Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 31 (3.8.1900)
- Date
- 1900-08-03
- Page
- Seite 483 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 31. Israelitische Wochenschrift. / j wäre ratsamer, die Komitees verwendeten die vorhandenen Mittel i dazu, die gegenwärtig beschäftigungslose Handwerkerklasse so lange zu unterstützen, bis wieder bessere Tage kommen. Der Jude hat sich hier als zuverlässiger und tüchtiger Arbeiter stets bewährt, und wenn nur die wirtschaftliche Lage Rumäniens wieder eine festere Grundlage bekommt, wird auch für die israelitischen Handwerker wieder Arbeit zu finden sein. In israelitischen Kreisen hegt man sogar die Hoffnung, der Ministerpräsident Carp werde dem Gedanken näher treten, den Juden den Aufenthalt auf dem Lande wieder zu gestatten, wodurch diese nicht ganz auf städtischen Boden angewiesen wären, eine Idee, die allerdings dazu geeignet wäre, dem Schicksal der Juden eine Wendung zuln Guten zu geben. Es ist jedoch schwer, diese Annahme auf ihre Stichhaltigkeit zu prüfen, und so bleibt nichts übrig, als abzuwarten, wie sich die Dinge gestalten werden. Lange kann es ja ohnehin nicht mehr dauern." Man sieht, daß selbst in dieser zu Gunsten der rumänischen Verhältnisse gefärbten Darstellung die verzweifelten rumänischen Juden mit Hoffnungen und Möglichkeiten vertröstet werden, während nicht die kleinste Thatsache angeführt werden kann, die wirkliche Besserung verspricht. Den rumänischen Juden zureden, daß sie im Lande bleiben und eine Organisierung der Auswanderung abwarten sollen, mag gutgemeint sein; aber Verzweifelten ist schlecht predigen, und deshalb bleibt nichts übrig, als diese Organisierung und das Hilfswerk überhaupt zu beschleunigen. Vor allen Dingen sollte man sich vor dem Versuch hüten, durch Schönfärberei den rumänischen Gewalthabern zu Hilfe zu kommen. Nur wenn die Rumänen selbst unentrinnbar in Finanznöten sind, ist eine Besserung möglich. Die Not allein kann dieser verkommenen Nation Lehrmeisterin werden. Herr Carp erklärt neuerdings, daß die rumänische Regierung eifrigst bemüht sei, ein friedliches Zusammenwohnen von Juden und Cristen zu sichern, und daß sie entschlossen sei, jeden Versuch antisemitischer Unruhen im Keim zu unterdrücken. — Das Versprechen des Herrn Carp mag aufrichtig gemeint sein; wir glauben aber nicht, daß seine Ministerkollegen ihm gestatten werden, sein Versprechen zu halten. Vorläufig wenigstens handelt die rumänische Regierung den rumänischen Juden gegenüber ganz so, als ob das antisemitische Boxertum die anerkannte Regierungsmaxime wäre. Die rumänische Regierung gestattet den an der Grenze wegen Mittellosigkeit zurückgewiesenen oder von der „AllianceJraelite" heimgeschickten rumänischen Juden nicht, wieder in die alte Heimat zurückzukehren, und es sind dadurch an der ungarischen Grenze Zustände entstanden, die viel Aehnlichkeit haben mit denen an der armenisch-rusiffchen Grenze. Dort hat die türkische Regierung gleichfalls den Schlagbaum herabgelassen und hat sich bisher noch immer geweigert, der Aufforderung der russischen Regierung nochzukommen und die ausgewanderten oder in Geschäften auf russisches Gebiet hinübergetretenen Armenier wieder auszunehmen. Rumänien hat, trotz seines Ministerpräsidenten von westlicher Gesittung und Bildung, den traurigen Ehrgeiz, die Türkei moralisch zu unterpieten. Seite 483. Me Londoner Ariimttuinimiffioii \\ü die rumänischen Auswanderer. Der Vorsitzende der Armenkommission der jüdischen Gemeinde in London hat an den Vorstand der Jüdischen KolonffgUons-Gesellschaft in Paris ein Memorandum geschickt, das die rumänischen Auswanderer zum Gegenstand und folgenden Wortlaut hat: 1. In der Monatssitzung der Armenkommission vom 9. d. M. habe ich festgestellt, daß zwischen dem 18. Juni und dem 8. Juli die Hilfe der Kommission in 211 Fällen von rumänischen Einwanderern in der allgemein üblichen Weise nachgesucht worden ist. Die Abteilung, der die Bearbeitung dieser Fälle oblag, hat jeden Fall einzeln mit dem folgenden Resultat behandelt: 58 hatten den Wunsch, nach Haus zurückzukehren, und wurden heimgeschickt; 117 wurde jede andere Hilfe, als die Heimsendung, verweigert; 14 wurden zurückgewiesen; 2 wurden zeitweilig unterstützt; 1 erhielt ein Darlehn; 19 wurden nach Amerika oder anderen Plätzen außerhalb Englands geschickt. 2. Von den obigen 58 in die Heimat Geschickten hatten einige ein halbes Jahr, andere über drei Monate in London gelebt; bei den 117 Fällen waren 89 Männer, die ihre Frauen und Familien in Rumänien zurückgelassen hatten. Eine Statistik der Gewerbe ergab bei 152 der oben erwähnten 211 Rumänen, daß 49 Schlosser, Zimmerer und ähnliches, 35 Höker und Ladengehilfen, 6 Schneider, 4 Schreiber und 58 ohne Gewerbe waren. Keiner von ihnen hatte jemals Landarbeit gethan. 3. Seit dem 8. Juli bis heute sind 45 einzelne Bittsteller bei uns gewesen: 5 sind nach Amerika und anderwärts ins Ausland geschickt, 21 sind heimgesandt worden; 19 sind noch nicht erledigt. Außerdem haben noch folgende mit Führern versehene Gruppen Eingaben bet uns gemacht: eine aus 118, eine aus 55, eine aus 30 und eine aus 29 Personen bestehende Gruppe. Diesen wurde mitgeteilt, daß die Armenkommission ihre Kollektiv-Gesuche ■ nicht berücksichtigen könne, daß aber jedes Gesuch eines Einzelnen geprüft werden solle. Darauf hat ein großer Teil die Gesuche zurückgezogen und im Einzelnen noch nicht wieder eingereicht. Die Wenigen, die es gethan, sind in den obigen Ziffern einbegriffen. 4. Die angegebenen Zahlen beziehen sich nur auf die Rumänen, die im Bureau der Armenkommtssion erschienen sind. Die genaue Anzahl der Auswanderer, die von den Behörden des jüdischen Vereins für Obdachlose ausgenommen und nach Kanada geschickt worden sind, wird der Jüdischen Colonisations-Gesellschaft schon direkt angegeben worden sein und wird zusammen mit den von der Armenkommisston behandelten Fällen wohl mehr oder weniger genau Alles sein, was von rumänischen Auswanderern an Unterstützung verlangt und gewährt worden ist. Abgerechnet müssen einige Fälle werden, wo die Obdach-Kommission die Auswanderung für ungeeignet erklärte, und die auf Wunsch der Betreffenden einer nochmaligen Prüfung unterzogen werden sollen; diese Leute werden sich wahrscheinlich nicht an die Armenkommission gewendet haben.