Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 27 (6.7.1900)
- Date
- 1900-07-06
- Page
- Seite 426 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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A Seite 426. Israelitische Wochenschrift. Nr. 27. sogar, falls er ein leidlich aussehender Mensch ist, in mich I verliebt machen; auch die Brillanten sollen prangen, nur die schwarze Standesamtsflagge aulzuziehen, nicht wahr, das erläßt du mir?" „Also zur Tagesordnung!" seufzte er. „Ist der Lachs frisch?" „Delikat." „Ist der Junge zu Bett?" „Er sitzt bei Pelagia in der Küche und wartet auf Perez. Du weißt, ehe er seinen Intimus nicht gesehen hat, giebt er keine Ruh'." „Er soll auf der Stelle schlafen gehen," zürnte der Amtsrichter. „Wenn du ihm das selbst sagen willst". Große Macht schien der Hausherr über seinen fünfjährigen Sprößling keineswegs zu besitzen; er kam nach wenigen Minuten allein in das Speisezimmer zurück und schalt wieder seine Frau, daß sie ihr einziges Kind schmählich verziehe und den Dienstboten überlasse. Frau Christine hörte den zornigen Gemahl mit Seelenruhe an. „Was willst du, Heinrich? Pelagia ist eine vorzügliche Person, der Kleine hängt an ihr, und Perez — über den Geschmack läßt sich streiten, dein Sohn schwärmt für ihn." „Ich werde Perez das Haus verbieten," fuhr der Amtsrichter auf. „Thue es lieber nicht! Du würdest dich der einzigen Autorität, die dein Sohn anerkennt, berauben. So können wir ihm wenigstens durch Perez ab und zu eine Unart verweisen lassen." „Eine reizende Pädagogik," brummte der Amtsrichter. Er sollte sogleich wieder guter Laune werden, Pelagia trat ein und meldete den Gast. Mit ausgebreiteten Armen eilte er auf den ein wenig verlegen eintretenden Fremden zu: „Philipp, .mein Philipp, sind sie es wirklich?" „Mich zu vergewissern, ob ich es bin, hätten sie, mein teurer Lehrer fragen müssen: „Philipp, bist du es?" antwortete der junge Mann, die freundliche Begrüßung herzlich erwidernd. „Was ein Jahrzehnt der Jugend doch Vorteilhaftes bringt!" sagte der Amtsrichter und hatte eine aufrichtige Freude mit seinem ehemaligen Zögling. „Christine, ich staune, was aus dem Taugenichts, der mir die Seele herausärgerte, für ein feines Herrlein geworden ist. Schau, mein Junge, das ist meine Frau!" „Alle Wetter, ist die hübsch!" dachte der junge Mann, berührte die feine Hand der Dame leicht mit seinen Lippen und sagte ihr eine Artigkeit. Es gab ein sehr vergnügtes Mahl, gewürzt mit fröhlichen Erinnerungen. Der Amtsrichter ließ sich den Studiengang Philipp's erzählen, Frau Christine befragte ihn sehr eingehend nach Eltern und Schwester und wollte alle tollen Streiche, mit denen der zwölfjährige Schlingel einst seinen Lehrer zur Verzweiflung gebracht hatte, hören. „Weil sie es befehlen, gnädige Frau, da trage ich noch ein Marterwerkzeug als teure Reliquie jener Zeit bei mir." Philipp zog einen kleinen, blechernen Gegenstand hervor und bewegte ihn gegeneinander — es klang mißtönig, ja abscheulich. „Das Cri-Cri!" schrie der Amtsrichter. „Lebt das Untier noch?" „Ein Cri-Cri!" rief Frau Christine entsetzt, „um Himmelswillen — geben sie das Ding her! Mein Junge wäre im Stande, es ihnen abzubetteln." Sie ließ das Klapperzeug in ihre Tasche gleiten; es war die höchste Zeit: im nächsten Augenblick stürzte ihr Söhnchen ins Zimmer. „Papa, Papa, komm heraus, Perez ist draußen! Sieh, was er mir mitgebracht hat!" Er zeigte den Kuchen und die Sonnenblumen, überdies eine prachtvolle, rotgoldene Weintraube. Philipp nahm den kleinen Mann auf die Kniee und verglich entzückt seine Züge mit denen der schönen Mutter. „Wie heißt du, mein Prinz?" „Heinrich Desiderius Müller, und du?" Er fragte dreist: „Was bist du für ein Onkel? Was hast du mir mitgebracht?" „Nichts, mein Kleiner," entschuldigte sich Philipp betrübt, „ich wußte gar nicht, daß du aus der Welt bist." „Ich gehe wieder zu meinem Perez," schmollte der Kleine; „Perez schenkt mir immer etwas." Er raffte seine Schätze zusammen und lief davon. „Wo hat Perez die schöne Traube her?" fragte der Amtsrichter. „Sie wird in Riegner's Garten nicht hoch gehangen haben," antwortete Frau Christine gleichmütig. Ihr Gatte wurde fast böse. „Sieh dir diese Frau genau an, Philipp, es ist eine preußische Richterfrau, aber sie hat so wenig Rechtsbewußtsein, wie eine Zigeunergroßmama. Sie duldet, daß ihr Kind gestohlene Früchte ißt, ja, sie begünstigt noch den Spitzbuben und giebt ihm Zehrung und Geschenke." „Hehlerei in idealer Konkurrenz mit Barmherzigkeit," lachte Philipp. „Wer ist dieser Perez?" Nun erzählte der Amtsrichter die Geschichte des Wasserträgers, die wir kennen, häufig unterbrochen durch die lebhaften Anmerkungen Frau Christinens. Die jnnG Frau rühmte Perezens rastlosen Fleiß und seine große Herzensgüte und beklagte laut, daß es niemals gelungen, jene Brandstifter zu entdecken und zu bestrafen. Philipp hörte aufmerksam zu. „Ihr Herr Gemahl hat sie verleumdet, gnädige Frau," sagte er ernsthaft, „wer für das Verbrechen, das an einem Unglücklichen begangen worden, echt menschlich nach Sühne verlangt, dem sollte man Rechtsgefühl absprechen dürfen?" „Ereifere dich nicht! ' sagte der Amtsrichter, „so spricht meine Frau nur, weil ihr hier der passive Teil sympathisch ist. Umgekehrt würde sie ebenso echt menschlich die ganze Geschichte für verjährt erklären. Uebrigens, du wirst sie noch verwünschen lernen, diese Sühne, mein Junge, wenn du die Akten jenes Brandprozeffes unter dir haben wirst, denn man sucht noch immer nach Beweisen." „Mittlerweile baut sich Franz Luschek ein Haus auf der Stätte seines Verbrechens," unterbrach Frau Christine ihren Gatten heftig. „Doch verzeihen sie, meine Herren, ich gehe,