Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 24 (15.6.1900)
- Date
- 1900-06-15
- Page
- Seite 379 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr 24. Israelitische Wochenschrift. Seite 379. Sträflinge diese in Ratibor und Groß-Strehlitz interniert würden, und es unbillig sei, diese beiden Städte die Aufwendungen für die Beköstigung am Pessach allein tragen zu lassen, beschloß die Versammlung nach eingehender Erörterung der Frage, sich an den oberschlesischen Gemeindebund mit dem Ersuchen zu wenden, diese Angelegenheit in einer ihm geeignet erscheinenden Weise generell zu regeln. Einen ferneren Punkt der Tagesordnung bildete die Regelung des Verhältnisses der Zweigverbände zum allgemeinen deutschen Rabbinerverband, die die Versammlung als notwendig erachtete, und wurde beschlossen, diese Regelung beim Vorstand des deutschen Rabbinerverbandes zu beantragen. Auf der Tagesordnung stand außerdem nochdie Behandlung einer halachischen und talmudtschen Frage sowie zweier Referate, die aber zum Bedauern der Versammlung in Anbetracht der vorgeschrittenen Zeit und der notwendigen Abreise einiger Kollegen nach der Heimat nicht mehr zur Verhandlung gebracht werden konnten, und deshalb die ersten Punkte der Tagesordnung der nächsten Versammlung bilden sollen. Winzig, 12. Juni. (Jubiläum.) Am 2. d. M. waren es 25 Jahre, daß der Kantor und Religionslehrer Herr Aron Hamel in unserer kleinen jüdischen Gemeinde ins Amt trat. Herr Hamel, vorher länger als 10 Jahre in seinem Geburtsort Wöllstein ebenfalls als Religionslehrer thätig, erfreut sich in allen Schichten der Bevölkerung großer Achtung und Liebe. Dies war besonders am Jubelfest ersichtlich, als der greise Beamte, der bereits das 75. Lebensjahr überschritten, von Bürgern aller Konfessionen durch Ehrungen und Gratulationen erfreut wurde. Ueber alle Erwartung hat aber diese kleine Gemeinde ihre Dankbarkeit und Liebe ihrem Beamten dargethan. Am Vormittag des Festtages versammelten sich alle Familien der Gemeinde in der Wohnung des Jubilars. Hier hielt Herr B. Schlesinger eine feierliche Ansprache und überreichte eine seitens der Gemeinde gestiftete künstlerisch ausgestattete Adresse nebst einer namhaften Summe als Geschenk. Sodann beglückwünschten die Schüler ihren alten Lehrer, worauf der Jubilar, gerührt von so vieler Liebe und Teilnahme, unter innigster Bewegung seinen Dank abstattete. Ein kleines Mahl beschloß die Feier. Budapest, 8. Juni. (Eintracht.) Ein seltenes Beispiel von Einmütigkeit unter den verschiedenen Konfessionen bietet unser Nachbarort Erszebetfalva. Das Städtchen hat 20 009 Einwohner, von denen 14 000 Katholiken, die übrigen Lutheraner, Reformierte und Juden sind und besitzt kein einziges Gotteshaus. Die Vertreter der verschiedenen Bekenntnisse haben sich nun zusammengethan und bei den Pester Behörden die Genehmigung für eine Lotterie nachgesucht; es sollen 1 250 000 Loose zu einer Krone das Stück verkauft und von dem auf 350 000 Kronen geschätzten Netto-Erlös vier Gotteshäuser gebaut werden, eine römisch-katholische und eine lutherische Kirche, eine kalvinistische Kapelle und eine Synagoge. Außer den Vertretern der vier Konfessionen haben eine Anzahl von Magnaten und Deputierten, der Oberbürgermeister und der Oberrabbiner von Budapest, die Bischöfe Bertalan Kun und Franz Gyuratz das Gesuch unterzeichnet. Die Genehmigung ist noch nicht erfolgt, wird aber wahrscheinlich erteilt werden; jedenfalls ist der größte Teil der Loose bereits abgesetzt. London, 10. Juni. (Zionistenkongreß.) Das vorläufige Programm für den vom 13. bis 16. August hier tagenden vierten Ztonistenkongreß ist jetzt veröffentlicht worden. Am ersten Sitzungstag wird nach Erledigung von geschäftlichen Formalitäten Dr. Max Nordau den Vortrag über die allgemeine Lage der Juden zum vierten Mal halten, dem eine Diskussion folgen soll. Der zweite Tag bringt die Berichte des Aktionskomitees nebst Diskussion. Ueber den Finanzstand wird Dr. O. Kokesch-Wien, über Organisation und Agitation Dr. Bodenheimer-Köln Vortrag halten. Am dritten Tag loll über die Verbesserung der physischen, geistigen und ökonomischen Lage der Juden gesprochen werden. Es werden Vorträge halten über die physische Verbesserung: Dr. Mandelstamm-Kiew, über die geistige: Dr. L. Kahn-Wien und S. Sokolow-Warschau; über die ökonomische: Dr. Isidor Marmorek-Wien und Leo Motzkin-Berlin. Der Nachmittag des dritten Tages ist der Diskussion über die Kolonialbank gewidmet, die durch einen Vortrag von Professor Dr. Belkowsky-Petersburg eingeleitet wird. Der letzte Tag soll mit der Entgegennahme von Berichten und mit Wahlen ausgefüllt werden. London, 10. Juni. (Monatssitzung der Anglo- Jewish Association.) In der letzten Monatssitzung der Anglo-Jewish Association wurde nach der Verlesung des Geschäftsberichts und nach Erledigung einiger verschiedene Schulen im Orient betreffenden Unterstützungsgesuche der Hilferuf verlesen, den die Alliance Jsraelite von den notleidenden Juden in Rußland, Rumänien und Beffarabien erhalten und den die Alliance der Anglo-Jewish Association übermittelt hat. Der Vorsitzende Claude G. Montefiore und Chiefrabbi Dr. Adler erzählten von der traurigen Lage der unglücklichen Glaubensbrüder im Osten, die überall da aus die Hilfe ihrer Religionsgenossen angewiesen seien, wo Andersgläubige von ihren Regierungen Unterstützungen erhalten, und befürworteten eine Resolution, die die Bildung eines Subkomites und die Namen der dafür zu wählenden Mitglieder vorschlägt. Einer der als Komitemitglied genannten Herren, B. Kisch, giebt zu bedenken, daß die Bildung eines eigenen Subkomites die Erwartung einer sofortigen Hilfsleistung erregen werde, daß aber augenblicklich in England eine sehr ungünstige Zeit für Geldsammlungen sei. Er halte es für angemessener, diese betrübende Sachlage offen einzugestehen, als Hoffnungen zu erregen, die nicht realisiert werden können. Kapitän Matthew Nathan führte aus, daß die Angelegenheit dem russisch-jüdischen Komite vorgelegt werden solle, das große Mittel zur Unterstützung bedürftiger russischer Juden zur Verfügung habe. Darauf wurde vom Chiefrabbi erwidert, daß das russischjüdische Komite nur die Aufgabe habe, nach England einwandernde russische Juden zu unterstützen, und daß dafür große Mittel erforderlich seien; die Verwalter dieses Geldes hätten nicht das Recht, es für andere als die vorgesehenen Zwecke auszugeben. Die Resolution, die die Bildung eines Subkomites vorschlägt, wurde schließlich angenommen. Petersburg, 10. Juni. (Jüdische Landarbeiter.) Mehrere Gutbesitzer haben sich bereit erklärt, eine größere Anzahl bessarabischer Juden als ländliche Arbeiter auf ihren Gütern anzustellen. Der bekannte Zivil-Ingenieur Geheimrat