Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 24-25 (1900-1901)
- Issue
- No. 6. (1900)
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 45 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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45 mit ganzem Herzen und ganzer Seele. — Dass Du wahrest seine Gebote und Satzungen, welche ich Dir gebiete zu Deinem Heile.“ Und der Prophet Micha führt näher aus: ,,Verkündet hat er Dir, o Mensch, was gut ist und was Gott von Dir fordert: nur Recht üben, Tugend lieben und dernüthig wandeln mit Deinem Gotte G Welches sind nun diese ,,Gebote und Satzungen“, die zu unserem Heile führen sollen? — Was heisst: ,,Recht, Tugend und demüthiger Wandel?“ Wie viele Glaubensgenossen kennen diejenigen Stellen der Bibel, die diese ewigen Lehren enthalten und ihre nähere Erklärung? Die Beantwortung und Lösung dieser Fragen halten wir für die höchste und erhabenste Aufgabe eines wahren Gottesdienstes! Der Gottesdienst am Sonntag soll nicht der Andacht u. cultuellen Erbauung, sondern einzig und allein der Belehrung und Bibelerklärung dienen! Er soll die Besucher desselben über den ethischen Inhalt des Judenthums unterrichten und ihnen die wichtigsten Stellen der Bibel erläutern! Eine ,,Bibelerklärungs-Stunde“ am Sonntag dürfte doch wahrlich selbst den Conservativsten nicht verletzen. Die Vorlesung aus der Thora und hauptsächlich die Er k 1 ä r u n g desV or ge lesen eu bildete ja seit E s r a den Haupt- und Mittelpunkt des jüdischen Gottesdienstes; dasGotteshaus erfüllt seinen erhabensten Zweck erst als ,,Lehrhaus“. Andererseits können die Liberalen sich einen reineren ,,Gottesdienst“ nicht wünschen, denn wer wirklich sich erheben und geistig erbauen will, für den giebt es keine erhabenere und schönere Befriedigung des religiösen Bedürfnisses, als wenn er sich diejenigen Lehren und Wahrheiten aneignet und einprägt, die schon vor Jahrtausenden in der Bibel gepredigt wurden und seitdem allmählich über die ganze civilisirte Welt als Inbegriff aller Moral und Ethik sich verbreiteten. In diesen vorgeschlagenen sonntäglichen ,,Schrifterklärungen“ müssten vom Prediger die geeigneten Wochenabschnitte verlesen und mit den nöthigen wissenswerthen Cominentaren und Nutzanwendungen erläutert werden, unter Heranziehung geeigneter Stellen aus den Propheten, Psalmen, Sprüchen Salomo’s, auch der Sprüche der Väter, damit die Zuhörer sich mit der Zeit die Kenntniss der wichtigsten Lehren der Bibel mit den dazu gehörigen Beweisstellen zu eigen machen. Durch die Kenntniss der Bibel würden wir auch in den Stand gesetzt werden, die böswilligen Angriffe auf das Judenthum zurückzuweisen und die falschen Beschuldigungen mit den richtigen Schriftstellen zu widerlegen, wozu ja leider den meisten Juden von heute die nöthigen Kenntnisse fehlen. Wenn die Zahl der Abtrünnigen im eigenen Lager sich mehrt, so trägt auch die Unkenntniss in den Lehren des Judenthums die Hauptschuld. Viele glaubet!, die Bibel enthalte nur Speise-, Opfer-, Festtags-Vorschritten und veraltete Gesetze. Ist es doch dem Schreiber dieses selbst begegnet, dass ein gebildeter Israelit, der in seiner Jugend streng religiös erzogen worden war, nicht wusste, dass der Grundlehrsatz: ,,Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“ im Pentateuch stehe, dass er ihn vielmehr für ein Product des neuen Testaments hielt!! Woher kommt dies? Weil der Religionsunterricht meist nur bis zur Barmizwa ertheiltwird und weil das Wenige, was gelehrt und nicht genügend eingeprägt wurde, schnell wieder in den späteren Jahren der weiteren Ausbildung und Entwickelung der Vergessenheit anheimfällt. Wie überaus wichtig und noth wendig ist es da, wenn in besonderen ,,Schrifterklärungs-Stunden1, —sei es am Sonntag, wenn keine andere Zeit —der reiferen Jugend sowohl, wie auch älteren Männern und Frauen das Alte aufgefrischt, von Neuem erklärt und mit besserem Verständniss beigebracht wird, was es heisst Jude zu sein, und welch heiliges und kostbares Erbgut uns von unseren Vätern überliefert worden ist! Soll das Wort der Schrift: ,,Die Lehre, die uns Mose geboten, ist das heiligste Erbe der Gemeinde Jakobs“ zur Wahrheit werden, so muss Göthe’s Ausspruch zugleich beherzigt werden: ,,Was Du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen!“*) Die ״umgekehrten Nun“ in der Thora und was bedeutet ויי שיפור Soferim VI, I u. 2? Von Rabbiner Dr. M. Rahm er. In dem soeben erschienenen Heft 1 des IV. Jahrgangs der von DDr. A. Freimann und H. Brody herausgegebenen ,,Zeitschrift für hebräische Bibliographie^, S. 30, bemerkt Herr Professor Ludwig Blau gelegentlieh seiner Besprechung des Th. Weir’sehen Buches (über die Textgeschichte der Bibel) Folgendes: ,,Ueber die umgekehrten Nun (Numeri 10,35 u. 30 und Psalm 1061) habe ich in ,,Masoretische Untersuchungen“ S. 40—45 gehandelt und nachzuweisen gesucht, dass dieselben dem Talmud noch unbekannt waren, da er bloss von Punkten spricht. Es ist also sicher, dass diese nichts anderes sind, als die Abkürzungen von נקוד. Soferim VI,1 nennt dieselben שיפור, das ich nicht zu erklären wusste. Weir (S. 40) citirt ebenfalls dieses Wort mit der Bemerkung, die Bedeutung desselben sei unbekannt. Es ist ihm entgangen, dass Neubaur (Jewish Quarterly Review II) eine andere Leseart: שיעוד, citirt und dazu die einleuchtende Bein erkung gemacht hat, dass dies Wort besagen will, an ~ י מ יה den betreffenden Stellen sei ein leerer Raum, nämlich für die von mir nachgewiesenen Punktet Ich besitze die Blau’sehe Schrift ,,Masoretische Untersuchungen“ nicht, wenn er aber in derselben keinen stichhaltigeren Beweis für seine Ansicht, dass die von der Massora angedeuteten Nun nur eine Abkürzung von נקוד seien, als den hier angeführten negativen, weil der Talmud diese umgekehrten Nun noch nicht kennt und nur von Punkten spricht, so kann ich die Blau’sehe Erklärung durchaus nicht für unumstösslich sicher halten. Denn gerade bezüglich der *) Mögen diese bescheidenen Ansichten und Vorschläge eines Laien von massgebenden Personen geprüft und gewürdigt werden, sie könnten zu einen! guten Erfolge führen, ln welcher Weise die Schrifterklärungen einzuleiten und abzuschliessen seien, ob durch Recitation geeigneter Psalmen oder durch passendes deutsches Lied oder durch beides bleibe dem Vorstände und dem Rabbinate zur Berathung überlassen; Hauptsache bleibt: die Vermehrung des religiösen Wissens und der Fortbildungsnnterricht in der biblischen Litteratur. l) In den hebräischen Ausgaben Ps. 107.