Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 32 (10.8.1900)
- Date
- 1900-08-10
- Page
- Seite 498 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 498. Israelitische Wochenschrift. Nr. 32. Zm Troß-Sabbat. Von Rabbiner Dr. B. Seligkowitz-Cöthen. Des Menschen größter Vorzug besteht darin, daß er in allen drei Zeitabteilungen zugleich zu leben vermag. Ihm gehört die Gegenwart; in ihr denkt, fühlt und wirkt er. Die Vergangenheit weiß er sich anzueignen, indem die längst dahingeschwundenen Jahrhunderte mit ihren Erfahrungen ihm Aufschluß geben, so er sie befragt. Nicht minder versteht er die Kunst, in der Zukunft zu leben. Und mag sie sich auch in einen dichten Schleier hüllen, sein geistiges Auge sucht auch durch den dichten Schleier zu dringen, und gänzlich verborgen bleibt ihm das Kommende nicht. Weil in der Regel die Vergangenheit die Mutter der Zukunft wird, so kann der Verstand der Verständigen in dem wenn auch fernstehenden Spiegel der sich entwickelnden Zukunft gar mancherlei Gestalten schauen. Denn wie die Gegenwart mit jedem Augenblick Vergangenheit wird, so bildet sich die Zukunft mit jedem Pulsschlag zur Gegenwart heran. So eindringlich Vernunft und Religion die Lehre predigen: „nutze die Gegenwart dergestalt, daß du, wenn sie entflohen, auf sie mit heiterem Gemüt und ohne Vorwürfe schauen darfst; um die Zukunft aber kümmere dich nicht, überlaß sie der waltenden Vorsehung" — so begnügen wir uns doch weder mit der hinter uns liegenden Vergangenheit, noch mit der kaum begonnenen Gegenwart, sondern das Künftige wünschen und suchen wir. Sehen wir gar im Geist, wie die Zukunft die segensreichen Saaten, die wir ausgestreut, zu segensreicher Ernte reifen wird — wie erhebend für die Menschen muß dann erst die Aussicht in die Zukunft werden! Mose wollte nicht diesseits des Jordan von seinem Volk scheiden, sondern es selbst hinüberführen und in das Land seiner großen heiligen Bestimmung begleiten. „Du selbst hast angefangen, deinem Knecht deine Größe und deine starke Hand zu zeigen ... — möchte ich doch hinüberziehen und das .schöne Land sehen, das jenseits des Jordan liegt, dieses schöne Gebirge und den Libanon." Ist das Libanon-Gebirge denn so wundervoll, daß der unsterbliche Lehrer ein so großes Verlangen hegte, ihn zu sehen? Nicht der Libanon und nicht seine Cedern war der Gegenstand seines Verlangens; „Libanon, das ist der Tempel," der aus des Libanon Cedern erbaut war. Dieser war das Höchste, das Wertvollste, was es für den Propheten gab. Er war das Haus, darauf der Name Gottes genannt, das als der Sitz Gottes geheiligt werden sollte. Durch ihn sollte die Gemeinde Israel eine Gemeinde sein, die Gesetz und Recht als Mittel- und Vereinigungspunkt hat. Im Tempel saß das hohe Gericht, das zwischen gut und böse, Recht und Unrecht, über Mein und Dein, über Leben und Tod zu entscheiden hatte. Denn da, wo Gesetz und Recht herrschen, Recht und Gerechtigkeit gehandhabt werden, daß der Schuldlose geschützt ist gegen feindlichen Angriff und ungerechte Bedrückungen, da wohnt Gott, ist Gottes Herrlichkeit und Majestät in ihrem erhabensten Glanz gegenwärtig. Ein solches Land sollte das israelitische sein, ein solches Volk sollte darin wohnen. — Dies zu sehen, danach sehnte sich das Herz des Propheten, das war sein Verlangen, das war der Gegenstand seiner Wünsche und das Ziel seines Strebens. Gewiß fragt mancher Israelit, wenn man ihm die Aufgabe seines Volkes kündet, wenn man ihm sagt: „Israel war das Saatkorn, das Gott selbst gepflanzt hat, auf daß die ganze Welt seine Gottessaat ernte, die Saat des reinen Glaubens, der echten Tugend," wenn man ihm von seiner Geschichte erzählt, wie die Ahnen Jahrtausende festgehalten haben an der Verheißung Gottes, daß die Ernte ihrer so unendlich opfervollen Ausdauer im Aussä n und Pflanzen von Licht und Heil einst reich aufgehen wird — dann fragt so mancher ungeduldig: sind nicht .schon Jahrtausende hingegangen und wo bleibt die Ernte? Sind schon alle Vorurteile geschwunden? Ist es Tag geworden allüberall? Tag in den Geistern,' Tag in den Herzen der Menschen? Wozu noch länger verharren in unserer Stellung, wozu noch länger säen, wenn ja doch die Ernte sich nicht zeigen will? Denen, die also reden, entgegnet die Religion: Nicht erntet der Geist so rasch, wie die Natur. Das Saatkorn, das dem Geistesboden anvertraut ist, treibt ebenso sicher und gewiß seine Frucht, wie das der Erde übergebene, nur in langen, von uns nicht näher zu bestimmenden Zeiträumen. Derselbe Gott, der gesprochen, „Saat und Ernte sollen nie aushören," auf jede Saat soll die Ernte folgen, derselbe Gott wacht über jeden Gedanken, jede Lehre, jedes Wort und jede That, die irgend eines seiner Menschenkinder ausgesprochen und geübt hat, auf daß die Menschheit edler, reifer und vollendeter werde. Wenn man sagt, jede Zeit sei die Wirkung der ihr vorangegangenen, so dürfen wir das nicht in schattenhafter Unbestimmtheit nehmen. Auch in der geistigen Welt geht kein Atom verloren; was je war, verharrt unvertilgbar, in unfern Geistern leben die Geister aller Verstorbenen aller Zeiten» Das ist es, was man Tradition nennt, nämlich die Bestimmung, daß jedes Geschlecht die geistige Erbschaft seiner Väter antritt. Die Gedankenelemente, die in solcher Weise überliefert werden, mögen immerhin mannigfache Schicksale erfahren — vernichtet werden sie nicht. Hierauf beruht das geistige Leben, seine Gesundheit und seine Krankheit, seine Stetigkeit und sein Kampf. Sehen wir uns um, wieviel Licht von unserer Religion bereits ausgeströmt, in wieviel Menschenherzen durch ihre Lehre Ruhe, Trost und Seligkeit gesenkt worden. Daß man uns das nicht eingesteht — was thut das der Wirklichkeit für Eintrag? Und wenn wir noch immer durch Herabsetzung und Bedrückung zu leiden haben, so liegt der stärkste Trost und die größte Beruhigung darin, daß man uns dadurch das Bewußtsein der Menschenwürde nicht schmälern kann. „Der Ewige zürnte über mich um Euretwillen und hörte nicht auf mich," so lautet es im Text; der Ewige sprach zu mir: „es ist genug!... Steige hinauf aus die Spitze des Pisga, hebe Deine Augen auf . . . Du wirst nicht über den Jordan kommen." Es sollte dem göttlichen Mann der heißeste Wunsch versagt werden. Und warum? Der Ewige zürnte, zürnte des Volkes halber! Steht Mose hierdurch minder groß in der Geschichte? Durchaus nicht. Vielmehr trägt seine Entsagung und Ergebenheit nur dazu bei, seine Würde noch zu erhöhen und seine geistige Kraft noch sichtbarer hervortreten zu lassen. Das, was einmal in dem Plan der welttreibenden Vorsehung