Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Litteratur-Blatt · 1900-01-01 · No. 6. (1900) · p. Seite 44

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
24-25 (1900-1901)
Issue
No. 6. (1900)
Date
1900-01-01
Page
Seite 44 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/6492408-5990879-9732437--2816-9607423
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

u der 1nö״e ihn wenigstens im Hause nach Möglichkeit רז מ רז feiern; und wer nur ain Sonntag־ einem Gottesdienst beizuwohnen im Stande ist, der könne ja nach der ,,Reform“ gehen. Der schwache Besuch der letzteren liefere übrigens genügenden Beweis dafür, dass ein Gottesdienst am Sonntag durchaus kein so dringendes Bedlirfniss sei. Die Anderen, die sogenannten ״Liberalen“ sagen, — wie nicht minder wahr — unsere Berufs- und Erwerbsthätigkeit macht es uns ganz unmöglich, den sabbathliehen Ruhetag nach alter Vorschrift zu halten, ebensowenig können wir die Zeit erübrigen, am Sonnabend einem Gottesdienst beizuwohnen, denn dies würde unsere ganze Existenz aufs Spiel setzen. Der Gottesdienst in der ,.Reform“ befriedigt uns nicht, weil er unserer religiösen Anschauung und Gewohnheit nicht entspricht. Auch die versuchte Aushilfe mit der Predigt am Freitag-Abend hat für uns keinen Sinn, da wir am Abend nicht die genügende geistige Frische besitzen, dieser zu folgen oder uns erbauen zu können, nachdem י ס wir den Tag über angestrengt tliätig waren und abgespannt mit dem Bedürfniss nach Ruhe und Erholung nach Hause kommen. Dennoch aber genügt es uns nicht, die Synagoge nur an den drei hohen Festtagen (und an den zufällig auf Sonntag fallenden Feiertagen) zu besuchen. Wir möchten deshalb, da es nun leider nicht anders geht, am allgemeinen, staatlich ein geführten Ruhetag, dem Sonntag, Gelegenheit finden, durch geistige Sammlung sowie durch religiöse Belehrung uns anregen und erbauen zu lassen. Sollte es nun ganz unmöglich sein, die nicht ganz unberechtigten Wünsche der letzteren zu erfüllen, ohne die Gefühle der ersteren und den altgeheiligten Sabbath zu verletzen? Sollte es dem ehrlichen gewissenhaften Juden, dem es unmöglich ist, die Sabbathruhe nach den Gesetzesvorschriften zu befolgen, wirklich genügen, wenn er den Kindern zum Vorbild am Freitag-Abend Kiddusch macht und ihn vielleicht auch durch bessere Speisen feiert, dagegen am Sonnabend seiner üblichen Thätigkeit wie an Werktagen nachgehen muss? Ist eine solche Erziehung der Kinder gutzuheissen, oder nicht vielmehr ein offenbarer, unlöslicher Widerspruch, wenn die Kinder später selbständig zu denken beginnen? Oder wenn der wirklich religiös denkende u. fühlende •Mann sich mit aller Gewalt aus seiner Thätigkeit herausreisst, um am heiligen Sabbath in die Synagoge zu gehen, — wenn er da eine Predigt hört, die zur Befolgung aller Sabbatli-Gesetze ermahnt, — wenn er dann betet: א׳רא׳ רצה בכנוהתנו ,,Herr unser Gott, habe Wohlgefallen an unserer Ruhefeier, heilige uns durch Deine Gebote, läutere unser Herz, Dir in Wahrheit zu dienen, damit wir an Deinem heiligen Sabbath ruhen und Deinen Namen heiligen können“ — wenn trotz alledem dieser selbe ernste Mann dann sofort gezwungen ist, wieder seiner gewohnten Erwerbsthätigkeit nachgehen zu müssen, heisst das ״religiöse Erbauung“ oder gar ,,wahrliafter Gottesdienst“? Oder ist es nicht vielmehr eine offenbare Lüge und Heuchelei, die jedem ehrlichen Menschen die Achtung vor sich selbst rauben muss? Wrie ist dieser schwere Zwiespalt zu lösen? Mit schönen Redensarten und hohlen Phrasen ist da nichts getlian. Wie vermag man dem ernst denkenden, gewissenhaften Israeliten die innere Befriedigung, m1(] י ס רז dem gepeinigten zweifelnden Herzen die wahre Beruhigung zu geben, dass er ״in Wahrheit Gott dienen und seinen Namen heiligen kann?“ Andererseits haben diejenigen wahrlich nicht unrecht, die da befürchten, dass der ohnehin nicht übermässig stark besuchte Sabbath-Gottesdienst durch den Sonntag noch mehr leiden und am Ende ganz und gar verdrängt werden könnte. Da möchten wir nun vor Allem die Frage aufstellen: Ist es all Denen, die nur am Sonntag in die Synagoge gehen können und wollen, wirklich religiös gefühltes Bedürfniss, einen Gottesdienst aufzusuchen und darin wahrhaft ernste Erbauung zu finden? Oder wird dies von Vielen nur als Vorwand benutzt, um durch schöne Chorgesänge oder durch anregende Predigten hin und wieder angenehme Abwechselung und Zerstreuung zu gemessen, solange es eine Neuheit und Mode sein wird, die nach und nach aber an Interesse verlieren und unseren nervösen Grossstädtern nicht genügend Reiz bieten wird? Soll nun ein Ausweg gefunden werden für die vielen Halben, die ähnlich wie ,,Nathan“ sprechen : ,,So ganz Stockjude sein zu wollen, — geht schon nicht. — Und ganz und gar nicht Jude, gellt noch minder“ Also wählen wir ein Mittelding, einen neuen Versuch: ״den Sonntags-Juden?“ Doch nein! Es giebt unter unseren Glaubensgenossen wohl noch Tausende, Junge und Alte, denen es schwerer, bitterer Ernst ist mit unserer Religion; י רז ׳ die, wenn sie auch den Sabbath nicht halten können, dennoch nicht aufgehört haben, ehrliche und gewissenhafte, überzeugungstreue Israeliten zu sein! Es giebt noch Tausende, Junge und Alte, die nicht nur pro forma einem Gottesdienst äusserlich beiwohnen wollen, sondern die von der erhabenen Macht unserer Religion רז durchdrungen, immer von Neuem die schönen Lehren und Wahrheiten derselben sich in Erinnerung bringen רז רז und ihr Leben danach betliätigen wollen. Leider aber weiss der grösste Th eil nur wenig von dem wahren Inhalte des Judenthums, weil er in der Jugend nicht gnügend darin unterrichtet wurde! Sie besitzen jedoch noch soviel ehrliches Streben, um sich nach und nach das anzueignen, was das Judenthum lehrt und bezweckt, und weshalb die jüdische Religion der Urquell aller anderen Religionen ist! Ist diese Vermutlmng richtig, giebt es noch Juden, die der Aufgabe der Menschheit, ,,den Sinn fürWhihrheit rein und lebendig zu erhalten“ nachstreben wollen, (wie der evangelische Theologe Professor Harnack jüngst seine Festrede beim Jubiläum der Akademie schloss), dann sind wir auf dem besten Wege die Frage des ,,Sonntags-Gottesdienstes“ lösen zu können. Denn was ist wahrer Gottesdienst? Ist es das mehr oder weniger gedankenlose An hören oder Mitsingen von Gebeten oder Psalmen? Allein oder in Verbindung mit einer mehr oder weniger interessanten Predigt? Womit können und sollen wir Gott 111 Wahrheit dienen? Lassen wir die Bibel darauf selbst antworten: 5. Buch Mosis Cap. 10. Vers 12, 13: ,,Und nun, Israel, was fordert Dein Gott von Dir, nur dass Du ihn ehrfürchtest, in seinen Weo־e11 wandelst, ihn liebest und ihm dienest רז

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.