Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 23 (8.6.1900)
- Date
- 1900-06-08
- Page
- Seite 361 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23. Israelitische Wochenschrift. Seite 361. künde. Ein besonderes Interesse zeigt er für wirtschaftliche und humanitäre Fragen, die die Kinderheilkunde berühren. Unter anderem verdankt man ihm Untersuchungen über den Kinderschuh und die Findlingsfürsorge in Europa, über die Ursachen der großen Kindersterblichkeit u. a. m. Besonders zu gedenken ist der Verdienste, die Jacobi als Vermittler zwischen der deutschen und amerikanischen medizinischen Wissenschaft hat. Bereitwillig stellte er seine Arbeit in den Dienst des deutschen Gerhardtschen Handbuchs der Kinderheilkunde, und 1881 machte er in einer englischen Schrift die Amerikaner mit dem Leben und Wirken Virchow's, des Führers der deutschen Medizin, bekannt. — Die in Kobe in Japan lebenden 35 jüdischen Familien haben beschlossen, aus eigenen Mitteln eine Synagoge zu bauen und einen Rabbiner zu wählen. Demnächst soll auch ein Schochet angestellt werden, der die neue jüdische Gemeinde mit koscherem Fleisch versorgt. — Einer Anzahl jüdischer Familien aus Verlad in Rumänien, die nach Amerika auswandern und wegen Mittellosigkeit die Reise nach Hamburg zu Fuß machen müssen, ist von den betreffenden Behörden der Durchzug durch Oesterreich-Ungarn verboten worden. Frl. Kohn in Odessa hat bei Erlangung ihrer Großjährigkeit 20 000 Rubel zum Bau von Arbeiterhäusern gespendet, für welchen Zweck ihr verstorbener Vater vor einigen Jahren bereits 100 000 Rbl. geschenkt hatte. Die in diesen Arbeiterhäusern wohnenden Handwerker erhalten in Krankheitsfällen freie ärztliche Behandlung und Krankenpflege. — Eine Anzahl Chassidim aus Tscherkoff in Rußland — man spricht von 30 000 Personen — beabsichtigt, unter Führung ihres Rabbi eine Pilgerfahrt nach dem Heiligen Land zu unternehmen. Ein Mitglied der Gemeinde, Herr Hl. Goldenbach, ist .bereits in Jerusalem eingetroffen, um die nötigen Vorkehrungen zu treffen. — Die Notting Hill Synagoge in Kensington Park Road in London ist am Sonntag vor dem Wochenfest feierlich eingeweiht worden. Vakanzen. Hiloesheim (Rheinhessen). Sem. geb. Rel.-L., CH., Sch., 650 M. Geh., fr. W. u. Heiz., 300 M. Nebeneink. Meld. an Moritz Hirsch. — Gerdauen. Lehrer, K., Sch., 900 M. Geh., fr. W. Meld. an Hertz. — Vilbel. Sem. geb. Lehrer, K., Sch., Balt., 800 M. Geh., 300 M. Nebeneink. Meld. an Herz Strauß. — Lipine (O.-S.). Rel.-L., K., Sch., 1350 M. Geh., 400 M. gar. Nebeneink. Meld. an Vorst. Feuilleton. Der iklilii von jiegnih. Historische Erzählung aus der Hussitenzeit. Von Dr. A. Sammter. (Schluß.) Der Rabbi maß Bitschen mit einem Blicke unsäglicher Verachtung und antwortete: „Elender, ja. Du hast gesiegt, Du weißt gar feine Netze zu spinnen, doch sieh Dich vor, daß Du Dich nicht selber in den Netzen verstrickst und jämmerlich untergehest. Kitschen, wir ziehen gern von hinnen, um Deine vergiftende Nähe zu meiden und um nicht Zeugen Deines Sturzes zu sein. Denn stürzen mußt Du, früh oder spät, Deine getreuen Unterthanen werden einst blutige Rache an ihrem gestrengen Herrn Bürgermeister nehmen und dann, in Deiner Todesstunde, sollst Du Deiner Grausamkeit gegen die Juden, sollst Du des Rabbi von Ltegnitz gedenken." Der Sprechende blickte dem Bürgermeister noch einmal verachtungsvoll ins Auge und eilte, ohne dessen Antwort anzuhören, in sein Haus. Die Judengasse war von Wagen überfüllt, auf dem die Geräte und sonstigen Habseligkeiten der Abziehenden gepackt lagen. Um die Mittagsstunde war alles reisefertig, und die Judenschaft von Liegnitz zog zu dem Stadtthore hinaus, verbannt von finsterem Haß und ungerechtem Neid, ein Muster für spätere Zeiten! Die meisten zogen nach Lüben, Hainau, Jauer, Goldberg und anderen Städten, die im Gebiet des Herzogs Johann lagen, und überall fanden sie herzliche Aufnahme. Der Rabbi wandte sich mit seinen Freunden nach Prag Dort lebten schon seit Jahren in glücklicher, srohsinnumstrahlter Ehe Bella mit Michel Israel und Rachel mit ihrem Aron, umspielt von lieblichen Kindern. Der Rabbi wurde in Prag freudig empfangen, und seine Gelehrsamkeit wie der Einfluß seines Freundes Jeiteles verschafften ihm bald einen Rabbinats.itz in der Moldaustadt. Noch eine Reihe von Jahren lebte er hier in ungestörtem Glücke, er sah blühende Enkel und Urenkel, und noch heute künden in Prag und Olmütz späte Nachkommen von Rabbi Moscheh und Jeiteles den Ruhm des gefeierten Ahnherrn. Fünfzehntes Kapitel. Ambrosius Bitschen schwelgte in seligem Entzücken und jubelte laut auf; Liegnitz war von den Juden befreit, er hatte grausame Rache an dem Judenrabbi, dem Zerstörer aller seiner Pläne und dem weisen Ratgeber des herzoglichen Hauses genommen; es war die erste Stunde, die Bitschen seit Jahren mit seinem Werke zufrieden und beglückt hinbrachte. Freilich wollte ihm immer die ernste Gestalt des Rabbi vor die Seele treten und seinen Frieden stören; immer wieder glaubte er seinen Feind zu sehen, wie er am Tag der Austreibung auf der Straße ihm begegnete und gleich einem Racheengel mit gezücktem Schwert ihm eine furchtbare Zukunft weissagte. Blutige Rache, so hatte er gesagt, würden einst die getreuen Unterthanen an ihrem Bürgermeister nehmen, und in der Todesstunde sollte er des Rabbi von Liegnitz gedenken! Dieses Bild wollte nicht von seiner Seele weichen, und eine seltsame Unruhe ergriff sein Herz. Aber war es nicht lächerlich, gleich einem zaghaften Kind vor einem Traumgebilde sich zu fürchten? Ec war doch sonst der Mann der Furcht nicht, er hatte ja das Steuer in den Händen, Alles beugte sich vor seinem Willen, und der Rabbi war fort, weit fort! Nein, er mußte diese trüben Gedanken bannen, er mußte weiter schreiten auf der einmal betretenen Bahn, mit neuer Kraft seine hochfliegenden Pläne verfolgen, und erst mit der Zertrümmerung der Piastenkrone sollte sein Kämpfen und Ringen ein Ende finden. Es war der Lieblingswunsch der Herzogin, ihrem Schwiegersohn Johann von Lüben das Herzogtum Liegnitz zu erhalten. Mit Feuereifer suchte Bitschen diesen Plan zu vereiteln, und das Glück schien zunächst in ftinem Bund. Unruhe und Schmerz über ihr unglückliches Gejchick verzehrten die Herzogin und warfen sie auf das Krankenlager. Als das Leiden sich steigerte, ließ Elisabeth ihre Tochter Hedwig mit ihrem dreijährigen Sohne Friedrich zur Pflege