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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-07-06 · 27 (6.7.1900) · p. Seite 419

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
27 (6.7.1900)
Date
1900-07-06
Page
Seite 419 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 27. Israelitische Wochenschrift. Seite 419. üusgcplündert und verwüstet. Das ist traurig. Doch diese Tempelschändung können wir verzeihen, denn die sie verübten, wußten nicht, was sie thaten. Verein israelitischer Lehrer Mitteldeutschlands. Protokoll der Konferenz zu Erfurt am 5. und 6. Juni 1900. I. Sitzungstag. Der Vorsitzende, Steinhardt-Magdeburg, eröffnet die Sitzung und beruft zu Schriftführern die Kollegen Moch-Mühlhausen und Stern-Halberstadt; er begrüßt die zur Konferenz erschienenen Kollegen, insbesondere die Herren vom Vorstand der Gemeinde Erfurt, sowie den Delegierten des D. I. B. G. und schließt mit einem Hoch auf den Kaiser. Herr Vorsteher Ullmann hieß die Konferenz namens der Synagogen-Gemeinde Erfurt willkommen; Herr I. Lamm wünscht im Namen des Gemeindebundes den Beratungen besten Erfolg. Das Wort erhält sodann Kollege Jacobsohn-Leipzig zu seinem Vortrag: „Soll die systematische Religionslehre in der Volks- und Religionsschule als besonderer Unterrichtsgegenstand behandelt werden?" Redner schildert einleitend die Schäden der Zeit, sowie die mißlichen Verhältnisse, unter denen der Religionsunterricht empfindlich zu leiden habe. Der Jndifferentismus des jüdischen Hauses im Allgemeinen, der noch durch eine gewisse philosophische Geistesrichtung auf litterarischem Gebiete genährt wird und die zu einer pessimistischen Lebensauffassung führt, lassen ihre Wirkungen auf religiösem Gebiet in empfindlichster Weise verspüren. Die veränderten, im schroffsten Gegensatz zum Judentum stehenden Anschauungen haben fast eine Abneigung gegen die jüdische Religion, mindestens eine unverantworliche Vernachlässigung zur Folge, dergestalt, daß sich in neuerer Zeit an vielen Orten die Gemeindevertreter mit den staatlichen Organen in Verbindung setzen mußten, um die Kinder „vor der Eiseskälte ihrer Eltern zu schützen," damit sie nicht ohne die unentbehrliche sittliche und religiöse Grundlage heranwachsen. Bei aller Anerkennung der Motive zu diesem Vorgehen könne man sich dennoch eines gewissen Schamgefühls nicht verwehren, daß jüdische Eltern erst gezwungen werden müssen, ihrer heiligsten Pflicht zu genügen*). Zum eigentlichen Gegenstand des Referats übergehend, führt Redner aus, wie die wissenschaftliche Bezeichnung „systematisch" für die Behandlung der Religionslehre nach einem geordneten Lehrgang zu bedauerlichen Jrrtümern verleitet, sodaß man unwillkürlich glaube, man könne diesen Unterrichtsgegenstand nur auf wissenschaftlicher Grundlage fruchtbar gestalten, und daher sei er, weil dazu eine größere Reife des Denkens beim Schüler vorausgesetzt werden müsse, von dem Lehrplan der Volks- und Religionsschule auszuschließen und nur für höhere Kurse oder die oberen Stufen der höheren Lehranstalten, allenfalls für den Konfirmandenunterricht, als geeignet zu erachten. Referent ist vielmehr der Ansicht, es ließen sich auch ohne strenge wissenschaftliche Behandlung die Lehren unserer Religion aus dem klaren Bibelwort und selbst in Anlehnung an das Gebetbuch sehr wohl entwickeln und der Jugend einprägen. Dagegen sei die Forderung zu stellen, daß kein jüdisches Kind die Schulzeit abschließe, ohne eine zusammenfassende, sogenannte systematische Darstellung vom Lehrinhalt des Judentums zu besitzen; er verlange daher einen solchen Unterricht in leichtfaßlicher Form auch für die Oberstufen der in Rede stehenden Schulen, womit nur eine unabweisbare Pflicht gegen die Jugend erfüllt würde. Der Vorsitzende dankt dem Referenten für seine in jeder Beziehung vortreffliche Arbeit und eröffnet die Debatte über das *) Der Herr Referent würde zu Dank verpflichten, wenn er sagen wollte, w o Gemeindebehörden diese verdienstliche Thätigkeit geübt haben. Anm. der Redaktion. Referat. An dieser beteiligen sich hauptsächlich Horwitz-Kassel, Dr. Spanier-Magdeburg, Stern-Halberstadt, Dr. Salzberger-Erfurt, Meyer-Eisenach, Samuel-Bleicherode und Steinhardt-Magdeburg. Nachdem im weiteren Verlauf der Debatte die Ansichten allgemein sich geklärt haben, werden die von dem Referenten entworfenen Thesen einer Kommission (Jacobsohn, Dr. Spanier, Samuel) zur Vorberatung überwiesen und später einstimmig in folgender Fassung angenommen: I. Die systematische Religionslehre, d. h. eine geordnete Zusammenfassung aller, besonders durch den biblischen Unterricht gewonnenen religiösen und sittlichen Lehren, ist nur auf der Oberstufe der Volks- und Religionsschule als besonderer Unterrichtsgegenstand zu behandeln. II. Auf der Unter- und Mittelstufe genannter Schulen werden die religionssittlichen Lehren aus dem den Kindern darzubietenden, sich hierzu eignenden Unterrichtsstoff, insbesondere beim Unterricht in der biblischen Geschichte und im Hebräischen entwickelt. Nach kuzer Pause folgte die Lehrprobe (das Wochenfest) von Kollege Meyer-Eisenach; von einer Besprechung wird angesichts der vorgerückten Tageszeit abgesehen. Es erstattet sodann der Vorsitzende den Geschäftsbericht, desgleichen der Kassierer Meyer- Eisenach den Kassenbericht. Decharge wird erteilt. 1 II. Sitzungstag. Das Wort erhält Kollege Stern-Halberstadt zu seinem Vortrage „Der erste hebräische Unterricht und die Fibelfrage." Referent berührt in der Einleitung die Ziele des hebräischen Unterrichts. Man dürfe sich nicht damit begnügen, das Hebräische nur soweit es der Gottesdienst erfordere in den Lehrplan der jüdischen Volks¬ und Religionsschule aufzunehmen; es müsse vielmehr immer das Ziel bleiben, die Schüler zu befähigen, die biblischen Bücher, zum Mindesten die Thora, in der Ursprache zu verstehen. Eingehend beleuchtet Redner die verschiedenen Methoden, die beim hebräischen Unterricht gang und gäbe sind. Diese lassen sich nach den vorliegenden Fibeln in 3 Gruppen teilen: 1) die analytisch-synthetische, 2) die Schreiblese- und 3) die synthetische Methode, nach einigen Lautier- und auch Wortmethode genannt. Die Beurteilung erfolgte unter nachstehenden Gesichtspunkten: 1) das Lesen einer den Kindern vollständig fremden Sprache ist zu erlernen; 2) die Kinder sollen möglichst schnell zum Lesen in dem Gebetbuch gebracht werden, vorausgesetzt, daß sie bereits deutsch lautrichtig und lautrein lesen können. Die analytisch-synthetische Methode ist wegen der Schwierigkeit des Zerlegens der hebräischen Worte in Silben nicht angebracht; der Ausweg der Anhänger dieser Methode, deutsche Normalwörter zu Grund zu legen, ist zu verwerfen.'.Die Schreiblesemethode ist in ihrer Anwendung auf das Hebräische gar nicht zu billigen, ganz abgesehen davon, daß diese Methode von hervorragenden Pädagogen überhaupt verworfen werde. Die von den Vertretern dieser beiden Methoden gestellte Forderung des gleichzeitigen Uebersetzens ist für die in Betracht kommende Unterrichtsstufe verfrüht. Die synthetische Methode, nach der.die meisten Fibeln gearbeitet sind, fei die natürlichste und zweckentsprechendste. An vielen Beispielen aus der Praxis zeigt Redner, wie dieseMethode anregend und fruchtbar gestaltet werden kann und muß. Die ganz originelle Art der Durchführung dieser Methode seitens des Referenten, die das größte Interesse und den lebhaftesten Beifall der Versammlung anregte, wird später der Oeffentlichkeit übergeben werden. Zum Schluß unterzieht Redner 18 Fibeln einer kurzen Kritik. Er gelangt zu dem Resultat, daß die meisten von diesen, darunter auch solche, die infolge steter Reklame viele Auflagen erlebt haben, für die Schule unbrauchbar seien, und empfiehlt aufs Wärmste als die beste aller Fibeln die von Hauptlehrer Bruchsaler-Salzbury herausgegebene. (Verlag von S. Lehrberger & Co., Rödelheim. Preis 35 Pfg.)

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