Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 24-25 (1900-1901)
- Issue
- No. 6. (1900)
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 43 (sequence 3)
- Language
- German
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haften Christen wird gerade bei dieser perfidesten und niederträchtigsten Anschuldigung das Gefühl deprimirendster Peinlichkeit nicht erspart. Ein retrospectiver Blick in die Vergangenheit zeigt ihnen, wie unsäglich schwer in den ersten Jahrhunderten die an schuldigen Christengemeinden unter der infamen Anschuldigung des Blutritus von Seiten der heidnischen Römer zu leiden hatten. Dass die Chinesen heute noch unter Christen gar zu gern Blutbäder anrichten, angeblich weil die Christen sich des Blutes der Chinesenkinder zu rituellen Zwecken bedienen, ist eine traurige, verhängnissschwere Verirrung, von welcher die moderne Gegenwart die bezopften, schlitzäugigen ,,Söhne des Reiches der Mitte und des Himmels“ immer noch nicht curirt hat. Strack bekennt in wehmüthiger Betrübniss: ״Leider haben Christen die einst gegen sie gerichtete Verleumdung, nachdem die christliche Religion zur Herrschaft gelangt war, gegen Andre gerichtet: zuerst gegen die Montanisten, im spätem Mittelalter häufig gegen Ketzer und, wie hier im Kapitel 18 gezeigt, seit dem 13. Jahrhundert gegen die Juden.“ Um der guten Sache gerecht zu werden, weisen wir gern und nachdrücklich auf die Tendenz und Gesinnung hin, welche dem Verfasser die Feder geführt. Mit Recht behauptet Professor Strack: ,,Für alle diejenigen, welche nicht aus Rassenhass fest entschlossen sind, die Blutbeschuldigung gegen die Juden trotz aller Widerlegung aufrecht zu erhalten, wird mein Buch in seiner jetzt vorliegenden Gestalt überzeugend sein. Es war wichtig zu zeigen, dass die Geschichte keine Beweise für jüdische Ritualmorde liefert und dass die bedeutendsten Päpste und weltlichen Herrscher der Blutbeschuldigung nachdrücklich widersprochen haben, kein einziger Papst sie gebilligt hat.“ Es kann in heutiger Zeit nicht oft und eindringlich genug wiederholt und eingeschärft werden: die bedeutendsten Päpste haben der Blutbeschuldigung wiedersprochen, kein einziger Papst hat sie gebilligt. Die hartgesottenen Antisemiten ficht allerdings auch diese ihnen unbequeme, authentisch feststehende Thatsache nicht an. Im nieder-österreichischen Landtage liess sich z. B. der famose Antisemitenhäuptling Schneider von diesen historischen Ergebnissen in keiner Weise imponiren. Dem Wall seiner Zähne entfloh die grandiose Aussage, welche niedriger gehängt zu werden verdient: ״Alter Schwefel! Als ob die Päpste nicht auch Geld gebraucht hätten!“ So zeigt sich das sittliche Rückgrat der christlichen Antisemitenapostel. Wie der Schelm ist, so denkter. Zu der Höhe, der Wahrheit nur um der Wahrheit willen die Ehre zu geben, auch wenn es sich nur um die bestgehassten Juden handelt, vermögen sich diese Ritter von der traurigen Gestalt gar nicht aufzuschwingen. Unser Verfasser weiss bei der Verrichtung seiner Herkulesarbeiten gar manches traurige Lied zu singen. Die Judenfeinde quand meme auch die geschworenen Feinde derjenigen, welche sich zu Verteidigern der in den Juden gekränkten Unschuld aufwerfen. Diesen Hassern und Hetzern ist in ihrer ohnmächtigen Wuth keine Verdächtigung niedrig und gemein genug. ,,Das offene Eintreten für meine Ueberzeugung — bekennt der Verfasser — insonderheit das Zurückweisen von Verleumdungen der jüdischen Religion hat mir nicht nur Beschimpfungen in der Tagespresse, sondern auch schweren äusseren Nachtheil gebracht. Dadurch jedoch bin ich nicht einen Augenblick irre geworden in der Gewissheit, dass ich auch ferner so handeln müsse, wie bisher. Freilich hatte ich während der letzten Monate zu kämpfen mit den Empfindungen des Schmerzes und des Ekels ob all des Greuels und all der Greuelthaten, wovon ich bei dieser 3. Bearbeitung noch mehr, als bei den vorhergegangenen schreiben musste.” Auch von den Matadoren der Judenhetze gilt der Satz: ,,Sie haben Nichts gelernt und Nichts vergessen.” Jn ihrer Verlegenheit und Verlogenheit greifen sie zu den feigsten, persönlichen Jnvectiven. Sie wähnten unsern Verfasser mundtot zu machen durch die mit gewaltigem Getöse hinausposaunten Ausstreuung, Prof. Strack kenne kaum die Elemente der hebräischen Grammatik und er wisse und sage vom Thalmud nur, was die Rabbiner ihm eingeblasen haben, Sie behaupteten auch dreist und frech, er empfange für seine Aussage Geld von jüdischer Seite. Diese Verdächtigungen haben nicht einmal den zweifelhaften Vorzug, originell zu sein. Pfefferkorn und die Kölner Dominicaner hätten diese Verleumdungen soufflirt haben können. Verbo tenus wurden diese Verdächtigungen 400 Jahre früher gegen Johann Reuchlin geschleudert. Reuchlin ist Reuchlin geblieben und hat die Wahrheit zum Siege geführt. Nicht anders wird es dem Professor Strack ergehen. Die Wahrheit wird und muss früher oder später glänzend siegen. Der Wahrheit zu ihrem Rechte zu verhelfen, ist Strack’s Buch vorzüglich geeignet. Wer sich griindlieh über diese ganze sogenannte Blutfrage belehren will, wer Herz und Verständniss für die Sache der Gerechtigkeit und Unschud bekundet, der vertiefe sich in Strack’s vortreffliche Schrift, würdige gebührend das reiche, vielseitige, erschöpfend ventilirte Material und die wuchtigen Argumente, welche im Kampfe gegen Verlogenheit, Verleumdung und Wahn glauben ins Feld geführt werden. Dem tapferen Anwälte des Rechts gebührt der aufrichtige, warme Dank von Seiten aller Freunde der Wahrheit, aller Schützer der Unschuld. Lissa. Dr. Imanuel Deutsch. Zur Lösung der Sonntagsgottesdienst-Frage. Von einem Mitgliede der Berliner jüd. Gemeinde*)■ Die Frage des sogenannten,,Sonntags-Gottesdienstes“ bewegt seit längerer Zeit die meisten Mitglieder der jüdischen Gemeinde Berlins. Die Einen, die sogenannten ,,Conservativen“, sagen — wie wohl wahr: — der seit Jahrtausenden überlieferte, durch die Bibel eingesetzte und geheiligte Sabbath darf nicht angetastet werden. Ein nochmaliger Gottesdienst am Sonntag würde den angestammten Sabbath degradiren und in späterer Zeit vielleicht gar seine gänzliche Abschaffung herbeiführen. Wer diesen durchaus nicht nach Ueberlieferung halten kann, *) Obwohl der obige Artikel Dicht in den wissenschaftlichen Rahmen unseres Litteraturblatts passt, haben wir ihm doch Aufnähme gewährt, einmal weil der Vorschlag schliesslich auf eine Förderung und Vertiefung der biblischen Litteratur hinauskommt, und sodann, weil die Wissenschaft dem Leben nicht fern stehen, vielmehr befruchtend auf dasselbe wirken soll. (Red.)