Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 31 (3.8.1900)
- Date
- 1900-08-03
- Page
- Seite 490 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 490. Israelitische Wochenschrift. Nr. 31. / Bei der großen Arbeitslast und dem vorgerückten Alter des Ministers des Innern Saracco, der gleichzeitig Premierminister ist, wird ein großer Theil der Geschäfte des Ministeriums von Romanin Jacur verwaltet werden müssen. Der neue Unterstaatssekretär ist nichk^iur Jude von Geburt, sondern ein überzeugter und eifriger Jude. — Der Unterrichtsminister hat die ursprünglich auf den 3. Oktober festgesetzte Gymnasial-Reifeprüfung wegen des Versöhnungstages verschoben. Jassy, 29. Juli. (Der Kultus der jüdischen Gemeinde.) In Jassy giebt es zwei große Synagogen, einige Bethäuser und mehr als 100 Betzimmer. Die Synagogen haben ein ehrwürdiges Alter. Die größere Synagoge des Judenviertels, der sogenannte „Schulhof", ist leider eine Ruine. In den Bethäusern ist der Gottesdienst zumeist ungeregelt, was bei den hiesigen Verhältnissen selbstverständlich ist. Ausnahmen in mancher Hinsicht bilden der Neuschotztempel „Bet Jakob", die von einem Schneider unlängst errichtete Synagoge „Bet Schlome", und einige andere Bethäuser. Vorherrschend sind jedoch die Betzimmer, die ein unglückliches Kultusproletariat großziehen, eine unheilvolle Zersplitterung des jüdischen Gemeindelebens zur Folge haben und jeder ästhetischen Form und Weihe in modernem Sinn entbehren. Diese traurige Erscheinung erklärt sich aus drei Momenten: a) Die vielen Schwierigkeiten, die der Errichtung allgemeiner und öffentlicher Gotteshäuser in früheren Zeiten gemacht wurden, begünstigten die Entstehung kleiner und privater Betstätten. d) Der Umstand, daß die aus verschiedenen Staaten und Städten einwandernden Juden kein eigentliches Zusammengehörigkeitsgefühl hatten, trägt die Schuld an dem Mangel eines Zentralgotteshauses in unserer Stadt, c) Die rumänische Gesetzgebung, die den jüdischen Gemeiden das Exekutivrecht genommen und so jede ernstliche Organisation unmöglich gemacht, hat auch zur Verwirrung unserer Kulturverhältniffe beigetragen. Die Errichtung eines modernen Gotteshauses und der Umbau der altkonservativen Synagoge im Dienst der Konzentration unseres Gemeindelebens würden Heil dem religiösen und Heilung dem „gemeindlichen" Wirken der hiesigen Judenheit bringen. Allein die traurige Gestaltung unserer Lage gestattet uns vorrläufig nicht, an die Verwirklichung solcher Ideale zu denken. Unter diesen Kultusverhältnissen leiden natürlich die Vertreter des Kultus, die Rabbiner. Unsere Gemeinde, die einst aus dem fernsten Orient Größen als Rabbiner berufen, lange Zeit der Sitz staatlich anerkannter Chacham-Paschas, Landesrabbiner, gewesen, noch in diesem Jahrhundert chassidäische Berühmtheiten, halachische Autoritäten und große Prediger besessen, hat gegenwärtig einen freikonservativen Fortschrittsrabbiner Dr. Jsak Jakob Niemirower, einen altorthodoxen Rabbiner Feiwel Taubes und 4 Rabbinatsassessoren. Nachdem die indirekten Kultussteuern, die Abgaben, die mit dem Verkauf des rituellen Fleisches, mit der Schechita verbunden waren, infolge der Wirren unserer Verhältnisse aufgehört, werden diese 6 Rabbiner, der eine mehr, der andere weniger, aber alle nicht hinreichend, gleich allen Institutionen durch freiwillige Beiträge der wohlhabenden Mitglieder erhalten. — Abgesehen davon, daß der aus österreichischen Juden bestehende Rudolfsverein jährlich einige Kinder der Armen und Herr M. Weisengrünn mehrere Schüler der „Cultura"schulen bekleiden, besteht seit 1897 unter Leitung der Herren M. Gelber, I. Josefsohn, I. L. Rosenstein und Rabbiner Dr. I. Niemirower ein Verein, der den ärmsten Schülern der Talmud Thora Junimea und Cultura für etwa 3000 Francs Kleider und Schuhe spendet. Selbst in diesem Jahr der Krisis ist zu hoffen, daß, wenn auch spät Und wenig, jedenfalls etwas für die unglücklichen Kleinen geschehen wird. Petersburg, 27. Juli. (Wichtige Entscheidung.) Das russische Staatsministerium hat auf Anregung des Ministers für Auswärtige Angelegenheiten eine wichtige Entscheidung getroffen. Da alle Ausländer in den meisten europäischen Staaten und in den Vereinigten Staaten von Nordamerika nur nach mehrjährigem Aufenthalt in dem betreffenden Land das Bürgerrecht erwerben können, hat die russische Regierung entschieden, daß alle unter Beihilfe der Jüdis1,en Kolonisationsgesellschaft auswandernden russischen Juden so lange als russische Unterthanen gelten sollen, bis sie Bürger irgend eines anderen Staates geworden sind. Infolge dieser Bestimmung können russische Juden jederzeit wieder in ihre Heimat zurückkehren, wenn sie sich im Ausland nicht dauernd niederlassen wollen. Die Jüdische Kolonisationsgeseüschaft ist bereit, überall da die Kosten für die Heimkehr der russischen Familien zu tragen, wo diese selbst dazu nicht in der Lage sind. Konstantinopel, 26. Juli. (Die Einwanderung in Kleinasien.) Aus Brussa wird berichtet, daß das Elend unter den in der Kolonie Beylik Ahir lebenden rumänischen Einwanderern unbeschreiblich groß ist. Es fehlt den unglücklichen Juden an Lebensmitteln jeder Art, 120 Familien kampieren im Freien, Epidemien sind die Folge der furchtbaren Entbehrungen, und es fehlt an Aerzten und Medika menten. Nachdem dem hiesigen Komitee der Alliance Jsraelite' diese traurigen Zustände bekannt geworden, sind sofort Nahrungsmittel und Arzneien zur augenblicklichen Linderung der Not nach Kleinasien abgegangen, die Zeitung El Tiempo hat eine Sammlung zu Gunsten der Hungernden begonnen, aber aus die Dauer ist damit nicht geholfen. Der Großrabbi der Türkei hat sich nochmals an den Sultan mit der Bitte gewendet, die offizielle Erlaubnis zur Einwanderung von Juden in Kleinasien zu geben, aber noch ist kein Bescheid eingegan en. Täglich kommen mehrere Hundert rumänische Auswanderer auf dem Weg nach Cypern durch Konstantinopel. Einer großen Anzahl von Rumänen, die sich kürzlich im Piräus ausgeschifft hatten, waren die Mittel ausgegangen, sie mußten ebenfalls von der Alliance Jsraelite unterstützt werden. London, 31. Juli. (Zionistenkongreß.) Das Programm des IV. Zionisten-Kongresses, das jetzt ausgegeben worden, entspricht in allen Punkten den in diesem Blatt früher gemachten Mitteilungen. Es ist bezeichnend, daß auf dem Kongreß von allem Möglichen, nur nicht vom Zionismus die Rede sein wird. Das Aktionskomite will außer dem Kassenbericht auch einen allgemeinen Rechenschaftsbericht abstatten, hat aber den Berichterstatter noch nicht benannt. — Wie das Sekretariat des Kongresses schreibt, erwartet man über 400 Delegierte vom Festland.