Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 27 (6.7.1900)
- Date
- 1900-07-06
- Page
- Seite 421 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27. Israelitische Wochenschrift. Seite 421. geräumt. Die entstehenden notwendigen Kosten sollen aus der Vereinskasse gedeckt werden. In die Kommission wurden gewählt: Nagel-Diepholz, Selig-Emden, Spanier-Stolzenau, Waller-Moringen und der Ver ünsvorsitzende. Die Revisoren berichten über die Kassensührung, und daraufhin wird dem Kassierer Entlastung erteilt. Am Donnerstag, den 7. Juni, vormittags 8 Uhr, wurde die angesetzte Lehrprobe des Kollegen Rothschild-Achim über das 5. Gebot wegen Mangels an Zeit von der Tagesordnung abgeseht. Auf Wunsch des Vorsitzenden referiert Rothschild kurz über den Gang der von ihm vollständig ausgearbeiteten Lehrprobe. Es folgt durch Kollegen Stern-Hildesheim Bericht über die Arbeiten der in der Versammlung im Jahr 1898 gewählten Kommission zur Umarbeitung der Zeugnisbücher, Schulprotokolle rc. (Die Musterformulare, die das Kommissionsmitglied Stern ausgearbeitet, zirkulieren in der Versammlung.) In der darüber eröffneten Debatte bezweifelt Levy-Norden, daß beispielsweise die R^ierung zu Aurich neue Formulare genehmigen würde, weil die alten sich bewährt hätten. Von Bachrach-Hameln, Nagel-Diepholz und Fabisch-Göttingen werden noch manche Wünsche geäußert. Schließlich wurdv zur nochmaligen Prüfung und event. Umarbeitung eine neue Kommission eingesetzt, die die von ihr hergestellten Formulare den Herren Landrabbinen unterbreiten soll. Zur Kommission gehören: Stern Hildesheim, Spanier-Stolzenau und Levy- Norden. Hierauf erhält das Wort Kollege Bachrach-Hameln zur Berichterstattung über: „Die Abänderungsvorschläge des ostpreußischen Vereins zu den Satzungen der Pensions-, Witwen- und Waisenkasse der Verbandes." Der Referent beantragt unter Anerkennung für den von Kollegen Peritz-Königsberg bekundeten eminenten Fleiß, seine hervorragende Sachkenntnis, große Liebe und volle Hingebung für den Gegenstand, die Ablehnung der Vorschläge des ostpreußischen Lehrervereins. Nach längerer Debatte beschließt die Versammlung nach dem Antrag des Referenten. Nunmehr spricht Kollege Katz-Dransfeld über das Verbandsthema: „Soll die systematische Religionslehre in der Volks- und Religionsschule als besonderer Unterrichtsgegenstand behandelt werden?" Referent knüpft in der Einleitung an eine Bemerkung des Herrn Dr. Gronemann während der vorjährigen Konferenz über die Vorbildung der jüdischen Lehrer an; wenn ein solches Thema zur Behandlung aufgestellt sei, so müsse die Vorbildung jüdischer Lehrer manches zu wünschen übrig lassen. Aehnlich verhalte es sich auch hier. Würde der gesonderte systematische Religionsunterricht befriedigende Erfolge zeitigen, so wäre eine Besprechung über die Notwendigkeit überflüssig. Da dieses Thema jedoch gestellt ist, so müssen die Ansichten verschieden sein. Bei der Besprechung werde es sich darum handeln müssen, ob neben dem Unterricht in den religiösen Disciplinen (Bibel, Gebet) noch ein gesonderter sogenannter systematischer Religionsunterricht konform dem christlichen Katechismusunterricht zu erteilen sei, oder ob das, was dieser gesonderte systematische Religionsunterricht biete und erzielen soll, nicht besser anknüpfend an die übrigen religiösen Disziplinen den Kindern gegeben werde. Bei der Behandlung einer derartigen Frage seien zwei Punkte zu beachten : was sagen die Anhänger, was die Gegner des gesonderten systematischen Religionsunterrichts? Beide Meinungen müßten gegenübergestellt, und dann müsse nachgewiesen werden, welche Ansicht nach den Gesetzen der Pädagogik die richtigere sei- Die Notwendigkeit eines gesonderten systematischen Religions- Unterrichts behaupten alle Verfasser von systematischen Religions^ büchern, da sie im anderen Fall derartige Bücher, wie wir sie bis heute haben, nicht geschrieben hätten. Ansichten von Gegnern könnten nicht vorgeführt werden, da in derartigen Abhandlungen die Frage in ablehnendem Sinn noch nicht beantwortet sei. Die religiöse Ausbildung in früherer Zeit sei viel tiefer und erfolgreicher gewesen, als heute. Nicht ein gesonderter systematischer Unterricht sei es gewesen, der die Kinder für die väterliche Religion begeistert, sondern die umfangreiche Unterweisung in der biblischen Literatur, Bibel und Talmud, sowie in der rabbinischen Literatur; hauptsächlich aber das intensive Bibelstudium, wie ja die Literatur und Geschichte eines jeden Volkes auf die Bildung des Herzens und Gemütes einen großen Einfluß ausübe. Wenn unsere Vorfahren ihren Kindern Werke in die Hand gegeben hätten, die wir für systematische Religionsbücher halten, so hätten nicht Schulkinder sich damit beschäftigt, sondern Jünglinge, die dem Studium oblagen und zur Abwehr auch sich rüsten sollten. Dieses jüdische Erziehungswesen änderte sich mit dem Anfang des vorigen Jahrhunderts. Die plötzliche Einführung in das Bildungsleben der deutschen Nation verwirrte die jüdische Jugend, und dem religiösen Abfall, welcher die Folge dieser Verwirrung war, suchte man durch den jüdischen Katechismus entgegenzutreten. Es wurden Bücher verfaßt, deren Wert praktisch noch gar nicht erprobt sein konnte, und der auch dementsprechend sehr gering war. Die Psychologie in erster Linie beweise, daß ein gesonderter systematischer Religionsunterricht nutzlos sei, denn sie lehre: „Begriffe, denen nicht ein reiches Vorstellungs- und Gefühlsleben zu Grund liegt, sind null und nichtig." Der gesonderte systematische Religionsunterricht beschäftige sich aber gerade mit abstrakten Dingen, wie ein Blick in diese Religionsbücher zur Genüge zeige. An der Hand der verschiedensten Religionsbücher, wie Herxheimer, Stern, Stein, Mandus rc. weist Referent die Berechtigung seiner Bemängelung nach. Da das Ziel, dem der wahre Religionsunterricht zustreben müsse, die Gottesebenbildlichkeit sei, so sei aller Unterricht Religionsunterricht, weil aller wahre Unterricht Geist und Gemüt bilde und für alles Gute den Keim ins Kinderherz legt. Wcnn nun auch jeder Unterrichtsgegenstand Religionsunterricht sein soll, so sind doch die religiösen Belehrungen vorzugsweise an die Bibel und das Gebetbuch anzuknüpfen. Die Blbel knüpft fast alle religiösen Belehrungen an Ereignisse und Personen und macht dadurch die Lehren und Wahrheiten lebendig in uns, während der gesonderte systematische Religionsunterricht etwas abstraktes ist, d.n das Kind nicht versteht, und wofür es sich auch nicht begeistern kann. Die sittlich religiösen Begriffe, Urteile und Grundsätze, wie wir sie in den systematischen Religionsbüchern finden, dürfen also nicht Ausgangspunkt des Unterrichts sein, wie diese Bücher sie betrachten, sondern sollen während der Behandlung der einzelnen biblischen Geschichten von dem Kind selbst gefunden und in Form eines Spruches oder Gebotes ausgedrückt und nach und nach zusammengestellt werden. Auch an das Gebetbuch solle der Religionsunterricht angegnüpft werden, da dieses dem Volk in mancher Hinsicht noch bekannter sei, als die Bibel und das Volk manche religiösen Wahrheiten nur aus dem Gebetbuch kenne, wie die Lehre von der Unsterblichkeit, Auferstehung, messianische Zeit rc. An verschiedenen Beispielen zeigt der Referent zum Schluß, wie der Religionsunterricht an den Bibel- und Gebetübersetzungsunterricht zu knüpfen sei. .Reicher Beifall folgte den Ausführungen des Referenten, dem der Vorsitzende den Dank der Versammlung aussprach. Kollege Fabisch hält das Korreferat. Er erklärt zunächst seine prinzipielle Uebereinstimmuug mit den Ausführungen des Referenten. In Ergänzung des Referats erörtert er noch die Punkte: 1. Wann und warum ist der gesonderte systematische Religionsunterricht in unsere Schulen eingeführt worden? 2. Aus welchem Grund wird der gesonderte systematische Religionsunterricht trotz seiner unleugbaren Mängel von so vielen Lehrern erteilt? Ad 1)