Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 18 (4.5.1900)
- Date
- 1900-05-04
- Page
- Seite 281 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 18 Israelitische Wochenschrift. V Seite 281. Armenkommission hat, wie seinerzeit berichtet wurde, der bisherige Vorsitzende, das Parlamentsmitglied Benjamin L. Cohen, erklärt, aus Gesundheitsrücksichten die Wahl zum Vorsitzenden der Kommission nicht mehr annehmen zu können. Herr Benjamin L. Cohen hat dieses Amt seit dreizehn Jahren versehen, seit dem Tod Lionel L. Cohens. Es bestand die Absicht, den ältesten Sohn des verstorbenen Lionel Cohen, Herrn Leonard Cohen, zum Präsidenten der Armenkommission zu wählen; diese Absicht konnte jedoch nicht ausgeführt werden, weil der zu wählende Vorsteher einer der Repräsentanten der United Synagogue sein muß, Herr Leonard L. Cohen dies aber nicht ist. Um seine Wahl dennoch zu ermöglichen, hat einer der Repräsentanten, Herr Hymann A. Abrahams, sein Amt niedergelegt; an seiner Stelle wird Leonard L. Cohen erst zum Repräsentanten und danach zum Vorsteher der Armenkommisston gewählt werden. Personalnachrichten und kleine Mitteilungen. Am 30. Mai (2. Siwan) findet in Posen die Hochzeitsfeier des Herrn Dr. Meyer Hildesheimer mit Fräulein Sarah Ettinger aus Uman in Rußland statt. Die Kidduschin giebt Herr Rabbiner Dr. Feilchenfeld. Die Trauung ist nach altem Brauch im Freien, im Garten des Hotel Mylius. — Kapitän Alfred Dreyfus hat die Villa Hauterive in Cologny für den ganzen Sommer gemietet Als Gast der Familie Dreyfus hat der französische Schriftsteller Albin Balabrvgue aus Paris in der Villa Wohnung genommen. Die Villa Hauterive ist Eigentum der schon seit Jahrhunderten m Genf ansässigen calvinistischen Familie Turritini. — In Odessa hat das Peßach-Unterstützungskomitee 60 000 Bittgesuche erhalten, von denen nur 12 000 Berücksichtigung finden konten. Vakanzen. Lübben, L. Rel.-L., Vorb., Sch., Balk., Balt., 800 M. Geh., 2-400 M. Nebeneink. Meld. an W. Wolff. — Nieolai. Hilfsvorb , Sch., Synag.-D., 1000 M. Geh. und fr. W. Meld. an Vorst. — Leutershausen (Mittelfr.1. Rel.-L., Vorb., Sch., 1200 M. Geh., fr. W. und Heiz. Meld. an Max Enslein. — Kitzin gen. Rel.-L. und K., 1600 M. Anfangsgeh., 600 M. Nebeneink. Meld. an israel. Kultusverw. — Fußgönheim, Bez. Dürkheim a. d. H. Ch. und Sch., 300 M. Geh. und 250 M. gar. Nebeneink. Meld. an Emanuel Mayer. — Leipzig. Kantor, 4500 M. Anfangsgeh. Meld. an Vorst. — Gerdauen. Lehrers K. und Sch., 900 M. Geh., fr. W. Meld. an Hertz. — Nörenberg i. Pom. Rel.-L., K., Sch. Meld. an Vorst. Der Kabbi m liegnitz. Historische Erzählung aus der Hussitenzeit. Bon Dr. A. Sammler. (Fortsetzung.) Der Stadtschreiber war bei den Worten des Rabbi erblaßt, doch bald gewann er äußerlich seine Ruhe wieder, und teuflische Bosheit leuchtete aus seinen Zügen, als er grinsend, mit heiserem Lachen erwiderte: „Hahaha, Rabbi, glaubt Ihr wirklich, daß ich jemals an der Unschuld Eurer Schutzbefohlenen gezweifelt habe? Nie, teurer Rabbi. Ich kannte die Missethat des Pater Ignatius sehr wohl; aber es galt, Euch Judenvolk zu vernichten, und dazu sind uns selbst Lüge und Verleumdung willkommene Bundesgenossen. Du siehst, Jude, ich bin offen; ich will es noch mehr sein, will meine Maske abreißen und sage es Dir rund heraus, daß ich nicht ruhen und rasten werde, bis ich Euch vernichtet habe. Wohl möget Ihr durch Euer Geschwätz den Kaiser von der Unschuld dieser Jüdlein überzeugt haben; aber noch lebt ein Genosse unseres Planes, Kilian. Sein Zeugnis wird beim Kaiser mehr gelten, als das Wort eines Judenrabbts, und er soll Euch vernichten und verderben!" Der Stadtschreiber glaubte, das Spiel gewonnen zu haben. Zornesröte übergoß das Antlitz des Rabbi, gleich einem Racheengel stand er hoch ausgerichtet vor dem Todfeind und rief mit erhobener Stimme: „Eure Maske ist gefallen, Stadtschreiber, und die verzerrten Züge eines grimmen Judenfeindes treten unverhüllt vor meine Augen. Also Lüge und Verleumdung sind die Bundesgenossen, die Ihr Euch auserkoren, um unfern heiligen Glauben und seine unschuldigen Bekenner zu vernichten! Hütet Euch, daß die Lüge Euch nicht selber in ihre Netze verstrickt nnd Euch vernichtet. Ein falscher Zeuge soll meine schuldlosen Schutzbefohlenen dem Tode entgegensühren. So höret denn, Euer Zeuge und Genosse Kilian weilt nicht mehr unter den Lebenden, er hat seine Unthat gestanden und büßte diesen Frevel mit dem Tod. Der Verrat ist gesühnt, und das Geschick dieses ruchlosen Buben werden seine Bundesgenossen früher oder später teilen!" Das Antlitz des Stadtschreibers war glutrot geworden, er taumelte einen Schritt zurück. Aber nur einen Augenblick verlor er die Fassung; mit drohender Geberde, die Fäuste geballt, trat er dichtvor den Rabbi hin. Unheimlich leuchteten seine wilden Augen, und mit dem Lachen der Verzweiflung stieß er die Worte hervor: „Auch Kilian tot? tot der letzte Bundesgenosse meines Planes, vernichtet durch Euch, durch Eure teuflischen Künste!? Rabbi, Ihr habt gesiegt, mein Werk ist mißlungen! Aber blutig will ich es Euch vergelten, und nicht umsonst soll Ambrosius Bitschen der vielgefürchtete Judenfeind heißen. Offene Fehde kündige ich Euch an, Euch und dem ganzen Judenvolk. Zertreten will ich diesen Wurm, vertilgen diese Brut, und weder der Kaiser, noch Euer treuer Beschützer, Herzog Ludwig, wird Euch zu retten vermögen. Der Haß gegen Euer Volk lebt ewig, und Ambrosius Bitschen versteht zu hassen! Ei, Rabbi, das wird einen Schmaus geben, des Stadtschreibers von Liegnitz sollet Ihr gedenken!" „Der Haß lebt ewig, es ist wahr," entgegnete der Rabbi mit feierlicher Stimme, „aber auch unser Gott lebt ewig, der gegen Betrug und Verleumdung uns den Steg verleiht und den teuflischen Verrat der Elenden vernichtet. Auch Ihr werdet einst schmählich zu Grunde gehen und unter den Trümmern Eurer Bosheit begraben werden." Mit dem letzten Wort hatte der Rabbi das Gemach verlassen, während der Stadtschreiber von seinem blindwütenden Zorne übermannt in einen Sessel sank. Der Rabbi atmete erleichtert auf, als er die Straße betrat; es freute ihn, dem grimmen Judenhasser sein Spiegelbild vorgehalten zu haben; doch beschlich gleichwohl eine bange Sorge sein Inneres, da er die furchtbaren Drohworte des allvermögenden Stadtschreibers in sein Gedächtnis zurückrief. Ohne Zögern »