Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 31 (3.8.1900)
- Date
- 1900-08-03
- Page
- Seite 489 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 31. Israelitische Wochenschrift. Seite 489. das Lied als ein gemeines bezeichnet, und mit körperlichen Mißhandlungen — man müsse mir sämtliche Knochen zerschlagen (der Ausdruck „Bauchaufschlitzen" wurde nicht gebraucht) — gedroht. Den Ort hätte ich, auch wenn mich meine Reisepläne nicht so wie so am Montag weiter geführt hätten, schon im Interesse meiner Familie schleunigst verlassen müssen." Daß die Behörden gegen das Boxertum eingeschritten wären, den schmählichen Unfug gehindert hätten, davon hat man nichts gehört. Bremen, 30. Juli. (Durchzug rumänischer Auswanderer.) In voriger Woche sind hier 90, heute 136 rumänische Auswanderer eingetroffeü. Sie haben vorsorglichen und hilfreichen Empfang gefunden und werden mit thunlichster Beschleunigung und auf beste Weise von hier aus ihrem Wanderziel zugesührt. Herr Rabbiner Dr. Rosenak hat für die Auswanderer hier eine Volksküche eingerichtet, in denen die Leute wenigstens einige Male warm gespeist werden, ehe sie zu Schiff gehen. Die heutigen Auswanderer waren alle gleichmäßig in Tropenanzüge gekleidet. Ihnen ist von Seiten des Norddeutschen Lloyd die Vergünstigung gewährt, daß sie im Auswanderer-Logierhaus nur 20 Pfennig pro Tag statt 1 Mark zu zahlen haben. München, 30. Juli. (Abschied jüdischer Soldaten.) Eine erhebende Feier fand am Freitag Abend in der hiesigen Synagoge statt. Zum Abendgottesdienst waren zwei jüdische Soldaten, die dem hiesigen Bataillon der ostastatischen Division zugeteilt sind, erschienen. Herr Rabbiner Dr. Finkelscherer hielt eine Ansprache, an die Kämpfe der Juden zur Zeit der Propheten anknüpfend, indem er den Kampf gegen Unkultur schilderte, zu dem der Kaiser und die Bundesfürsten das Volk aufgerusen haben. Mit einem Gebet schloß die Ansprache. Nach Beendigung des Gottesdienstes wurden den Freiwilligen Gebetbücher als Geschenk der Gemeinde überreicht. München, 1. August. (Semesterbericht.) Dem ersten Semesterbericht des „Vereins jüdischer Studenten an der Universität München" entnehmen wir im Folgenden alle wesentlichen Stellen: Am 9. Mai 1900 gründeten die Herren Studierenden Citron, Cotm, Friedländer, Gottschalk, Hülse, Pinczower und Rueck einen akademischen Verein, dessen Ziel die Weckung und Hebung des Selbstbewußtseins unter den jüdischen Studenten Münchens sein sollte. Zu diesem Zweck sollten Vorträge über jüdische Geschichte und Literatur gehalten werden, wobei besonderer Wert' darauf gelegt wurde, daß aktuelle Themata behandelt werden, zu denen Stellung zu nehmen der jüdische Akademiker verpflichtet ist. Der Verein als solcher sollte den neutralen Boden bieten, wo die Anhänger verschiedener Meinungen einander zu überzeugen suchen. — Außerdem sollten körperliche Uebungen (Turnen und Fechten) gepflegt werden. Es wurde beschlossen, dem Verein den Namen „Verein jüdischer Studenten an der Universität München" zu geben. Die Farben des Vereins sind: blau, weiß, gelb. In den ersten Tagen nach der Gründung schloffen sich dem Verein an die Herren Studierenden Appel, Calvary, Goldberg, Nassau und Wolff. Der erste Konvent widmete sich der Durchberatung der Statuten. Es wurden im Wesentlichen die Statuten des Breslauer V. I. St. angenommen. In den Vorstand wurden! gewählt: 1. Citron, Präside; 2. Cohn, Fuchsmajor; 3. Hülse, Schriftführer; 4. Ptnczower, Kassenwart; 5. Friedländer, Turnwart. Die Antrittskneipe fand am 31. Mai statt. Mit besonderer Freude erfüllte es den jungen Verein, daß er bei -seiner ersten Veranstaltung nicht nur eine staatliche Anzahl - von Studenten, sondern auch eine Reihe angesehener Bürger Münchens, insbesondere die drei Herren Rabbinen begrüßen konnte. Die jüdisch-akademische Verbindung „Unitas" in Wien hatte ihren ersten Chargierten Herrn cand. med. Wolff als offiziellen Vertreter gesandt. Von seiten der befreundeten Vereinigungen in Berlin, Leipzig und Breslau kamen Telegramme, auch vom Verband der alten Herren in Berlin. Die Festrede hielt cand. med. Citron; die Begrüßung der Gäste lag cand. nif. Friedländer ob. Nach Schluß der Gründungsseierlichkeiten bemühte sich der Verein, zur wissenschaftlichen Anregung seiner Mitglieder beizutragen und seine Organisation auszubauen. Es wurde mit der Unitas zu Wien ein Freundschaftsvertrag geschloffen; ferner wurde beschlossen, mit den V. I. St. Berlin, Leipzig und Breslau behufs späteren Abschlusses eines Kartells in nähere Fühlung zu treten. Dann wurde eine Geschäfts- und Ehrengerichtsordnung geschaffen, sowie Bestimmungen über die Burschung der jüngeren Mitglieder getroffen. Um geburscht zu werden, muß der Fuchs einen Vortrag halten, aus dem sich ergiebt, daß er die Tendenzen des Vereins verstanden hat. Ferner muß er eine Prüfung bestehen, die sich 1) auf die jüdische Geschichte und Literatur, sowie auf Kenntnis der sozialen Lage der Juden, ferner 2) auf die Tendenzen des Vereins und 3) auf die Regeln des Komments erstreckt. Am Schluß des Semesters zählte der Verein zwanzig Mitglieder. Im Schlußkonvent wurden als provisorische Chargierte für das nächste Semester gewählt: Böhm, Citron, Calvary, Kocheim und Rueck. Als Ferienkommission wurden Böhm, Friediger und Gottschalk bestimmt. Der Semesterbericht schließt mit den Worten: „Wir blicken mit Befriedigung aus das abgelaufene Semester zurück. Wenn auch nicht alle Vorsätze zur Ausführung gebracht werden konnten, insbesondere die Einrichtung von hebräischen Sprachstunden und Fecht- und Turnkursen, so ist doch deren Zustandekommen für das nächste Semester gesichert. Wir sehen mit Vertrauen in die Zukunft und wünschen, daß unsere alten Freunde uns treu bleiben und daß das neue Semester uns viele neue, alte und junge Freunde bringen möge, damit der V. I. St. zu München in Wahrheit das werde, was er zu sein bestrebt: „der Vereinigungsort aller jüdisch-fühlenden und jüdisch-denkenden Akademiker Münchens." Budapest, 30. Juli. (Die Rede eines Bischofs.) Anläßlich seines gestrigen fünfundzwanzigjährigen Priesterjubiläums hielt Bischof Wolafkas eine Rede, in der er /agte: Wenn sich Nichtswürdige finden sollten, die die Christen gegen die Juden aufhetzen, mit denen er und seine Gläubigen stets in gegenseitiger Liebe und Achtung gelebt hätten, so wäre er bereit, auch um den Preis seines Blutes das bestehende gute Verhältnis zu verteidigen. Rom, 26. Juli. (Jüdischer Unterstaatssekretär. — Rücksichtnahme.) Das bisherige Mitglied der Deputiertenkammer, Signor Romanin Jacur, ist zum Unterstaatssekretär im Ministerium des Innern ernannt worden.