Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 24 (15.6.1900)
- Date
- 1900-06-15
- Page
- Seite 378 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9607256-9607432--7793-9607446- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 378. Israelitische Wochenschrift. Nr. 24. zündet und der Gesang des Psalm 24 “iH2? ertönte. Dann wurden die Thorarollen in die heilige Lade gehoben, die in elektrischem Lichterstrahlte. Jetzt bestieg Herr Rabbiner Dr. Frank-Köln die Kanzel, um die Festpredigt zu halten. Es waren herrliche Worte, die er sprach, Worte tiefen seelischen Empfindens, die jedem Zuhörer zu Herzen gingen. Einleitend führte er den Zuhörern die Geschichte des Patriarchen Jakob vor Augen, der seinem Bruder Esau auswich und unterwegs sein müdes Haupt niederlegte. Er schilderte das Traumbild, wie eine Stimme aus der Höhe gerufen: „Jakob fürchte dich nicht, ich werde mit dir sein und dich auf allen deinen Wegen behüten." Als Jakob sich erhoben, habe er den Stein, auf dem er geruht, gesalbt und ausgerusen: „Hier ist das Gotteshaus." In diesem Bild spiegle sich die Geschichte des jüdischen Volkes wider. Es habe oft den Wanderstab ergreifen müssen, ohne Ruhe und Rast; aber Mut, Kraft und Ausdauer haben die Nachkommen Jakobs nie verlassen. Erst vor einem halben Jahrhundert habe sich hier eine kleine Schar jüdischer Gemeindemitglieder zusammengeschlossen und das bescheidene Gotteshaus bezogen, das sie soeben verlassen. Dank dem Fortschritt der Kultur wuchs die Gemeinde zu einer blühenden Schar, so daß das alte Gotteshaus zu klein wurde und an ein neues gedacht werden mußte. Unter Aufbietung aller in der Gemeinde vertretenen Kräfte sei es gelungen, dieses wunderbare Haus zu bauen, dem er heute die Weihe geben wollte. Mit dem Patriarchen rufe er aus: „Wie ehrfurchtgebietend ist diese Stätte! hier ist nichts anderes als Gottes Haus." Der Herr Rabbiner verbreitete sich dann über Würde und Bedeutung des Gotteshauses, in dem auch der Patriotismus Pflege fände, und wies darauf hin, daß die Israeliten sich noch nie gegen die Staatsregierung aufgelehnt hätten. In dem Gotteshaus, fuhr er fort, werde Jedem der Spruch eingeprägt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Daraus ergebe sich, was in der anderen Religion als christliche Liebe bezeichnet würde. Beide Begriffe, christliche Liebe und jüdisches Herz, deckten sich. Dann dankte der Prediger im Namen der Gemeinde den städtischen Behörden und den Vertretern der Staatsregierung für ihr Erscheinen; man könne hieraus schließen, daß es der Wille des Staates sei, daß die Israeliten geschätzt und geachtet würden. Er dankte dem Pastor der evangelischen Gemeinde, der durch seine Gegenwart beweise, daß er den Grundsatz unterschreibe: Mein Haus soll ein Bethaus sein für alle Völker. Endlich dankte der Redner dem Baumeister für das schöne Kunstwerk, sowie dem Vorstand der Synagogengemeinde und den Mitgliedern der Baukommission, die unter Aufbietung aller ihrer Kräfte gearbeitet hätten, um das schöne Gotteshaus zu vollenden. Möge das Haus ein Feld sein, in dessen Furchen Saatkörner gelegt werden für die Ewigkeit, ein Haus, in dem Humanität, Menschen- und Bruderliebe gepflegt werden. Das walte Gott! — Das Gebet für den Landesherrn, Chorgesang und das Abendgebet schlossen die Feier, die bis gegen 8V2 Uhr gewährt hatte. — Samstag früh 9 Uhr begann der Gottesdienst in gewohnter Weise. Nach der Thoraverlesung bestieg Herr Frank wiederum die Kanzel. Er schilderte, wie die Juden nach großen Leiden und Entbehrungen heute desto gekräftigter daständen, während rings die großen Reiche zerstoben sind. Dank ihrer Kultur und Zivilisation sind die Juden im Fortschreiten begriffen. Der Herr Rabbiner sprach den Wunsch aus, daß das Gotteshaus gleich einem Familienhaus werden möge, darin jeder gern weile und sich heimisch fühle. — Nachmittags 2 Uhr fand in dem größten Saal Dortmunds ein Festessen statt, an dem etwa 800 Personen teilnahmen. Außer dem Herrn Ober- und Regierungspräsidenten nahm von den städtischen Behörden u. A. Herr Oberbürgermeister Schmieding teil, der eigens aus Berlin herübergekommen war. Das Hoch auf den Kaiser brachte Herr Oberbürgermeister Schmieding aus, woraus unter großem Jubel die Kaiserhymne gesungen wurde. Herr Rabbiner Dr. Frank ließ die städtischen Behörden hoch leben und der Vorstand der Gemeinde toastete auf die Ehrengäste. An das Festmahl schloß sich nach Auf- »führung zweier kulturhistorischer Festspiele ein Ball, der bis zum Morgen währte. Der Sonntag gehörte den Kindern der jüdischen Gemeinde. An der Hubertsburg wurden ihnen allerlei Genüsse geboten: man führte das Märchenfestspiel Dornröschen auf, und es wurden Spiele arrangiert. Myslowitz, 12. Juni. (Oberschlesischer Rabbiner verband.) Am Mittwoch den 6. Juni fand hier in Mühle's Hotel eine Sitzung des oberschlesischen Rabbinerverbands statt. Nach verschiedenen den Verband betreffenden Mitteilungen wurde als Ort der nächsten Versammlung Tarnowitz bestimmt. Hieraus wurde die Vertretung durch die Kollegen während der großen Sommerferien geregelt. Beratungen über die Revision des Religionsunterrichts und Beaufsichtigung der religiösen Institutionen in den rabbinerlosen Gemeinden nahmen einen großen Teil der Sitzung in Anspruch und führten bezüglich des ersten Punktes zu dem Beschluß des Verbandes, beim oberschlesischen Gemeindebund die Erledigung dieser Angelegenheit anzuregen und sich bereit zu erklären, gemeinsam mit diesem die Sache an zuständiger Stelle zu fördern, sowie das notwendige gesetzliche Material zu sammeln. Die Beaufsichtigung der religiösen Institutionen, besonders der nipD und fltOTW in rabbinerlosen Gemeinden, hatte bereits im Jahr 1893 und auch später wiederholt den Verband beschäftigt, doch sind nach dem Bericht des Vorsitzenden Dr. Cohn und der Uebereinstimmung der Anwesenden die bereits früher vorhanden gewesenen und anerkannten Schwierigkeiten noch immer in Kraft. Gleichwohl sei zu hoffen, daß nunmehr nach Regelung der Revision des Religionsunterrichts und durch häufigere Predigten der beteiligten Kollegen in den rabbinerlosen Gemeinden auch für diese zur Beaufsichtigung und Abstellung etwaiger Mißstände Gelegenheit sich finden werde. Die Versammlung nahm eine dementsprechende Resolution an. Des weiteren beschäftigte die Versammlung die Frage der Beköstigung der jüdischen Sträflinge in den Zuchthäusern zu Ratibor und Groß-Strehlitz am Pessachfest. Der Vorsitzende teilte mit, daß er vor dem diesjährigen Pessachfest Veranlassung genommen habe, sich von einer Anzahl oberschlesischer Gemeinden Beiträge zur Bestreitung der Kosten der rituellen Verpflegung der jüdischen Sträflinge zu Groß-Strehlitz zu erbitten; es sei auch die hierzu nötige Summe eingegangen. Es sei jedoch zu erwägen, daß voraussichtlich die gleiche Notwendigkeit wie in diesem Jahr alljährlich vorhanden sein werde. Da ferner nach Aufhebung des Zuchthauses zu Rawitsch als Sammelplatz für jüdische