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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-08-03 · 31 (3.8.1900) · p. Seite 482

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
31 (3.8.1900)
Date
1900-08-03
Page
Seite 482 (sequence 6)
Language
German
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Gerte 482. Israelitische Wochenschrift. Nr. 31. In Budapest regt sich in allen Schichten der Gesellschaft .das lebhafteste Interesse für die rumänisch - jüdischen Auswanderer, denen auch zahlreiche Nicht-Juden helfend beistehen. Am Sonntag erschien bei ihnen der Prior des ungarischen Piaristenordens und verteilte an die Armen Geld und Viktualien, auch der Staatssekretär im Ministerium des Inneren, Herr Gullner, erschien bei den Auswanderern und versprach ihnen, im Rahmen des Gesetzes der Humanität vollständig Rechnung zu tragen. — Zwischen der ungarischen Regierung und Rumänien hat durch Vermittelung des Auswärtigen Amts ein lebhafter Notenwechsel stattgehabt, dessen Resultat das Versprechen Rumäniens ist, die rückkehrenden Auswanderer wieder aufzunehmen. Trotzdem verwehren in Orsova rumänische Gendarmen 650 Auswanderer^, welche keine Mittel zur Weiterreise haben, die Rückkehr. Kilmiimsche Spiegelfechtereien. Die rumänische Regierung, die unter Herrn Carp nur den Namen, nicht die Art gewechselt hat, setzt ihre Bemühungen fort, die Thatsache der Judenverfolgungen zu leugnen und der Massenauswanderung der rumänischen Juden eine Erklärung zu geben, die zu der Grausamkeit noch die Verleumdung fügt. Da jedes Wort aus ihrem eigenen Mund unbedingtem Unglauben begegnen würde, so gewinnt sie, sei es durch Bestechung, sei es durch Täuschung, dritte, die den zur Heimatlosigkeit verurteilten rumänischen Juden, sowohl denen, die in Verzweiflung das Land verlassen, wie denen, die die Möglichkeit der Auswanderung nicht haben, die Schuld an ihrem Mißgeschick beimessen. Zu diesen betrogenen Schutzzeugen der rumänischen Regierung und ihres Pump-Bedürfnisses gehört die Münchener „Allgemeine Zeitung," die sich in einer ihrer jüngsten Nummern wie folgt vernehmen läßt: „Ein Volkselement ist es, das alle Schichten der Bevölkerung durchdringt, überall sich einzuschleichen, festzusetzen weiß und von der Arbeit anderer sein Dasein fristet. Es sind das in Rumänien zahlreiche Wanderjuden, denen die Bauernschaft ebenso zum Opfer fällt, wie der Bojare. Es ist keine Klage gegen das Judentum, der Antisemitismus ist uns fremd; wir konstatieren nur eine soziale Thatsache, deren verheerende Folgen kein Unbefangener zu leugnen vermag. Diese Thatsache drängt sich gerade jetzt wieder in den Vordergrund, da die zahlreiche Auswanderung rumänischer Juden die allgemeine Aufmerksamkeit erregt. Ein Teil der europäischen Tagespresse schreibt diese Auswanderungen den Judenhetzen und Judenverfolgungen zu. Das ist ein Irrtum; wohl gab es einzelne lokale Ausschreitungen des bedrückten Volkes gegen seine Ausbeuter und Peiniger, aber die massenhafte Emigration hat einen anderen Grund. Nach amtlichen Daten sind in den letzten zwölf Monaten 5786 Juden aus Rumänien ausgewandert. Da die Auswanderung fortwährend im Zuge ist, wird die Zahl thatsächlich bedeutend höher zu setzen sein. Die Mehrzahl von diesen jüdischen Emigranten hatte keine bestimmte Beschäftigung oder Profession, nur die Minderzahl waren Handwerker. Diese Juden verlassen das Land, weil durch die Verarmung des Volks für sie dort nichts mehr zu holen ist. Man darf nicht außer acht lassen, daß im Norden Rumäniens es Gegenden giebt, wo die Juden fünfzig Prozent der Bevölkerung ausmachen. Von dort ziehen sie dann nach dem fruchtbaren Süden, und da dieser jetzt auch im Notstand sich befindet, so gehen diese Wanderjuden über die Grenze, um in der Ferne ihre Existenz zu suchen. Wer die amtlichen Berichte über das Treiben dieser „Kaufleute" unter dem ruthenischen Volk im nordöstlichen Ungarn kennt, der wird es begreiflich finden, wenn Rumänien das Verweilen dieses Volkselements nicht wünschen, nicht begünstigen kann. Sie sind ein Krebsschaden am Volksleib." Es gehört allerdings eine gewisse Prädisposition zur passiven Täuschung dazu, die verwegene Unwahrheit nachzusprechen, daß die rumänischen Juden, die von der Regierung und dem Volk Rumäniens planvoll rechtlos und zu Bettlern gemacht worden sind, die „Ausbeuter" Rumäniens, daß die von ministeriell veranstalteten förmlichen Hetzen verfolgten rumänischen Juden die „Peiniger" der Rumänen wären, denen gegenüber Mord und Brand nur als „lokale Ausschreitungen der Bedrängten" angesehen werden müßten. Immerhin ist dergleichen noch begreiflich, denn für manche Gemüter gewinnt eine Meldung durch ihre Verlogenheit etwas Einschmeichelndes. Die Behauptung aber, daß die rumänischen Juden das Land verlassen, „weil durch die Verarmung des Volks für sie dort nichts mehr zu holen ist," straft sich selbst Lügen. Gewiß ist für die Juden in Rumänien nichts mehr zu holen, aber nur, weil die Regierung ihnen weder den Gewinn von Bildung, noch fleißige Betätigung gestattet. Man hat sie mit Gewalt zu Bettlern gemacht, und als Bettler verlassen sie das Land. Wären sie wirklich „Ausbeuter" gewesen, so hätten sie Mittel gehabt und die Wege gefunden, sich mit den rumänischen Gewalthabern zu „verständigen." Wir werden nicht aufhören, immer und immer wieder darauf hinzuweisen, daß die Quelle der gegen die unglücklichen rumänischen Juden ausgestreuten Verleumdungen bei der rumänischen Regierung selbst zu suchen ist, die sich die antisemitischen Instinkte dienstbar zu machen weiß, und daß die Absicht bei diesen Ausstreuungen einzig darauf gerichtet ist, Mitteleuropa zur erneuten Herleihung von Kapital zu bestimmen, das gleich den vorigen Darlehen von der Unersättlichkeit der Bojaren verschlungen werden würde. Mit welcher Geschicklichkeit und mit welchen Mitteln Herr Carp zu arbeiten weiß, um durch die Tagespresse die öffentliche Meinung in Europa zu Gunsten Rumäniens zu beeinflussen, zeigt eine angebliche Bukarester Korrespondenz des „Berliner Tageblatts", die recht deutlich beweist, wie sehr die sogenannten „Judenblätter" zuweilen geneigt sind, sich zum Organ der Judengegner zu machen. In dieser Korrespondenz heißt es: „Was heute noch von rumänischen Verfolgungen in ausländischen Blättern erzählt wird, widerspricht den Thatsachen. Die Israeliten werden nicht mehr belästigt. Auch lassen die Behörden direkt merken, daß sie den Haustererhandel wieder tolerieren, nur damit sich diese Leute das tägliche Brot verdienen, aber Keiner denkt daran,- von dieser Erlaubnis Gebrauch zu machen, und nicht weniger als nahezu 25 000 Israeliten haben im Zeitraum von kaum einem Vierteljahr Rumänien für immer verlassen. Die Ernte ist eine ausgezeichnete, und das Geschäft zeigt im Allgemeinen mehr Regsamkeit. Da auch ein Ministerwechsel stattgefunden hat und der neue Präsident den „Fremden" nicht abgeneigt ist, darf man annehmen, daß auch das Schicksal der Juden in Bälde ein besseres werden wird. Die Komitees sollten die kopflosen Auswanderungen der Juden nicht unterstützen. Es

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