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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-06-08 · 23 (8.6.1900) · p. Seite 362

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
23 (8.6.1900)
Date
1900-06-08
Page
Seite 362 (sequence 23)
Language
German
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Seite 362. Israelitische Wochenschrift. Nr. 23. zu sich auf das Schloß kommen. Die letzten Lebenslage der Herzogin nahten heran, und da Prinzessin Hedwig sah, daß der Geist der von Bitschen beherrschten Bürgerschaft ihr nicht günstig war, und ihrem Sohn leicht Unheil erwachsen könnte, schickte sie ihn nach Panthenau. In der Nacht zum 31. Oktober 1449 verschied die Herzogin. Sofort kam, von Bitschen abgesandt, eine Wachmannschaft des Rates zu Prinzeß Hedwig mit der Aufforderung, die Stadt unverzüglich zu verlassen. Auf einem Leiterwagen wurde sie durch Mühlpferde nach Panthenau gebracht, unter dem Vorgeben, daß dadurch jedem Aufruhr wegen des Erbfolgestreites vorgebeugt werden sollte. Hedwig eilte nach den Städten Goldberg und Hainau, deren Bürger sie freundlich und ehrenvoll aufnahmen; das herzogliche Schloß wurde von böhmischen Söldnern besetzt. Ambrosius Bitschen war Herr von Liegnitz, da die Stadt weder dem Herzog Johann den Eid der Treue geleistet, noch der Kaiser für seinen Mündel die Huldigung gefordert hatte, die Sache vielmehr vor ein hohes Gericht gebracht werden sollte, das über die Lehnrechte entscheiden würde. Im Jahr 1451 endlich hatte der Kaiser Friedrich UI. einen Reichstag und ein Lehngericht nach Breslau berufen. Es erschien vor diesem auch Johann von Lüben, der jedoch ein Fürstengericht verlangte, um von gleichgestellten Würdenträgern gerichtet zu werden. Der Kaiser hatte ihm zwar ein solches zugestanden, aber sein Wort nicht erfüllt, daher unterwarf sich der Herzog den Aussprüchen des eingesetzten Gerichtes nicht und protestierte gegen dessen Giltigkeit. Bitschen war mit einigen seiner Genossen gleichfalls nach Breslau gereist und hatte sich dort mit den Räten des Königs Ladislaus besprochen, die ihn anfeuerten, bei der Krone treu auszuharren und sich des Schutzes ihres Regenten versichert zu halten. Herzog Johann aber schrieb sofort an die Innungen oder Zechen zu Liegnitz, daß sie ihm gleich dem Liegnitzer Land und der Stadt Goldberg folgen sollten. Die Zünfte empfanden zwar großes Mitleid mit dem Herzog, vermochten aber ihrer anhänglichen Gesinnung gegen den Piastenstamm nicht Ausdruck zu leihen, denn sie standen alle unter dem furchtbaren Bann Bitschens, der entschlossen war, jeden Widerspruch mit dem Tod zu bestrafen. Daher antworteten sie, daß sie, ehe der Erbstreit geschlichtet sei, Keinem den Eid der Treue leisten dürften. Herzog Johann mußte sich mit der erteilten Antwort einstweilen zufrieden geben. Inzwischen setzte der ränkevolle Bitschen seine Jntriguen fort und drängte den böhmischen König, die Gunst des Augenblicks auszubeuten und die Bürger zum Gehorsam zu zwingen. Im Jahr 1452 erschienen daher plötzlich kaiserliche Gesandte in Liegnitz, um im Namen des Kaisers für dessen Mündel Ladislaus die Huldigung zu fordern. Zugleich überbrachten sie einen Bürge-Revers des Herzogs Friedrich des Sanftmütigen von Sachsen, eines zweiten Vormundes des böhmischen Königs, worin den Rechten des Herzogs Johann Berücksichtigung zugesagt wurde, falls der Erbprozeß zu seinen Gunsten ausfallen würde. So hart bedrängt und mit Strafen bedroht, huldigten die Liegnitzer am 14. Mai 1452 dem König Ladislaus von Böhmen und schworen ihm den Eid der Treue. Der Würfel war gefallen, Liegnitz hatte sich von dem Piastenstamm losgesagt und trat unter die Herrschaft der Luxemburger. Bitschen triumphierte; er war auf der Leiter seiner ehrgeizigen Pläne eine Stufe weiter emporgestiegen. War erst der Ansturm Herzog Johanns völlig abgeschlagen, dann hoffte er leicht die Herrschaft des unmündigen Königs, der in der Ferne weilte, zu stürzen, und dann — dann sollte sich der Wunsch seines Lebens erfüllen. — Die Huldigung der Liegnitzer konnte der letzte selbständige Sproß des alten Herrscherhauses, Herzog Johann, nicht ruhig ertragen. Er war erbittert und verstimmt, doch schüttete er seinen ganzen Groll gegen die Liegnitzer aus, da er den Kaiser nicht zu erreichen vermochte. Wiederholt überhäufte er die Abgefallenen mit schweren Vorwürfen wegen ihrer Untreue und forderte sie auf, zum Gehorsam gegen ihn zurückzukehren. Als sich aber die Gesinnung der von Bitschen eingeschüchterten Bürger nicht änderte, brach der lange verhaltene Groll in offene Fehde aus; mit dem Schwert wollte sich Johann den Gehorsam erkämpfen. Er rüstete und zog im Sommer 1452 mit starker Macht gegen Liegnitz, die Stadt bereitete sich zum Widerstand vor; die Thore wurden gesperrt und alle Zugänge mit Gewappneten besetzt. Das Schloß und seine Befestigung hütete ein kaiserlicher Hauptmann, dem eine Schar als Besatzung beigegeben war. Am 27. August 1452 kündeten die Turmwächter die Annäherung der Feinde. Sogleich wurde Sturm geläutet, und sechs Fähnlein, Bitschen an der Spitze, zogen wohlgerüstet und geordnet nach Waldau zu. Unweit eines Hügels wurde Halt gemacht. Hier hatte sich Johann mit seinen Rittern und Knechten aufgestellt, um den ungehorsamen Stadtrebellen einen Strauß zu bieten. Es kam zu blutigem Zusammentreffen, mit Erbitterung wurde auf beiden Seiten gekämpft. Johann mußte mit den seinen vor den verderblichen Geschossen der Bürger die Flucht ergreifen, und die Liegnitzer zogen siegreich und ruhmbekränzt wieder in ihre Thore ein. König Ladislaus, der jetzt mit 13 Jahren mündig geworden war, glaubte dieses erfolgreiche Eintreten der Liegnitzer für ihren Herrn belohnen zu müssen. In einem Schreiben rühmte er die treue Hingebung der Bürger und erteilte der Stadt ein hervorragendes Privilegium; er gab ihr zu dem bisherigen Wappen, den zwei Schlüsseln, den böhmischen Löwen. Ferner verlieh er dem Bürgermeister Ambrosius Bitschen als Ehrenzeichen eine silberne Halskette, an der ein goldener Löwe hing. Der Einfluß und die Macht Bitschens schien nunmehr den Gipfelpunkt erreicht zu haben. Mit schonungsloser Härte verfuhr er gegen seine Widersacher, und sein Siegesbewußtsein stieg, als sich ihm eine Gelegenheit bot, seinem glühenden Haß gegen die Juden nochmals grausamen Ausdruck zu leihen. Kurz vor der Schlacht bei Waldau hatten es mehrere jüdische Handelsleute aus Striegau gegen den Wunsch des Rabbi gewagt, nach Liegnitz zu kommen, um sich dort wegen einer Lieferung zu bewerben. Der Aufenthalt derJuden wurde Bitschen angezeigt, und er befahl, die Juden sofort in den Thurm in der Ritterstraße zu werfen. Hier schmachteten sie bis zum Jahr 1453. Um diese Zeit kam der Mönch Capistranus nach Schlesien und predigte mit flammenden

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