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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-06-15 · 24 (15.6.1900) · p. Seite 372

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
24 (15.6.1900)
Date
1900-06-15
Page
Seite 372 (sequence 8)
Language
German
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Seite 372. Israelitische Wochenschrift. Nr. 24. Geistesthätigkeit vergleichen, die zur Zeit Esras ihren Anfang nahm, der die Vorlesungen aus dem Pentateuch eingeführt hatte. Dieses Verdienst ist ihm auch schon in alten Zeiten zuerkannt worden, daß er gewissermaßen die Thora zum zweiten Mal geoffenbart, das versiegelte Buch entsiegelt, und die Lehren Mosens von den Tafeln von Stein auf die Tafeln des Herzens eingegraben hat. Die Hydra der Unwissenheit, gegen die die Propheten vergebens gekämpft, hat Esra erlegt. Die Männer der großen Versammlung haben diese damalige Neuerung weitergeführt, die Vorlesungen aus dem Pentateuch stetig gemacht, sie auf Versammlungstage, Sabbat, Festeszeit, Gerichts- und Markttage verlegt, Vorlesungen aus den Propheten hinzugefügt, d. h. zur strengen Geistesspeise des Gesetzes den Duft der Poesie hinzugefügt. Erst dadurch sind die Buchstaben aus der Gebundenheit erlöst und lebendig geworden. Von dem Studium der Lehre sagte man, daß es jede fromme Handlung überrage, daß es mehr sei, als die Darbringung des täglichen Opfers, ja sogar höher als die Wiederherstellung des Tempels. Die regelmäßigen Vorlesungen aus dem Pentateuch und den Propheten sowie die Beschäftigung mit der Lehre überhaupt, haben erst die Opfersreudigkeit und Märtyrersähigkeit im Judentum erzeugt, indem sie den Inhalt der Thora zum Eigentum des Volks, zur Seele seiner Seele machten. Israel ist dadurch „das Volk der Schrift" geworden. Insoweit stimmen wir nun mit dem Verfasser vollkommen überein. Und doch können und dürfen wir seinem bescheidenen Vorschlag unsere Zustimmung nicht geben; nicht aus theologischen Bedenken, denn die große Sonntags-Gottesdienst-Frage ist vom religionsgesetzlichen Standpunkt überhaupt nicht faßbar, indem hier religionsgesetzliche Erörterungen überhaupt nicht in Betracht kommen. Vielmehr kommt hier ein ganz anderes Prinzip in Betracht; nämlich das Prinzip des „äußeren Verdachtes," das in unserer theologischen Litteratur von ungeheurer Tragweite ist. Die Einrichtung einer Bibelerklärungsstunde in der Synagoge am Sonntag mit einem einleitenden und abschließenden deutschen Lied, wodurch noch außerdem die ganze Sache einen protestantischen Charakter erhält, muß unbedingt im Lauf der Zeit den Anschein erwecken, als sei damit die offizielle Nichtbeachtung des Sabbats und die Anerkennung der Sonntagsheiligung sanktioniert. Die üblen Folgen eines solchen Beginnens wären unberechenbar. Dies mögen alle die bedenken, die noch Liebe für unser Volk sich gewahrt haben. Wir sind von ihrem guten Glauben und der Aufrichtigkeit ihrer Gesinnung überzeugt. Sie wollen angeblich durch die geplante Neuerung das Judentum fördern; sie fördern aber lediglich die Zerstörung, und insofern sind wir auch gegen diesen Vorschlag, so harmlos und bescheiden er aussehen mag, von tiefer Scheu ergriffen, und diese Scheu beruht nicht so sehr auf religionsgesetzlichen Bedenken, als vielmehr auf Gefühl. Man mag diese Scheu das „Spuken von puritanischen Anschauungen", nennen, wie Geiger auch die Scheu gegen die Orgel nennt; allein wenn man bedenkt, daß die ganze Religion sich auf der Basis des Gefühls aufbaut und nicht auf der Logik des kalten Verstandes, so wird man derartigen Gefühlen wohl Rechnung tragen müssen. Echod m jodea? In einem Wiener Journal wurde vor kurzem der neueste Roman Peter Roseggers „der Gottsucher" veröffentlicht. In dem Roman wird eine starke tiefgehende religiöse Bewegung des Landvolks und die Gründung einer neuen Sekte in Travies und Umgegend geschildert. Auf den Inhalt des Romans soll hier nicht näher eingegangen werden, nur auf eine einzelne Episode macht Herr Samuel Löwenthal in der „Oesterreichischen Wochenschrift" aufmerksam: Der junge Gottsucher Erlefried raffte sich auf und mit einigen Schritten stand er vor dem Felsblock. Er stutzte. Auf dem Steine eine Menschengestalt. Ein Mann war's, mit einer langen spitzen Nase und einem spitzigen Kinn. Den Mund hatte er zusammengekniffen und schmunzelte so in sich hinein. Der Jüngling stand hinter einem Baum und wollte warten, bis sich der flachsgelbe Mensch entfernen würde. Aber dieser blieb sitzen und trillerte ein Liedchen ums andere und ließ die Beine hin- und herbaumeln. Die verhängnisvolle Nacht zog immer höher herauf, und alles dunkelte. Da war keine Zeit zu verlieren und, wie oft genug erzählt worden, der Böse findet sich genau zur Stunde ein. Wenn er aber schon dort säße und wartete? In Hirten verkleidet er sich gern. Der auf dem Felsblock saß, trillerte: „Lieber Freund, ich frage dich. — Lieber Freund, was fragst du mich? Sag mir, was ist Eins? — Eins und Eins ist Gott allein, Der da webt und der da schwebt Im Himmel und auf Erden." Erlefried atmete auf. Der Teufel ist es also nicht. Er trat hin und fragte den Hirten: Was machst du da? „Ich singe mein Abendgebet", antwortete jener gleichmütig und trillerte weiter. „Lieber Freund ich frage dich. — Lieber Freund, was fragst du mich? Sag' mir, was ist zwei? — Zwei Tafeln Mosis, Eins und Eins ist Gott allein. Der da lebt und der da schwebt Im Himmel und auf Erden." „Bist du keiner von der neuen Sekte, daß du noch das alte Lied hast?" fragte Erlefried. „Doch wohl, doch wohl," antwortete der Hirt, „ich nehm's alles durcheinander, wie's mir just einfällt, und denk', daß ein doppelter Glauben wohl besser wird sein, als ein einfacher. Bei dem Lied aber sollten Zwei sein. Kannst du mir helfen? Erlefried kannte das Lied von seiner Mutter her, es heimelte ihn an. Die Mutter hatte gesagt, dieser Gesang wäre so hochheilig, daß, wenn er auf Erden gesungen würde, die Sterne am Himmel still ständen und wie Altarkerzen leuchteten. So konnte zu solch gefährlicher Stunde dem Burschen kaum etwas willkommener sein, als dieses Lied. „Sing vor," sagt er „ich thu' mit." Der Hirt fuhr fort: „Lieber Freund, ich frage dich." Erlefried entgegnete: „Lieber Freund, was fragst du mich?" Der Hirt: „Sag mir, was ist Drei." Erlefried: „Drei Patriarchen." Beide zusammen: „Drei Patriarchen, zwei Tafeln Mosis, Eins und Eins ist Gott allein, der da lebt und der da schwebt im Himmel und auf Erden."

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