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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-07-06 · 27 (6.7.1900) · p. Seite 424

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
27 (6.7.1900)
Date
1900-07-06
Page
Seite 424 (sequence 21)
Language
German
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Seite 424 Israelitische Wochenschrift. Nr. 27. „Was denkst du, Mutter! Ob man mich gern sieht dort! Der Amtsrichter ist zu mir wie mein bester Freund" (wie schon erwähnt, Perez war ein Narr) „und erst die Frau! Ein Engel aus dem Parad'.cs! Hast du schon gehört, Mutter, von ihrem schönen Hm?" „Warum soll sie nicht schöne Hüte tragen?" lächelte die Matrone. „Schöne Leute haben schöne Sachen." „Es ist ein Hut," beschrieb Perez, „noch einmal so groß wie deine beste Haube, von kirschrotem Sammt mit Federn von einem Vogel, wie es gar nicht giebt, und hinten Schleifen und eine Giraffe. Ich sage dir, Mutter, so einen Hut hat Zladno noch nicht gesehen." „Kann wohl sein. Hör' nur, mein Kind, wenn du da hinaufgehst zu dem Herrn Amtsrichter — newadde legt dir das Gesind etwas in den Weg?" „Behüte, Mutter, die Mad ist tow: Hat sie rmr nicht für den schlimmen Husten Thee von Meerzwiebeln und Zucker gekocht? Es ist mir besser geworden davon. Und wenn du erst möcht'ft sehen, wie das Jüngelchen springt, wenn ich komm'!" „Nu, so geh, ich will es dir nicht wehren! Schneide von jener Torte ein Stück, breiter, noch breiter, für das Kind!" — Perez' Antlitz verklärte sich — „Hast du keine von deinen Blumen mehr?" „Nur noch Sommerrosen. Nächstes Jahr werd' ich keine sehen," seufzte er traurig; „wenn der Goi bauen will. . . „Narrheiten. Er wird bauen, wie ich auf dem Seil tanzen werde." Die Aussicht, daß seine Mutter doch nicht Seil tanzen werde, stimmte den alten Knaben wieder ganz vergnügt. Er hüllte die Leckerei sorgfältig in Seidenpapier, lachte seiner Mutter dankbar zu, ging in seinen Garten, köpfte dort ohne Umstände eine der Fürstinnen, deren Haupt er wie eine Trophäe an seiner Mütze befestigte und eilte fort nach dem Marktplatz hin zum Brunnen. Zwanzig Mal und darüber wanderte er von Haus zu Haus und wieder zum Brunnen, seine großen Eimer jüüend und entleerend. In mancher Küche hielt man ihn gutmütig fest-. „He du, Perez, wie geht's?" „Wie unserm jungen Herrn Grafen." „Et potztausend nocheins!" „Nu ja, wir pumpen uns Beide durch die Welt." Er ließ die Lacher stehen und ging ein Häuschen weiter. „Bleib' hier, Perez, erzähl' uns etwas!" „Wißt ihr schon das Neuste in Zladno?" „Nein, nein!" „Ich auch nicht." Anderweitig begegnete man ihm auch unfreundlich, schalt ihn, daß er so spät käme, und bürdete ihm allerlei Extra- Arbeit und Botengänge auf. Nach anderthalb Stunden unaufhörlichen Hin- und Hergehens, Schleppens und Tragens setzte er sich ganz erschöpft auf der untersten Stufe der breiten Freitreppe, die zum Rathause hinaufführte, nieder, um auszuruhen. Er seufzte: er hatte es böse, der arme Kerl. Schultern und Rücken schmerzten ihn von dem straffen, wundreibenden Riemen, und dann stolperte er so oft mit seinen gebrechlichen Füßen und verschüttete die mühsam gefüllten Eimer — es gab viel böses Volk, das ihn absichtlich zu Schaden brachte. Aber wenn Perez kein Wasser mehr trägt, wer wird es holen wollen? Die dummen Dienstdirnen? Das gäbe dann Aerger und Zeitversäumnis ohne Maß Er weiß es mit geheimem Stolz: er hat keinen Nachfolger für seinen Beruf, und Wasser müssen die Zladnoer doch haben. Ja freilich, in den großen Städten, da haben es die Leute gut, sie strecken die Hand gegen die Wand aus, so kommt schönes, weiches Wasser aus blitzblanken Röhren . . . Ueber ihm seufzte auch Etwas, aber stärker, trauriger. Er blickte auf: wahrhaftig auf der obersten Stufe der Treppe saß eine weibliche Gestalt; nun kletterte er die paar Staffeln hinauf und erkannte Pelagia. Sie hatte das Gesicht in ihre Schürze verborgen und weinte bitterlich. Mitleidig rückte Perez heran. „Warum weinst du?" fragte er sanft. „Bist du krank?" Keine Antwort. „Hast du etwas zerbrochen? Hast du Geld verloren?" „Nichts, nichts!" „Oder hat dich dein Schatz geschimpft?" Ein stärkeres Schluchzen verriet, daß Perez dem Grund ihres Grames näher kam. „Weine nicht so heftig, Pelagia!" bat er. „Es ist mir sehr leid um dich. Geh' doch, sei kein Kind! Morgen ist er wieder gut zu dir." Aber das Mädchen ließ sich nicht trösten. Ratlos und bekümmert blickte Perez auf die Weinende. Plötzlich reiste ein Entschluß in seiner Brust. Er ballte die Faust und drohte: „Wenn du so weinst, werd' ich hingehen, dem Julek sagen, er ist ein ganz schlechter Mensch!" „Ein Schuft ist er, ein Haüunke!" — rief Pelagia zornsprühend, richtete sich auf und sprang davon. Langsam setzte Perez seine Wanderung fort. „Wenn sie sagt, er ist schlecht, wird er auch schlecht sein gegen sie. Wie darf einer schlecht sein gegen so eine brave, schöne Person!" So innerlich raisonnierend und meditierend bog er um die Ecke, da stieß jemand mit Gewalt an seinen Eimer, daß er ihn halb verschüttete. Aergerlich sah sich Perez nach dem Uebelthäter um, aber bei der spärlich brennenden, einzigen Laterne des Marktplatzes war es sehr schwer, Jemanden zu erkennen. Der Ring war beinahe menschenleer, nur etwa zwanzig Schritte voll ihm tänzelte harmlos ein junges Mädchen und sang: „Wenn ich wüßte, wo er wär', Der mir macht das Herz so schwer." Jetzt erkannte Perez die Stimme Franja's und wußte, woran er war. Mit großen Sätzen, so schnell es seine ungelenken Füße vermochten, eilte er ihr nach. „He du, Luschek Mädel. . ." Die Angerusene kehrte sich um. „Ich heiße Franziska Luschek," sagte sie und warf den Kopf in den Nacken. „Du heißt noch ganz anders, du dumme Schickse, du!" brummte Perez erbost. „Du hast mir meinen Eimer wieder umgestoßen, aber darum red' ich nicht mit dir —" gut war es für Franja, daß sie sein Gesicht schlecht sah, es sprühte Gift und Galle — „aber du hast dich unterstanden, hinter Pelagia herzuspotten! Kommt dir das zu, grünes Ding? Wenn du das noch einmal thust — dann —" er hob drohend

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