Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 24 (15.6.1900)
- Date
- 1900-06-15
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Bezugspreis vierteljährlich: Deutschland u. Oesterreich-Ungarn 2,5VMK., alle anderen Länder 3.— Mk. Zeitschrift M die Gchmtintereffen des Judentums. Webst dem Weiblcrtt: Iudiscbes Litterrcrtuvblcrtt. verantw. Redakt.: LU. A. Klausner, Serlin W., Taneuzienstr. 19 a. Telephon: Amt IX, Ar. 5567. Verlag: Siegfried Lronbach, Berlin Steinmetzstr. 78. Telephon: Amt VI, Ar. 796. Post-Zeitungsliste Ar. 3866. Nr. 24. Berlin, f5. Äuni 1900. Zabraa Erscheint an jedem Freitag, das jüdische Litteraturblatt monatlich einmal. Zu beziehen durch die Post, den Buchhandel oder unsere Expedition. Für die Redaktion bestimmte Mitteilungen erbitte ich an die Adresse: Berlin W., Tauenzienstr. 19 a. M. A. Klausner. Inhalt. Artikel: Die Politik. (Die Anarchie. — Antisemitische Eidesverweigerung. — Von den palästinensischen Kolonien. — Die Not in Bessarabien.) — Die Mordthat in Könitz. — Aus der Jesuitenschule. — Eine Bibelstunde am Sonntag. Von Rabbiner Dr. B. Seligkowitz-Eöthen. —• Echod mi jodea? — Ueber Ermittelungen in Unterstützungs-Angelegenheiten. II. Von Frau Henriette May. (SchW.) — Ausfuhr landwirtschaftlicher Erzeugnisse aus Palästina. — Literarisches: Adolf Peritz. Statistische Uebersicht. — Wochenchronik: Wochenkalender. — Berlin: Repräsentantensttzung. — Dortmund: Einweihung der neuen Synagoge. — Myslowitz: Oberschlesischer Rabbinerverband. — Winzig: Jubiläum. — Budapest: Eintracht. — London: Zionistenkongreß. — Monatssitzung der Anglo-Jewish Association. Petersburg: Jüdische Landarbeiter. — Personalnachrichten und kleine Mitteilungen. — Vakanzen. — Brief-und Fragekasten. — Inserate. Die Politik. (Die Anarchie.) Daß der Antisemitismus, der als der „Sozialismus der dummen Kerle" verspottet wird, mehr noch gefährlich als lächerlich ist, daß er eine Abart des schlimmsten Anarchismus ist und diesen vorbereitet, hat sich neuerdings wieder gezeigt. In nicht wenigen Städten Westpreußens und Pommerns sind Ausruhr, Plünderung, Raub, Vermögensschädigung, Verwüstung von Gebäuden, Bedrohung von Leben und Gesundheit der jüdischen Einwohner an der Tagesordnung. Angriffe und Bedrohungen richten sich auch gegen die Behörden, die sich herausnehmen, öffentliche Gewaltthat nicht zu dulden, zu wissentlichem Justizmord sich nicht hergeben zu wollen. Und alles das ist das Werk der Antisemiten. Jedes Antisemitenblatt ist heute eine förmliche Schule des Verbrechens. Literarische Gaudiebe, deren Frechheit so IX. Anzeigen für die einspaltige Petitzeile oder deren Raum 30 Pf. Bei Wiederholungen Preisermäßigung. Alle Annoncen-Expeditionen sowie unsere Expedition nehmen Anzeigen entgegen. groß ist wie ihre Feigheit, verbreiten Tag für Tag Lügen über Lügen, und ereifern sich dann, daß die Behörden diese Lügen nicht zur Grundlage gerichtlicher Aktionen machen, und schmähen die Behörden, als wären diese von den Juden erkauft und zu Gunsten der Juden zu jeder Beugung des Rechts bereit. Wohl vorbereiteter und organisierter Ausruhr wird angestiftet, so daß Militär herbeigeholt, das Standrecht verkündet werden muß. Von der Gaffe aus diktiert der antisemitische Janhagel, wer verhaftet werden soll, und wer nicht verhaftet werden darf. Das Alles hat nicht vermocht, ein festes Zugreisen gegenüber der antisemitischen Verbrechergesellscbaft zu bewirken, die thatsächliche Anarchie in einem Teil Deutschlands etabliert hat, sondern es ist eine sanfte Vermahnung erfolgt, die zum Teil wie eine Entschuldigung klingt. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" richtete an die Konitzer Bevölkerung folgende halboffizielle Warnung: „Der wegen seiner Begleitumstände so grausige Mord oder Totschlag an dem Gymnasiasten Winter in Könitz hat in der Bevölkerung mit Recht eine tiefgehende Erregung und das dringende Verlangen hervorgerufen, daß der That auch die Sühne bald folgen möge. Die beteiligten Behörden sind ihrer Pflicht gemäß von Anbeginn mit dem größten Eifer und Nachdruck unter fortgesetzter Kontrole der Aufstchtsinstanzen bemüht gewesen, jede Spur zu verfolgen und den Schuldigen zu ermitteln, welchem Stande und welchem religiösen Bekenntnisse er angehören und welches auch das Motiv der That gewesen sein möge. Es muß daher mit Entschiedenheit der Vorwurf zurückgewiesen werden, daß die beteiligten Beamten voreingenommen und von dem Wunsche geleitet gewesen seien, gewisse Bevölkerungsklassen zu schonen. Vielmehr ist jedem Verdacht, gleichviel auf welchen Thäter und auf welches Motiv der That er hindeutete, mit allen gesetzlich zulässigen Mitteln nachgegangen worden. Statt aber die Behörden zu unterstützen, welche objektiv und nach bestem Wissen und Gewissen die Wahrheit zu ermitteln und den Schuldigen zur Strafe zu ziehen bestrebt waren, hat ein erheblicher Teil der Bevölkerung sich durch parteipolitische Agitation und durch eine skrupellose Thätigkeit gewisser Preßorgane in den Bann bestimmter Vorstellungen zwingen lassen. Infolge dieser Beein-