Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 31 (3.8.1900)
- Date
- 1900-08-03
- Page
- Seite 481 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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M. 31. Israelitische Wochenschrift. Teile 481. zwei christlichen Schneiderinnen aus Mszana zur Flucht aus dem Elternhaus überredet und in das Kloster der Felicianerinnen in Krakau gebracht. Elie Mendel Siegeltuch war einige Mal im Kloster, man wollte ihn jedoch nicht zu seinem Kind lassen und empfahl ihm, zum Fürstbischof zu gehen. Der Fürstbischof hingegen wies ihn an den Krakauer Magistrat.- Nach Angaben eines zwanzigjährigen Mädchens, Namens Gelb aus Swirekow, dem es mit großer Mühe gelang, nach dreieinhalbmonatlichem Aufenthalt aus dem Kloster der Felieianerinnen in Krakau zu entkommen, werden daselbst zwei jüdische Mädchen aus Russisch-Polen, namens Altmann und Ledermann, festgehalten, die unausgesetzt jammern, daß sie hinaus wollen. Gerechtigkeit ist der Reiche Grundstein; das Reich, in dem es an Gerechtigkeit fehlt, verdient den Untergang — und findet ihn! * * * (Die Erklärung eines Antisemiten.) Die „Silesta" veröffentlicht folgende Erklärung: „Anläßlich der im Monat Juni 1900 in Fulnek vorgenommenen Gemeindewahlen habe ich Gefertigter Karl Losert, Nähmaschinen- und Fahrradhändler und Hausbesitzer in Fulnek, in meiner blinden Wut über die totale Niederlage der christlich-sozialen Partei über Herrn Stefan Heistg, Privaten in Fulnek, das Gerücht verbreitet, „er habe, während der Bürgermeister in Hotzenplotz war, einen Knaben in einen Schweinestall gesperrt und vergessen, den Knaben wieder herauszulassen, so daß derselbe von den Ratten aufgefressen worden sei; infolge dessen habe Herr Heistg sofort auf seine Stelle als Bürgermeister verzichten müssen." Ich gestehe ein, daß ich zu dieser Aeußerung nicht den geringsten Grund hatte, daß die ganze eben erwähnte Geschichte auf einer boshaften niederträchtigen Erfindung von meiner Seite beruht, und leiste dem Herrn Stefan Heistg, der mir als ein in jeder Hinsicht hochachtbarer Mann bekannt ist, hiermit öffentlich Abbitte. Schließlich spreche ich dem Herrn Heistg dafür, daß er auf mein kniefälliges Bitten von der gerichtlichen Verfolgung abgestanden ist, meinen innigsten Dank aus und verpfände hiermit mein Ehrenwort dafür, daß ich es unterlassen werde, jemals gegen Herrn Heistg wieder etwas Ehrenrühriges vorzubringen. Fulnek, am 17. Juli 1900. Karl Losert." Herr Losert kennt sich und kennt seine christlich-socialen Leute. Denn so sind sie Alle, Alle ohne Ausnahme! * * »i« (Die Not in Rumänien.) Während nach den aus den rumänischen Provinzorten einlaufenden Nachrichten und den in Bukarest sich abspielenden Szenen eher eine Zunahme als eine Abnahme der Auswanderungsbewegung zu konstatieren ist, sind die von verschiedenen Seiten über das Los der israelitischen Einwanderer in der Fremde einlaufenden Meldungen sehr unerfreulicher Natur. Nicht genug, daß die durch bittere Not zur Auswanderung gezwungenen armen Leute in den Staaten ihres Durchzugsgebiets fast schlechter als nomadisierende Zigeunerbanden und, wenn es noch gut geht, günstigsten Falles als Vaterlands- und erwerbslose Vagabunden behandelt werden, denen man nur gegen verschiedene grenzpolizeiliche Vorbehalte die Ueberschreitung der Landesgrenzen gestattet, wird ihnen auch am Ziel ihrer Emigration ein zumeist sehr unfreundlicher Empfang zu Teil. So meldet die letzte hier angekommene Nummer des in Nerv-Jork erscheinenden „Curienil roman-american," daß die am 19. April aus Rumänien abgegangene 126 Mann starke Gruppe der „Verlader Fußwanderer," mit deren Aufbruch die Maffenauswanderung ihren Anfang genommen hat, wohl in New-Iork angÄvmmen, aber mit Ausnahme von 8 ihrer Mitglieder, für die deren in New-Iork lebende Anverwandten Bürgschaft geleistet hatten, an der Ausschiffung verhindert worden sei. Da keiner der Emigranten die Summe von 10 Dollars besaß, deren Ausweisung die Hafenpolizei vor Erteilung der Ausschiffungserlaubnis von jedem Einwanderer zu fordern berechtigt ist, so würden die armen Leute ohne Erbarmen wieder nach Europa zurückgeschickt worden sein, wenn nicht ein New- Jorker Bankier eine Garantie für sie deponiert haben würde. Fast gleichzeitig lief beim englischen Konsul in Galatz die Verständigung ein, daß die Regierung auf Cypern von nun an blos solchen rumänisch-israelitischen Auswanderern das Betreten ihres Territoriums gestattet, die sich darüber ausweisen können, daß sie über die nötigen Geldmittel zur Rückreise für den Fall verfügen, als sie in Cypern keinen Lebenserwerb finden sollten. Ebenso weigert sich Holland, die zu Schiff in Rotterdam ankommen^en rumänischen Israeliten landen zu lassen, wenn sie sich nicht über den Besitz von Schiffskarten zur Ueberfahrt nach Amerika ausweisen können. Auch bei Ueberschreitung der ungarischen Landesgrenze am Predeal werden den Auswanderern Schwierigkeiten bereitet, indem man von ihnen außer der Erfüllung der Paßvorschristen den Nachweis von Reisegeld verlangt. Nicht weniger als 200 Familien haben erst jetzt am Predeal wochenlang unter freiem Himmel kampieren müssen, bis sie von Bukarest aus die Mittel zur Fortsetzung der Reise erhielten. Wären ihnen nicht von ihren Kronstädter Glaubensgenossen täglich Lebensmittel geschickt worden, so hätten die Unglücklichen außer unter der Kälte der Gebirgsnächte auch noch unter den Qualen des Hungers zu leiden gehabt. Einen wahrhaft niederschmetternden Eindruck hat auf die zur Auswanderung gerüsteten Israeliten ein in Galatz eingetroffener Brief des Wiener Komites der „Alliance Jsraelite" hervorgebracht, in dem unter Hinweis auf die angebliche Erschöpfung der dem Komite zur Verfügung stehenden Mittel verlangt wird, der weiteren Auswanderungsbewegung Einhalt zu thun. Auswanderer, die ohne Vorwissen und Zustimmung des Komites in Wien einträfen, könnten auf keine Unterstützung von diesem rechnen. Namentlich seien von einer solchen Weiber und Kinder ausgeschlossen und würden von nun ab Reiseunterstützungen nur an arbeitsfähige, männliche Auswanderer ausgefolgt werden. — Offenbar hat die in Rede stehende Zuschrift des Wiener Komites nur den Zweck, die Auswanderungsbewegung selbst zu unterdrücken, da ja für den Fall, daß nur die arbeitskräftigen Männer der notleidenden israelitschen Bevölkerung Rumänien verlassen würden, die im Lande zurückgebliebenen Weiber, Kinder und Greise dem Hungertod preisgegeben wären. Man hat die Auswanderungsbewegung viel zu lange Zeit nicht in gebührender Weise gewürdigt, sodaß nunmehr verspätete, wenn auch noch so gut gemeinte Ratschläge auf entgegenkommendes Verständnis seitens der bereits dem Auswanderungsfieber verfallenen notleidenden israelitischen Bevölkerung kaum mehr rechnen können.