Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-07-06 · 27 (6.7.1900) · p. Seite 427

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
27 (6.7.1900)
Date
1900-07-06
Page
Seite 427 (sequence 24)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9607256-9607449--7811-9607472
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr 27. Israelitische Wochenschrift. Seite 427. meinen Knaben zu Bett zu bringen." Sie stand hastig auf und verließ das Zimmer. Ihr Gatte blickte ihr lächelnd nach; Philipp dünkte die junge Frau in der Erregung mit den von Zorn geröteten Wangen noch viel schöner, als da sie scherzte; er konnte sich nicht enthalten, den Amtsrichter zu fragen: „Wo haben sie dieses herrliche Kleinod gefunden?" „Du würdest besser sagen: gestohlen, geraubt, entführt!" Philipp sah ihn bestürzt an; sein früherer Lehrer war ihm stets als ein Urbild aller Besonnenheit, Korrektheit, ja Nüchternheit erschienen. „Du wunderst dich mit Recht," sagte der Amtsrichter, verlegen lächelnd, „es ist eine romantische Geschichte, ich müßte mich eigentlich schämen, sie dir zu erzählen." Er stand auf und schloß vorsichtig die Thür fester, dann reichte er dem Referendar die Cigarren, brannte sich gleichfalls ein Kraut an und begann mit gemütlichem Flüsterton zu erzählen: „Es sind etwas über sieben Jahre, daß ich als Assessor nach Posen versetzt wurde, dort sah ich meine Frau auf der Straße. Die schönen Mädchen von Posen sind weltberühmt, sie war die Schönste, Anmutigste und Heiterste von allen. Ich sah sie zuerst im Winter, als sie trotz ihres Sammetkleides und des kostbaren Sealskinjaquetts einen kleinen Betteljungen, der auf dem schmutzig-schlüpfrigen Fahrdamm ausgeglitten war und sich den Fuß gebrochen hatte, aufhob und auf ihren Armen in einen Wagen trug. Ich folgte ihr nach dem Hospital, um zu erfahren, wer diese entzückende Samariterin wäre. Am selben Abend begegnete ich ihr in einer Gesellschaft bei unserem Präsidenten. Ihr Vater, ein polnischer Edelmann mit einem berühmten Namen, fuhr eine Stunde später mit ihr nach Haus; die Mehrzahl der Eingeladenen hatte ihn auf meine tollen Huldigungen seiner Tochter aufmerksam gemacht. Am nächsten Morgen kaufte ich für die Hälfte meines Monatseinkommens ein Bouquet, machte dem alten Herrn einen Besuch und brachte in wunderschön gewählten Worten — ich hatte mir das oratorische Meisterstück die ganze Nacht zusammengesonnen: der Refrain jeden Satzes lautete, daß ich ohne seine Tochter nicht mehr leben könne — meinen Antrag vor. Herr von P. hörte mich mit der größten Artigkeit an, und mit noch größerer Höflichkeit gab er mir einen Korb. Erstens war ich ein Protestant, zweitens ein Bürgerlicher — er selber lebte von einer mäßigen Rente — und drittens und letztens wollte er sich von seinem Stolz, seinem einzigen Kind, überhaupt nicht trennen. Er hatte Christine, wie ich hinterher erfuhr, schon viel glänzenderen Bewerbern abgeschlagen. So zog ich wieder ab. Ich wundere mich noch heute, daß man mich in jener Zeit nicht in ein Irrenhaus sperrte; denn ich machte wirklich die verrücktesten Streiche. Wo sich Christine blicken ließ, stürzte ich an ihre Seite. Vielleicht hätte ich mich vernünftiger betragen, wenn ich nicht binnen Kurzem gemerkt hätte: das herrliche Mädel liebte mich wieder. Aber sie liebte auch ihren Vater und war eine gehorsame Tochter; überdies bekam der Alte Wind und versteckte sie in einem Kloster. Ein volles Jahr stellte ich die verzweifeltsten Nachforschungen nach ihr an — vergebens. Dann wurde ich in Zladno als Richter ansässig. Eines Tages hörte ich, wie Perez, der als Faktotum in allen Häusern aus- und einging meinem Bedienten erzählte, er habe im Garten der Santa Agnes-Schwestern, der an den Park des Oberamtmann Riegner stößt, eine bildschöne polnische Edeldame gesehen. Die Beschreibung paßte vollständig auf mein entschwundenes Ideal. Perez ist ein kreuzdummer Kerl, aber eine geheime Botschaft versteht er auszurichten: noch vor Sonnenuntergang traf ich meine Schöne an verschwiegener Stelle im Park. Ich schwur, mich vor ihren Augen zu erschießen, wenn sie nichtmein Weib werden wolle; sie nahm meinen Ring und folgte nur, wie sie ging und stand, als meine Braut nach der Stadt. Es sei meiner alten Freundin, der Frau Doktor Thorner, unvergessen, wie bereitwillig sie der Freundin Gastrecht gewährte; aus ihrem Hause führte ich nach wenigen Wochen Christine heim. Wie meine Frau es zu Wege gebracht, die Einwilligung ihres Vaters zu erzwingen, erfuhr ich nie; unserer Hochzeit wohnte Herr von P. nicht bei, er grollte mir nach wie vor. Ja, schlimmer noch, er rief die Hilfe eines ihm verwandten, am kaiserlichen Hof einflußreichen polnischen Magnaten an, und seine Beschwerde, in Verbindung mit dem Skandal, den die absonderlichen Umstände meiner Heirat erregt hatten, kosteten mich beinah mein Amt. Endlich lehrte die Zeit die Menschen, sich mit uns abfinden; die Geburt unseres Kindes hat uns auch die Aussöhnung mit meinem Schwiegervater gebracht. Seitdem bin ich jede Stunde meines Lebens glücklich gewesen." Frau Christine war leise ins Zimmer hinter ihren Gatten geschlichen und legte blitzschnell ihre Hand auf seinen Mund: „Schweig, schweig! So etwas soll niemand laut auszusprechen wagen!" (Fortsetzung folgt.) Brief- und Fragekasten. Herrn Dr. F. in K. Schönsten Dank für die freundliche Aufmerksamkeit. — Herrn B. P. in I. Mit der Fortnahme der falschen Atteste ist eigentlich wenig gedient. Der Abgang von echten Zeugnissen ist ein Verlust, der von gefälschten ist leicht ersetzt. — Herrn Dr. R. in K. Stand bereits vor 14 Tagen in unserem Blatt. Besten Gruß. — Herrn Dr. F. in H. Viel Glück! 6ebrannte Kuftccs ln Preislagen von Mk. 1,30, 1,40, 1,50, 1,60, 1,70, 1,80, 1,90, 2,00 per Va Ko Allen Freunden eines guten Getränkes als vorzügliche Marke empfohlen. Verantwortlich für den redaktionellen Teil: M. A. Klausner, für den Inseratenteil: Max Schaffer in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.