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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-06-08 · 23 (8.6.1900) · p. Seite 363

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
23 (8.6.1900)
Date
1900-06-08
Page
Seite 363 (sequence 24)
Language
German
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Nr 23. Israelitische Wochenschrift. Seite 363 Worten, die Juden mit Feuer und Schwert zu verfolgen. Capistranus stand auch mit Ambrosius Bitschen in enger Verbindung, und eines Tages brach plötzlich in dem Ritterthurm vorsätzlich angelegtes Feuer aus. Niemand löschte, und als die unglücklichen Gefangenen dem Flammentod entrinnen und sich retten wollten, wurden sie auf Befehl Bitschens ron den Ratsdienern mit Gewalt auf den Feuerherd zurückgetrieben, so daß sie eines grausamen Todes starben. Diese gräßliche Mordthat des Allgewaltigen rief unter den Bürgern der Stadt große Aufregung hervor, die geheimen Feinde mehrten sich, und allmählich zog sich über Bitschens Haupt das schwarze Gewölk zusammen, aus dem der vernichtende Blitzstrahl niederfahren sollte. Johann versuchte nunmehr durch Milde zu erlangen, was er mit den Waffen vergebens erstrebt hatte. Noch einmal forderte er vom böhmischen König sein Recht, als er aber wiederum aus ein Lehnsgericht verwiesen wurde und dieses nicht zu Stande kam, richtete er an die Zechen und Handwerker ein zweites Schreiben. In rührenden milden Worten klagte er den Zünften seine Not und seine Rechtsbeeinträchtigung und flehte sie an, der alten Treue oes Piastenstammes zu gedenken und seiner Fahne zu folgen. Bitschen bot alles auf, um die Veröffentlichung dieses Schreibens zu hintertreiben, er ließ alle Abschriften, die an die Häuser angeheftet wurden, vernichten; doch eines bemerkten seine Häscher nicht, so daß die Bürger dennoch davon Kunde erhielten. Dieses ^Schreiben wirkte auf die Gemüter mächtiger, als die früheren Drohungen, und entschied mehr, als es ein siegreiches Heer des Herzogs vermocht hätte. Der Unwille des über den schändlichen Mord der dem Flammentod preisgegebenen Juden schon erregten Volks wuchs, die Gährung nahm von Tag zu Tag zu, und die Bürger, von Mitleid für die Herzogin und den jungen Prinzen ergriffen, wagten offen für die Piastenfamilie Partei zu ergreifen. Ueberdies war der junge böhmische König zum Schutz seiner Erblande in Ungarn gegen die Türken, die 1453 Constantinopel erobert hatten, zu Feld gezogen, er weilte also fern von Schlesien. Am meisten aber beeinflußte der Landadel Schlesiens, der in der Schlacht bei Waldau auf Seiten Johanns mitgesochten und schmählich die Flucht ergriffen hatte, die Licgnitzer Bürger durch Geld und Ueberredungskünste. Otto von Zedlitz und Vincenz von Tschech schürten gegen Bitschen das Feuer der Empörung, das bald in hellen Flammen emporloderte, um den gemeinsamen Feind, dessen Glücksstrahl zu erlöschen drohte, zu verzehren. Herzog Johann erlebte es zwar noch, wie ein allgemeiner Widerstand gegen Bitschen sich erhob, den Tag der Rache sollte er aber nicht mehr schauen. Eine schwere Krankheit raffte den jungen Fürsten in der Vollkraft seiner Jahre gegen Ende 1453 dahin. Das Jahr 1454 nahte heran. Zum ersten Mal wurde Bitschen bet den Aemtern übergangen. Nicht einmal einen Schöppensitz vermochte er im Rat zu erlangen, so mächtig .hatte sich bereits der Groll gegen ihn Bahn gebrochen. Er war in diesem Jahre wie ehedem, nur einfacher Stadtschreiber. 'Die Frühlingsmonate boten den Zünften Gelegenheit, geheime Versammlungen im Freien abzuhalten und sich zu beraten. Die Verschwörung wurde durch eine sichere Hand geleitet. Das tiefste Geheimnis herrschte, da man den Stadtschreiber trotz seiner einflußlosen Stellung noch immer fürchtete. Da plötzlich, am 24. Juni 1454, am frühen Morgen brach der Aufruhr los. Sturmglocken läuteten, Trommelwirbel erscholl, Zünfte und Bürger der Stadt erschienen bewaffnet in der Stadt. Eine Schar wandte sich nach dem Rathaus und nahm die Ratsherren gefangen. Eine zweite bemächtigte sich Bitschens, des „Haupträdelsführers", wie man ihn nannte, und zwar fand man ihn in dem unterirdischen Gang, der von seinem Haus, an der Ecke des Ringes nach dem Rathaus führte. Auch der königliche böhmische Hauptmann Protzky, der das Schloß besetzt gehalten hatte, mußte der Uebermackt weichen. Die Herzoglichen ergriffen Besitz von der Stadt, Ambrosius Bitschen war von seiner stolzen Höhe gestürzt. Herzogin Hedwig wurde mit ihrem Sohn Friedrich im Triumph nach Liegnitz zurückgeführt. Das Volk, das seine Fesseln gesprengt hatte, jubelte der Herzogin entgegen. Mit ihr und ihren Nachkommen sollte beglückt der Piastenstamm zu neuem Glanze erblühen. Nach diesen Feierlichkeiten wurde ein Gericht eingesetzt, um die Schuldigen zu bestrafen. Die herzoglichen Räte Otto von Zedlitz und Otto Tschech führten den Vorsitz. Die ganze Wucht der Schuld wälzte man auf Bitschen, der als Hochverräter und Unruhstifter angeklagt wurde. Umsonst versuchte er seine Unschuld zu beteuern, sein Untergang war um jeden Preis beschlossen. Der ungemessene Stolz, die hochfliegende Herrschsucht, die Gier nach Reichtümern und die rücksichtslose Grausamkeit beförderten seinen Untergang. Nach vier Wochen war der Urteilsspruch zur Reife gediehen, Ambrosius Bitschen sollte seinen Hochverrat mit dem Tod büßen. Am 24. Juli 1454 wurde der früher so allgewaltige Stadtschreiber, vor dessen Wort alle Herzen erzitterten, zum Tod geführt. Auf dem Markt, vor dem Rathaus, war das Schaffot aufgeschlagen. In der achten Morgenstunde erschien unter Glockengeläute der Zug, in dessen Mitte Bitschen gefesselt einherwankte. Als man auf der Richtstätte angelangt war, verlas der Ritter von Zedlitz noch einmal das Todesurteil. Da trat Bitschen vor, warf sich vor dem Ritter nieder und erhob flehend die Hände: „Gnade! Gedenket meiner Verdienste um die Stadt, gedenket, wie ich mich hingeopfert zum Wohl meiner Mitbürger! Gnade! Mitleid!" „Mitleid?" erwiderte der Ritter mit kaltem Hohn, „Mitleid mit Euch üben, der Ihr nie dieses Wort gekannt? Hattet Ihr Mitleid mit unserer seligen, geliebten Herzogin, deren frühen Tod Eure Ränke verschuldet? Hattet Ihr Mitleid mit unserer jetzigen Fürstin, mit unserem angestammten Herrscherhaus? Fühltet Ihr Mitleid mit den im Thurme gefangenen Juden, die Ihr dem Feuertod preisgabt? Empfandet Ihr Mitleid für die schuldlos ausgetriebenen und verjagten jüdischen Mitbürger und für ihn, der uns allen ein leuchtendes Vorbild lauterer Tugend gewesen, für den Rabbi von Liegnitz? . . . ." Ambrosius Bitschen zuckte zusammen und scheu wankte er einige Schritte rückwärts. Aschfahle Blässe überzog sein verzerrtes Antlitz und leise hauchte er die Worte: „Den Rabbi * von Liegnitz? O, so erfüllt sich doch das furchtbare Wort,

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