Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 27 (6.7.1900)
- Date
- 1900-07-06
- Page
- Seite 425 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr 27. Israelitische Wochenschrift. Seite 425. seine Rechte gegen Franja — „dann, dann —■" erschrocken wich Franja zurück — „dann, dann wird sich etwas thun," und er ließ die Hand, über sich selbst erschrocken, schleunigst sinken. Das Mädchen schöpfte wieder Athem und pustete vor Aerger. „Unverschämter," kreischte sie, „was fällst du einen auf offener Straße an?! Gleich ruf' ich den Ratsdiener!" „Das möcht' dir paffen, du Rotkopf!" „Sag' das noch mal!" knirschte Franja. „Rotkopf! Rotkopf!" rief Perez, ihr trotzig den Weg versperrend. „Warum hast du rote Haare? Warum? Weil dein Vater, der Luschek Franje ein Brandstifter gewesen ist. Das ist die Strafe Gottes, alle Flammen züngeln auf deinem Kopf." * Wortlos vor Wut bückte sich Franja nach einem Stein und warf nach ihm. Aber Perez schrie unerschüttert: „Rotkopf! Rotkopf! Erlenholz und rote Haar' — schlechtes Zeug — Gott bewahr!" Er spuckte verächtlich aus und kehrte ihr den Rücken. Es war sehr häßlich, unritterlich von Perez, einem jungen Mädchen die Schuld ihres Vaters vorzuwerfen. Aber Perez war kein Kavalier, sondern ein Proletarier ohne Bildung und Erziehung, und der Leser glaube mir, es blieb das erste und einzige Mal, daß er jemand absichtlich schwer beleidigte. Es sollte ihn auch teuer zu stehen kommen. Einstweilen grämte er sich wenig um der kleinen Franja Zorn- und Racheschwur. Sorgfältig schöpfte er seine Eimer auf's Neue mit klarem Wasser voll, fühlte nach der stolzen Blume auf seiner Kappe und begab sich mit der fröhlichen Miene eines Mannes, der da weiß, daß ein paar liebe, blaue Augen auf ihn warten, hinauf in das Haus des Amtsrichter Müller. Glückliche Menschen. Beim Amtsrichter Müller waren alle Zimmer festlich erleuchtet; man erwartete einen Gast, und so geschah etwas Unerhörtes: Der Herr Amtsrichter kümmerte sich selbst um die Anordnung der Abendtafel. Er hatte seiner stattlichen Gestalt den feinsten Gesellschaftsanzug angethan, und wie er, eine Sekunde nur, unter dem Licht einer prächtigen Gaskrone vor dem hohen Trümeau verweilend, den langen, leicht ergrauten Schnurrbart aufstrich, mochte man wohl sagen, daß der Mann, trotz seiner zweiundvierzig Jahre, sich noch sehen lassen könne, auch daß seine geistvollen Augen unter der hohen Denkerstirn wohl vermöchten, einem jungen Weib zu gefallen. In der nächsten Minute stand er wieder vor dem schimmernd weiß gedeckten Tisch und runzelte die Stirn. „Christine," rief er laut, „wo bist du?" „Hier," antwortete seine Frau aus dem Nebenzimmer, „wo fehlt es schon wieder?" „Du hast die Zuckerzange vergessen." „Nicht doch, ich bringe sie eben." Mißmutig wies der Herr Amtsrichter das feine Gerätlein zurück. „Warum diese? Wir haben noch eine goldene." Aber die Gattin, nach Frauenart zu bequem, abermals den Spind mit den Gold- und Silberschätzen zu öffnen, erklärte resolut: „Für heut' genügt diese." „Ich möchte wohl wissen, was euch all' der eingeschachtelte Krimskrams nützt," grollte der Hausherr; „wenn je einmal ein Mensch kommt, vor dem ihr damit paradieren könnt, so — so . . ." „Laß es heut' gut sein, Männchen," bat Frau Christine, „dein Freund wird öfter seinen Thee bei uns trinken; das nächste Mal soll ihm unsere goldene Zange in die Augen stechen." Der Herr Amtsrichter hätte sich nun zufrieden geben können, aber nein, er kniff die Augen zusammen und warf seiner Hausehre einen mißbilligenden Blick zu: „Wie du ausstehst, Christine!" „Ich denke, recht hübsch." Die junge Frau hätte noch richtiger „bildschön" sagen können; sie war eine strahlende Schönheit, die in dem einfachen, sich glatt anschmiegenden, hellen Cashmirkleide jedem anderen Maskulinum wie eine Offenbarung allen weiblichen Liebreizes erschienen wäre. „Ach was, hübsch," brummte der Ungalante, „elegant solltest du aussehen. Warum hast du nicht das Schwarzseidene angezogen und die Brillanten angefteckt?" „Brillanten, Heinrich, wegen eines simplen Referendars, der bei dir arbeiten soll?!" „Dieser Referendar ist erstens nicht simpel, und zweitens ist er der Sohn meines Wohlthäters." „Ich weiß, ich weiß, du hast mir diese rührende Geschichte oft erzählt, wie du ein armer, vaterloser Junge warst, und wie freundlich sich der alte Hirschthal und seine ganze Familie gegen dich bezeigten." „Ich werde dir nie so viel Gutes von ihnen erzählen können, als sie an mir gethan haben," sagte er ernst und wandte sich ab. Die junge Frau haschte nach seiner Hand. „Ich verstehe auch, dankbar für dich zu sein, mein Alter. Ich will mich freuen mit deinem Gast, Philipp heißt er, er war dein Schüler, nicht wahr? Apropos dieser Philipp ist wohl das einzige Kind deines Gönners?" „Nein, es war noch eine Tochter da." „Ach so! Sieh' mal, Heinrich, diese Tochter hast du mir bis heut' unterschlagen." „Was fällt dir ein?! Du wirst es vergessen haben." „Sehr wahrscheinlich," lachte Frau Christine, sich an der offenkundigen Verlegenheit ihres Gatten weidend. „Ich wette, dieses Fräulein Hirschthal war meine Vorgängerin im Amt." „Wette nicht, du gewinnst!" „Ah! Und warum haben sie sie nicht geheiratet, mein Herr?" „Weil mich der alte Hirschthal-" „Hinausgeworfen?" „Nicht so ganz. Er steckte mir alle Taschen voll Gcld und sagte: „Geh fort! Studiere anderswo, und wenn du etwas geworden bist, komme wieder!" „Und als du wiederkamst?" „War die kleine Jeanette natürlich längst verheiratet." „Bravo!" lachte Frau Christine und klatschte vergnügt in die Hände; „dafür werde ich diesen Herrn Philipp wie einen kleinen Prinzen ausnehmen und bewirten; ich will ihn