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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-08-03 · 31 (3.8.1900) · p. Seite 484

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
31 (3.8.1900)
Date
1900-08-03
Page
Seite 484 (sequence 8)
Language
German
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Israelitische Wochenschrift, Nr 31. Seite 484. 5. In Bezug auf die von uns behandelten Fälle muß noch bemerkt werden, daß unter den zuerst Heimgeschickten sich viele Leute befanden, die Zeit genug zu der Erkenntnis gehabt haben, daß die Arbeits- und Lebensbedingungen in London sie nicht zu längerem Aufenthalt ermutigen. In ihrer äußeren Erscheinung stachen sie sehr unvorteilhaft von den neu ait£ Rumänien Angekommenen ab. In den Fällen, wo die Armenkommission eine andere Beihilfe als Heimsendung verweigerte, waren die ledigen Männer zur Auswanderung nach Kanada durchaus untauglich; und es ist gegen die hergebrachte Politik der Kommission, verheiratete Männer, die ihre Familien zurückgelassen haben, in ein fremdes Land zu befördern. Die Armenkommission hat die Erfahrung gemacht, daß durch solche Erleichterungen Männer oft dazu veranlaßt werden, allein auszuwandern und ihre Familien schutzlos zurückzulassen; besonders betrüblich sind die leider wiederholt verzeichneten Vorkommnisse, daß junge Ehemänner die kleine Mitgift ihrer Frauen nehmen und als Reisespesen verbrauchen. 6. Man wird aus den aufgezählten Fällen erkennen, daß die von der Armenkommission verfolgte Politik der Heimsendung die einzig praktische ist, wenn hier große Züge von Einwanderern ankommen, die von denen nicht gesichtet worden sind, die sie nach London schicken. Die Behörden, die diese Gruppen von einer Stadt des Kontinents zur anderen dirigieren, sind eifrig bestrebt, alle Verantwortlichkeit von sich abzuwälzen. So gelangen die Auswanderer an den London zunächst gelegenen Hafen und werden hierher eingeschifft. Es kann allen denen, die so die Gebote des Gemeinsinns und der Humanität unbeachtet lassen, nicht oft genug wiederholt werden, daß die Sympathie der englischen Juden für ihre leidenden rumänischen Brüder nicht weniger hilfsbereit ist, als die unserer Glaubensgenossen auf dem Kontinent; aber die hiesige jüdische Armenkommission muß als Vertreterin der Interessen der hier bereits ansässigen armen Ausländer mit aller Kraft den weiteren Zufluß in die jüdischen Stadtteile Londons verhindern, wo kein Plätzchen mehr frei ist, und wo die Arbeit ohnehin schon so kärglich bezahlt wird. 7. Ich habe bereits aus die durch den Obdachsverein erfolgte Einschiffung mehrerer Gruppen von Rumänen nach Kanada hingewiesen, und wie ich höre, ist diese Einschiffung eine Folge verschiedener durch ausländische jüdische Vereine geschaffenen ausnahmsweisen Verhältnisse. Wenn nun auch die Weiterbeförderung eine augenblickliche Lösung der Schwierigkeit für die betreffenden Gruppen bedeutet, so kann doch nicht bestritten werden, daß diese Abreise nach Kanada falsche Hoffnungen unter denen erregt, die als zur Auswanderung ungeeignet Zurückbleiben müssen und deren Leiden sich häufen, je länger ihr Aufenthalt in London sich ausdehnt. 8. Obgleich man mir von Kanada aus die Versicherung gegeben hat, daß man sich dort der Hingeschickten so weit wie möglich annehmen wird, ist doch Grund zu der Befürchtung vorhanden, daß bei der zur Auswanderung und Anstedlung wenig geeigneten Mehrzahl der Rumänen Enttäuschung und Not nicht ausbleiben kann. Nach neueren Feststellungen ist es klar, daß besondere Qualifikation und einiges Kapital für Ansiedler in den neuen Gebieten, wie sie in Kanada allein zur Verfügung stehen, absolut notwendig sind. Eine große Anzahl der dorthin übergestedelten Rumänen werden keine, sicher nicht beide erforderten Bedingungen erfüllen können. Darum konnte auch die Armenkommission die Auswanderung weiterer Gruppen nach Kanada nicht begünstigen; das konnte nur nach vorsichtiger Auswahl der Auswandernden und nach Empfangsvorbereitung im fremden Land geschehen. 9. Es ist ferner nicht zu bestreiten, daß die Nachricht von der Auswanderung ganzer Gruppen von Rumänen nach Kanada die Aufmerksamkeit der hiesigen und auswärtigen russischen Juden erregt hat. Zum Beweis dieser Behauptung kann ich konstatieren, daß die Armenkommission bereits eine Aufforderung von schon in London weilenden Russen für sie selbst und für 100 aus dem Weg nach London befindliche russische Familien erhalten hat, sie nach Kanada zu schicken, „wie es mit den rumänischen Juden geschieht." 10. Der Schluß, zu dem die englischen Juden — wie ich glaube, mit Recht — gekommen sind, ist, daß die Maffen- Auswanderung aufhören muß, daß keine Auswanderer nach London geschickt werden sollen, die nicht mit Billets nach ihrem Endziel versehen sind, daß keine Auswanderung ohne die nötige vorherige Auswahl begünstigt werden soll und ohne daß am künftigen Bestimmungsort Vorbereitungen für die Ankömmlinge getroffen worden sind. Die Thätigkeit der jüdischen Armenkommisston ist selbstverständlich auf die Behandlung solcher Fälle beschränkt, die sich in London an sie wenden, doch glaubte ich mit meiner Erfahrung in der Frage der rumänischen Auswanderung auch dort nützlich zu sein, wo deren Lösung an die Jüdische Colonisationsgesellschaft und andere Körperschaften herantritt. Leonard L. Cohen, Vorsitzender. Me Juden in Hongkong. Herr Belelios, ein angesehener jüdischer Kaufmann, der aus Venedig stammt, in Kalkutta geboren ist und seit 1862 in Hongkong wohnt, ist zu vorübergehendem Aufenthalt nach London gekommen und hat hier über die Verhältnisse der Juden in Hongkong nachstehende Mitteilungen gemacht: „Wir sind in Hongkong Alles in Allem etwa 150 Juden, zumeist aus den östlichen Ländern, aus Bombay, Kalkutta, Bagdad und Aleppo. Die Gemeinde ist ungefähr 50 Jahre alt, vor dem Opiumkrieg gegründet. Ihre Einrichtungen folgen dem portugiesischen Ritus. Die deutschen jüdischen Kaufleute, deren Zahl nicht gering ist, geben sich nicht als Juden zu erkennen, vermutlich weil in so manchen Gegenden Antisemitismus herrscht. Das deutsche Element kommt nach China, um dort Vermögen zu machen und dann wieder fortzugehen. Sie glauben wahrscheinlich, daß es ihrem Unternehmen abträglich sein würde, wenn es bekannt wäre, daß sie Juden sind. Die Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden sind ausgezeichnet. In unserer Kolonie nehmen die Juden eine hohe und geachtete Stellung ein. Die deutschen Kaufleute stehen vielleicht mehr unter dem Einfluß der in Hamburg und anderen deutschen Städten gegenüber den Juden herrschenden Gefühle. Andererseits giebt es eine kleine Anzahl deutscher Juden geringeren Standes, die die Besorgnisse der Kaufleute

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