Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 24 (15.6.1900)
- Date
- 1900-06-15
- Page
- Seite 368 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9607256-9607432--7783-9607436- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Safed 1× ep/1046078
OCR text
Seite 368. Israelitische Wochenschrift. Nr. 24. flussung, die durch Verbreitung zahlreicher unwahrer Behauptungen über die Ergebnisse der Untersuchung gefördert wurde, hat sich in weiten Kreisen die Ueberzeugung festgesetzt, daß es sich bei diesem Verbrechen um einen jüdischen Ritualmord handle, obwohl die bisherigen, auch nach dieser Richtung mit allem Ernst angestellten Ermittlungen nichts ergeben haben, was eine solche Annahme — selbst bei Voraussetzung der Möglichkeit von Ritualmorden — rechtfertigen könnte. Jene Annahme stützt sich hauptsächlich auf die Thatsache der Blutleere der aufgefundenen Leichenteile. Diese Blutleere findet aber nach dem Ergebnis der Untersuchung eine durchaus einfache Erklärung. Der Ermordete hat, nach dem Urteil der Sachverständigen, einen Messerstich in den Hals erhalten. Dieser Stich hat die großen Schlagadern durchschnitten, wodurch das völlige Ausströmen des Blutes in kurzer Zeit bewirkt wurde. Es kommt hinzu, daß die aufgefundenen Rumpfteile längere Zeit im Wasser gelegen haben, wodurch der noch etwa vorhandene Rest von Blut herausgezogen sein mag. Die Zerstückelung des Leichnams und die Fortschaffung der einzelnen Körperteile ist — so muß nach den bisherigen Ermittlungen angenommen werden — erst später erfolgt, um die Spuren des Verbrechens leichter zu verwischen oder von dem Thäter abzulenken. Je schmerzlicher es sein muß, daß der Urheber der grausigen That noch nicht entdeckt und zur Rechenschaft gezogen ist, um so mehr sollten die beteiligten Bevölkerungskreise bemüht sein, objektiv und sachlich ohne vorgefaßte Meinung ihre Kenntnis von Thatsachen, die für die Untersuchung von Bedeutung sein könnten, den Behörden mitzuteilen und die letzteren auf diese Weise bei der Lösung ihrer schwierigen Aufgabe zu unterstützen. Speziell kann an die Bevölkerung von Könitz nur die dringende und warnende Bitte ergehen, zur Besonnenheit zurückzukehren und nicht unter dem Einfluß jener vorgefaßten Meinung sich aufs Reue zu Handlungen hinreißen zu lassen, die, wie die gestrigen Vorgänge, die öffentliche Ordnung gefährden und notwendig nicht nur für die Thäter selbst, sondern auch für die gesamte Einwohnerschaft von Könitz von den schwersten Folgen begleitet sein müßten." Gleichzeitig schrieb die ministerielle „Berliner Korrespondenz" „In Könitz ist es neuerdings zu groben Ausschreitungen gekommen, bei denen auch die dortige Synagoge schwer beschädigt wurde; bei den Tumulten ist auch ein Polizeikommiffar durch einen Steinwurf schwer verletzt worden. Der Minister des Innern hat sich deshalb veranlaßt gesehen, den Geh. Ober-Regierungsrat Maubach nochmals als seinen Kommissar nach Könitz zu entsenden. Von zuständiger Stelle ist außerdem Militär in Stärke eines Bataillons nach Könitz beordert, das am Sonntag abend in der Stadt eintraf, die Straßen mit gefälltem Bajonett gesäubert und die Ordnung binnen Kurzem wieder hergestellt hat. Das Militär wird so lange in der Stadt verbleiben, bis Ruhe und Ordnung dort wieder vollständig gesichert erscheinen. Bei dem Ernst der Lage ist aufs Neue nachdrücklich vor jeder Störung der Ordnung und jeder Zusammenrottung zu warnen, sowohl im eigenen Interesse der an den Ruhestörungen sich Beteiligenden als auch deshalb, weil jede leidenschaftliche Parteinahme und tendenziöse Voreingenommenheit der Bevölkerung den Gang der Untersuchung nur hemmen und die Ermittelung des Mörders erschweren kann." Inzwischen sind die Synagogen in Könitz und anderwärts verwüstet und geplündert worden, hat man Brandstiftung und Anderes verübt, ganz wie im finstersten Rußland in den Zeiten, da Jgnatieff, der Vater der Lüge, dort Minister des Innern war. Auch in Rußland wurde nach den Gewaltthaten Militär requiriert und der antisemitische Pöbel zu Paaren getrieben. Mitteleuropäische Staatskunst sollte im Verhüten von Aufruhr bestehen. Die als Antisemiten verkleideten Anarchisten haben bei uns freie Bahn gehabt, den Aufruhr vorzubereiten, anzustiften und zu schüren. * * * (Antisemitische Eidesverweigerung.) In Saalfeld in Ostpreußen hat ein Rittergutsbesitzer List-Ankern, Leutnant der Reserve, sich geweigert, vor dem Schöffengerichtsvorsitzenden Assessor Schulz den Zeugeneid zu leisten, weil dieser Assessor Jude ist. Er wurde zunächst in eine Strafe von 200 Mark genommen, das weitere Zeugniszwangsverfahren blieb Vorbehalten. Der Reserveleutnant bekennt durch seine Eidesverweigerung vor dem jüdischen Richter, daß der König und oberste Kriegsherr Unrecht gethan, als er einen jüdischen Richter einsetzte, und daß er, der Reserveleutnant, befugt sei, durch passiven Widerstand den König und obersten Kriegsherrn auf jenes vermeintliche Unrecht aufmerksam zu machen. So zerfrißt der Antisemitismus, seiner anarchistischen Natur getreu, alle Bande der Disziplin. Es ist abzuwarten, welche Folge von zuständiger Seite dieser Angelegenheit gegeben werden wird. * * * (Von den palästinensischen Kolonien.) Die Anwesenheit des Herrn Meyersohn, Vertreter der Jewish Kolonisation Association in Palästina, hat die Hoffnung der jüdischen Tagelöhner, einst zu eigenem Bei tz zu gelangen, aufs Neue belebt. Einstweilen ist freilich nur eine kleine Minderheit von ihnen mit Hilfe der Jewish Colonisation Association in feste Stellung gekommen; man hofft jedoch, daß den bereits Angesiedelten bald weitere Arbeiter folgen werden. Einstweilen wurden angesiedelt 11 Arbeiter in Jeffud-Hamaalo, denen die große Baumschule dauernd zur Bearbeitung überwiesen wurde, sowie 30 Arbeiter in Sejera, die zu Kolonisten gemacht wurden. In Sejera sollen ferner 30 erwachsene Knaben Unterkunft als Tagelöhner finden mit der Aussicht, später dort definitiv als Bauern installiert zu werden. Von den 58 Kolonisten in Methule sollen 28 das Dorf verlassen, um auf neu hinzugekauften Boden zu überstedeln. In Rosch-Pinah sollen die besitzlosen Söhne und Schwiegersöhne der alten Kolonisten gegen einen Tagelohn von 3 Frcs. (?) dauernd beschäftigt werden. — Die Administratoren sollen noch in diesem Jahr ihren Abschied nehmen. Ein Teil von ihnen wird sich als Bauern niederlaffen, ein anderer Teil erhält eine Abfindungssumme in baar, der Rest erhält Häuser und Land in und um Safed. — Die Seidenspinnerei in Rosch-Pinah, bei der 200 Knaben aus Safed dauernd beschäftigt sind, hat in diesem Jahr einen größeren Gewinn abgeworfen. Sie soll infolgedessen demnächst erheblich vergrößert werden. * * * (Die Not in Bessarabien.) Trotz der warmen Witterung ist die Not unserer Glaubensgenossen in Bessarabien noch immer unerträglich. Die Zahl der in 3 Regierungskreisen resp. Gemeinden lebenden Notleidenden beläuft sich auf 30 000, die wohl bis zur Einbringung der nächsten Ernte, d. h. bis Ende August werden unterstützt werden müssen. Dazu sind