seiner Heimat neben seinen Talmudstudien auch mit Maimonides, Eben Esra, der schon lange vor Talleyrand ausgefunden hatte, daß Dieu nous a donne la langue, pour cacher nos pensees, mit dessen Nachfolger Spinoza und nebenbei auch ein wenig zu viel mit Voltaire und seinesgleichen beschäftigte, wodurch er sich den Verfolgungen seiner Glaubensgenossen aussetzte — denn er war, wenn er auch nebenher freien Ansichten huldigte, ein wahrhaft frommer Jude —, so daß er bei Nacht und Nebel seine Heimat verlassen mußte. Er durchwanderte Deutschland, ging nach England und Frankreich, wo er den größten Teil seiner Zeit in den hebräischen Manuskripten der Bibliotheken herumstöberte. Das Merkwürdigste an diesem Mann war, daß er sehr viele alte und neue Sprachen vorzüglich verstand, aber nur die jüdisch-deutsche sprechen, nur hebräisch schreiben konnte, und daß er äußerlich immer der polnische Jude blieb. Er war ein Märtyrer seiner freien Denkungsart geworden- Doch das machte ihm keinen Kummer. Ihm waren alle Menschen gleich, der Reichtum hatte keinen Reiz, keinen Wert für ihn, und er machte sich oft lustig über seine Armut. Das war der Mann,^.der die Aufmerksamkeit unserer beiden neuen Freundinnen, besonders der Frau Geheimrat auf sich zog. Nachdem er wenige Schritte an ihnen vorübergegangen war, blieb er instinktmäßig einen Augenblick stehen, wendete sein Haupt rückwärts, indem er seine Augen auf die Bank richtete, auf der die Damen saßen, als hätte er das Gefühl, daß dort nichts Gutes über ihn gesprochen werde. Und in der That entschlüpften in demselben Augenblick der Frau Geheimrat die Worte: „Ach diese abscheulichen Juden! Ist man doch nirgends sicher vor ihnen." Frau Direktor Buchholz fühlte sich eigentümlich berührt von dem unliebsamen Ausruf und erwiderte mit scheinbarer Ruhe: „Ich sollte meinen, daß diese Unglücklichen eher zu bedauern, als zu verachten, wenn sie auch nicht gerade zum Verlieben sind. Wie mir scheint, kennen sie die Juden gar nicht^und haben nicht einmal die Sendung Mosens gelesen, sonst hätten Sie die Worte nicht übersehen können: „Zwei Religionen, welche den größten Teil der bewohnten Erde beherrschen, das Christentum und der Jslamismus, stützen sich beide auf die Religion der Hebräer und ohne diese würde es niemals weder ein Christentum, noch einen Koran gegeben haben." Dabei ist Schiller auch nicht ganz vorurteilsfrei, und die Quellen, aus die er sich bezieht, sind durchaus nicht maßgebend. Und halten Sie die armen Leute, die aus Rußland und Polen hierherkommen, für die Repräsentanten des ganzen Judentums, und sollten Sie noch keine kennen gelernt haben, die Ihnen wie andere Menschen vorkamen, und mit denen Sie vertrauten Umgang pflegen konnten?" „Ich glaube nicht," erwiderte jene etwas verdutzt, „wenigstens kann ich mich nicht entsinnen, aber nach dem, was man hört, werden sie wohl alle gleich sein." „Das thut mir wirklich unendlich leid," fuhr die Andere fort, indem sie sich von ihrem Platz erhob, „unter dieser Bedingung werden wir wohl den mir so lieb gewordenen Verkehr abbrechen müssen, denn ich gehöre selbst zu dem Ihnen so verhaßten Volk." Die Frau Geheimrat wurde blaß und wußte kaum, was eigentlich vorgefallen war. Man konnte es ihr ansehen, daß sie in große Verlegenheit geraten war und keine Worte finden konnte, um sich zu rechtfertigen. Sie hatte die Empfindung, daß sie das Gefühl ihrer Hausgenossin, die sie in ihr Herz geschlossen hatte, verletzt haben mußte, ohne daß sie es eigentlich wollte. Sie schien in der That nur zu den Judenfeinden zu gehören, die sich von der Zeitströmung hinreißen lassen, die Juden zu hassen, ohne sich selbst Rechenschaft darüber abzulegen. Christlich, oder, sagen wir lieber, menschlich ist/ diese Handlungsweise nicht, so wenig wie es jüdisch ist, irgezrd einen Menschen wegen seines Glaubens zu hassen, denn/ülle Religionen predigen ja die Nächstenliebe.? „Haben wir nicht alle Einen Gott, und sind wir nicht alle seine Kinder? Nicht mitzuhassen, mitzulieben sind wir da." Die Frau Geheimrat erhob sich in ihrer Erregung ebenfalls von ihrem Sitz, ergriff beide Hände der Beleidigten und ries mit inniger Bewegung: „Verzeihen Sie, meine Liebe, wenn ich Ihnen wehe gethan habe, es lag sicherlich nicht in meiner Absicht. Ich gebe ja gern zu, daß ich mich unnötiger Weise in einer Sache habe Hinreißen lassen, die mich gar nichts angeht. Es würde mir unendlich leid thun, wenn Sie den Vorfall nicht sollten vergessen können, der doch keineswegs persönlich gemeint war." Das kleine Mädchen, das immer die Dritte im Bund war, stand mit Thränen in den Augen ganz verdutzt zwischen beiden und konnte gar nicht begreifen, was zwischen der .Mutter und der Freundin, die doch immer so liebevoll und zuvorkommend zu einander waren, vorgefallen sei. Und wenn sie es auch gewußt hätte, würde sie es nicht einmal verstanden haben. Was weiß die Unschuld von solchen Dingen? Es thut dem Herzen ordentlich gut, zu sehen, wie kleine und oft auch größere Mädchen gewöhnlich harmlos auf der Schulbank nebeneinander sitzen, zusammen spielen, gute Freundinnen sind und sich auf dem Heimweg kaum trennen können, ohne sich darum zu kümmern, ob ihre Mitschülerinnen evangelisch, katholisch oder jüdisch sind. Die Vorurteile werden ihnen erst später von ihren Eltern oder von einem unvorsichtigen Lehrer eingeimpft. Die unfreiwillig Gekränkte fühlte sich beengt durch den unangenehmen Zwischenfall und wußte nicht recht, welchen Schritt sie thun sollte; sie liebte den Frieden und ihr schwebten die Worte vor: „Verzeiht ihnen, o Herr, sie wissen nicht, was sie thun," und sie war gern zur Versöhnung geneigt, denn sie hatte mit ihrem Volk dulden gelernt. Sie hielt das ganze Ereignis für den Ausfluß eines leichtfertigen Vorurteils, wie es leider oft im Leben vorkommt, und tröstete sich mit dem Gedanken, daß die Dame, die sie bis zu diesem Augenblick geliebt und geschätzt hat, ohne sich um ihr religiöses Bekenntnis zu kümmern, gewiß eine andere Meinung von ihren Stammesgenossen haben würde, wenn sie sich ein wenig Mühe gegeben hätte, diese und ihre Vergangenheit etwas näher kennen zu lernen; und wenn sie wüßte, welche Grausamkeiten ihre eigenen Glaubensgenossen im Lauf der Zeit, aus Religion, om ihnen ausgeübt, dann würde sie gewiß ausrufen: „das ist doch gar

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