Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 32 (10.8.1900)
- Date
- 1900-08-10
- Page
- Seite 499 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 32. Israelitische Wochenschrift. Seite 499. liegt, kann der Mensch nicht abändern. Seine Blicke mag er dahin richten, sein Verlangen, seine Sehnsucht mag und soll immer auf das Höhere gerichtet sein; aber entsagen muß er, wenn Gottes Ratschluß ihm den Besitz versagt. Jeder Vorgang im Leben hat in andern Vorgängen und Verhältnissen seinen Grund. Rätselhaft und unerklärlich kann uns manches in der pragmatischen Geschichte Vorkommen, was uns ungerecht erscheint, aber einer höheren Weltleitung ist es immer zuzuschreiben. Deshalb müssen wir bei jeder Bedrückung und Zurücksetzung, die wir im Vaterland zu erdulden haben, uns damit beruhigen, daß unsere Menschenwürde dadurch nicht geschmälert, vielmehr noch erhöht wird. Unsere Menschenwürde wird geschmälert, wenn wir uns unwürdig machen. Wenn man uns aber unserer Religion halber zurücksetzt, so steigen wir mit Mose auf den Gipfel des geistigen Lebens, der sittlichen Vervollkommnung und standhafter Anhänglichkeit an den väterlichen Glauben. Und haben wir dennoch zu leiden, so bleibt uns der Trost: wir leiden schuldlos, wir leiden unrecht. KadebrKanntlihafteu. Von M. Silberstein. In einem gemütlichen schlesischen Badeort saßen einige Damen nachmittags aus der Veranda ihres Hauses, sich angenehm unterhaltend, indem sie ihren Kaffee tranken, als ein Wagen vorfuhr und einen neuen Gast brachte. Das ist immer ein kleines Ereignis in einem Bad, denn es regt die Neugierde an. Auch hier richteten sich gleich alle Augen auf den neuen Ankömmling. Es war eine schöne schlanke Frauengestalt, die man für ein älteres Mädchen oder für eine junge Frau halten konnte. Sie war bürgerlich schlicht, doch von vornehmer Haltung. Während sie näher kam, fragten sich die andern Damen, wer wohl die Fremde sein möchte. Die Fremde hatte es leichter, ihre Neugierde zu befriedigen. Denn als sie in den Hausflur trat, blieb sie einen Augenblick stehen, überflog rasch die Einwohnertasel und las: Freifrau von Bülow, Frau Geheimrat Grabow, Frau Oberbürgermeister Rother und noch einige andere Namen ohne Titel. Nur ein Herrenname war dabei, der eines stillen Beobachters, des Berichterstatters dieser kleinen Episode. Mit dem Bewußtsein, sich in suter Gesellschaft zu befinden, begab sich die Fremde in Begleitung der gesprächigen Wirtin, die inzwischen sichtbar geworden, in ihr Zimmer und wurde an diesem Tag nicht mehr gesehen. Am nächsten Morgen las man auf der Tafel: „Frau Direktor Buchholz aus Waldheim." Das Wetter war prachtvoll, man ging zur Kur, wandelte auf und nieder in den schattigen Gängen der Promenade und lauschte auf die Klänge der Musik, die zwischen den Bäumen herüberschallte. Auch unsere Damen von der Veranda fehlten nicht, und als die Fremde ankam, wurde sie immer noch mit neugierigem Blick, aber freundlicher Miene betrachtet. Grüßen durfte man nicht, man war einander ja noch nicht vorgestellt. Man begegnete sich wieder und wieder, und es schien fast, als wären sie gar nicht so fremd zu einander, besonders die Frau Geheimrat fühlte ein instinktives Verlangen, sich der Fremden zu nähern, denn sie wie ihr zwölfjähriges Töchterchen hatten gleich bei ihrem Erscheinen eine gewisse Vorliebe für sie empfunden, und das kleine Mädchen hatte sogar schon gestern ausgerufen: „Ach Mama, was für eine reizende Dame!" Und wunderbar! Das freundliche Vorgefühl beruhte auf Gegenseitigkeit. Als man von der Kur nach Haus ging, begegneten sich die Frau Direktor und die Frau Geheimrat zufällig an der Gartenthür. Die Erstere tritt ein wenig zurück und läßt der Andern den Vortritt, hierauf ein stummes Verneigen beiderseits, man hörte nur das bedeutungsvolle Wörtchen „bitte", und ehe man sich's versah, war das Eis gebrochen. Nach kurzer Zeit waren unsere beiden Damen wie alte Bekannte, man sah sie fast nie allein. Entweder traten sie zusammen in den Garten, oder, wenn die eine dort war, konnte man mit Gewißheit daraus rechnen, auch die andere bald zu sehen. Ebenso war es aus der Promenade, wohin sie gewöhnlich zusammen gingen. Eines Tages saßen sie dort gemütlich plaudernd in einer schattigen Allee auf einer Bank, das kleine Mädchen zwischen Beiden, sich an Beide schmiegend, während die Kurgäste vor ihnen auf und ab gingen. Unter den nach der neuesten Mode gekleideten Damen und Herren bemerkte man auch einen einsamen Gast, der gerade nicht den angenehmsten Eindruck machte. Sein Gang war schlotterig, ein langer Kaftan von zweifelhafter Farbe hing nachlässig an seinem kranken Körper, sein bleiches Gesicht war von einem ungepflegten braunen Bart und Ringellöckchen eingerahmt, und sein Haupt von einer dunklen, in den Nacken gerückten Sammetmütze mit einem ungewöhnlich großen Deckel bedeckt, die Gestalt nachlvorn gebückt, so daß der Rücken, über den die Arme gekreuzt waren, hervorstand, und die ganze Erscheinung machte den Eindruck, als schleppte sie unsägliches körperliches und seelisches Leid mit sich herum, und verfehlte nicht, tiefes Mitleid zu erregen in der Brust derer, die ein Auge für das Elend ihrer Mitmenschen haben. In dem blassen Gesicht mit den totmüden Augen^war eine ganze Leidensgeschichte zu lesen. Was unsere Damen sahen, war nur der äußere Mann; ich aber hatte einige Tage vorher Gelegenheit, einen Einblick in den inneren Menschen zu thun, als ich zufällig auf einem einsamen Spaziergang "an ffeiner bescheidenen Wohnung vorüberging. Da saß er allein in der Laube vor, dem kleinen Häuschen, den Kopf auf den linken Arm gestützt, und schien in einem vor ihm aufgeschlagenen Buch zu lesen. Ich trat an ihn heran, begrüßte ihn freundlich, sprach über]gewöhnliche Anknüpfungsgegenstände undIfragte neugierig: was lesen Sie Hübsches? denn ich bemerkte, daß das Buch kein hebräisches war, wie ich vermutet hatte. Er schob mir das Buch leise hin, und ich sah, daß es Lockens Essay on human] understanding war. Sie lesen englisch? fragte ich. weiter. Warum nicht? antwortete er ganz wie selbstverständlich, ich verstehe auch etwas von andern Sprachen. Eine Frage brachte die andere, und ich fand bald, daß ich einen bedeutenden jüdischen Gelehrten vor mir hatte, der