Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 18 (4.5.1900)
- Date
- 1900-05-04
- Page
- Seite 282 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Israelitische Wochenschrift. Nr. 18. Seite 282 eilte er auf das Schloß, wo ihn Herzog Ludwig freundlich begrüßte. „Willkommen, Rabbi," redete ihn der Fürst an und reichte ihm die Rechte. „Nun, ist Eure Reise von Erfolg gekrönt gewesen?" „Gott hat meine Reise gesegnet," entgegnete der Rabbi, „die befreiten Gefangenen weilen bereits in .Liegnitz. Ich habe den Kaiser von ihrer Unschuld überzeugt, ein schuldiger Genosse jenes Paters, der im Lager weilte, hat den Frevel gestanden und mit dem Tod gesühnt." „Ich bin erfreut, diese frohe Kunde zu vernehmen; mögen Deine Schutzbefohlenen bei Dir verbleiben, meine Hand wird sie schützen, und kein Feind soll sich ihnen nahen. Doch trügt mich mein Auge nicht, so lagert finstere Sorge aus Eurem Antlitz. Ihr scheint bekümmert. Quält Euch eine neue Sorge? Bekennet es frei, und so es in meiner Macht steht, will ich sie zu bannen juchen." „Gnädigster Herr," versetzte wehmütig der Rabbi, „mit heißem Dank blicken meine Glaubensgenossen aus die reichen Wohlthaten, die Ihr Ihnen gewährt. Aber werden wir uns immer dieser Segnungen erfreuen? Von allen Seiten lauern Neid und Verleumdung, um uns, die wir nichts verschuldet, zu verderben. Vor kaum einer Stunde hat der allgewaltige Stadtschreiber mir und meinen unglücklichen? Stammesbrüdern Rache zugeschworen, weil ihm sein höllischer Plan mißglückte. Ich schaute in einen furchtbaren Abgrund des Hasses, von dem ich mich mit Entsetzen abwandte. Daher bitten und flehen wir zu Euch, unserem Landesväter, daß, wie wir bisher Schutz und Sicherheit unter Eurer milden Regierung gefunden, das glorreiche Szepter der Fürsten aus dem Piasten-Hause uns auch ferner beschirmen möge, damit wir sicher und ruhig wohnen dürfen, von keinem böswilligen Verfolger bedroht, von keinem rachsüchtigen Neider angefeindet." „Rabbi," antwortete der Herzog gerührt, „ich verpfände mein fürstliches Ehrenwort, daß keine feindliche Macht Euch, so lange ich atme, verletzen noch verleumden soll." „Gott schenke dem Herzog lange Tage," entgegnete mild der Rabbi; „aber welche Gewißheit bürgt uns dafür, daß, wenn Ihr früher abberufen werdet von dieser Erde, jener unser Todfeind doch einen günstigen Moment finden könnte, um uns zu verderben, daß dann die gehemmten Fluten der Bosheit nicht mit erneuerter Gewalt hervorbrechen und die Dämme zertrümmern, die Eure Liebe und Duldsamkeit errichtet? Daher bitte ich unterthänigst, daß Ihr uns gnädigst einen Schutzbrief ausftellet, in dem unsere Rechte und Privilegien bestätigt werden. Euer mächtiges Fürsten- - wort wird uns allezeit schirmen, und unter den Fittichen Eures Schutzes werden wir vor allen Anfeindungen geborgen sein." „Euer Wunsch, Rabbi, soll erfüllt werden. Noch heute mag mein Geheimschreiber den Schutzbriff anfertigen und ihn Euch vorlegen. Lebt wohl, und so oft Ihr meine Hilfe sucht, sollen Euch die Pforten meines Schlosses offen sein." Mit einer tiefen Verbeugung verließ der Rabbi das Gemach des Herzogs und eilte heim, um den Seinen von den Unterredungen mit dem Stadtschreiber und dem Herzog Kunde zu geben. Schon am nächsten Tag wurde an alle Behörden des Fürstentums Liegnitz und Brieg in Stadt und Land folgender Erlaß zur pünktlichen Nachachtung, bei großer Strafe im Uebertretungsfall, gesandt: „Wir Ludwig II., souveräner Herzog der vereinigten Fürstentümer Liegnitz und Brieg, thun hiermit kund und zu wissen: Nachdem Unsere getreuen Unterthanen, die Juden zu Liegnitz und in anderen Städten, Flecken und Dörfern, die unterthänige Bitte an Uns gerichtet, ihnen Schutz und Sicherheit zu gewähren gegen Alle, die sie anfeinden und sie an ihrem Hab und Gut oder Leib und Leben zu schädigen suchen, auf welche Art und Weise es auch sei, so wie solches, wie Wir hören, in anderen Ländern und Ortschaften vorgekommen ist und noch vorkommt, so befehlen Wir hiermit, daß solcher Unfug in Unseren Landen nirgends gestattet und geduldet werden soll, und sollen die ausübenden Behörden dafür sorgen und müssen dafür hasten, daß derlei Unregelmäßigkeiten nimmer geschehen und, wo sie etwa verspürt werden, sofort im Keime erstickt und unschädlich gemacht werden. Die Urheber aber, mögen sie noch so angesehen sein, sollen auf's strengste bestraft werden. Die Aufsichtsbehörden und Alle, die zur Aufrechterhaltung der Ordnung angestellt sind, müssen mit ihrem Leben dafür haften und haben jede Nachsicht mit dem Verlust ihres Amtes zu büßen. Diejenigen, die zur Verhinderung ähnlicher Ausschreitungen beitragen, haben aus Lob und Belohnung zu rechnen. So geschehen, geschrieben und gesiegelt auf Unserem Schloß in Unserer Haupt- und Residenzstadt Liegnitz. gez. Ludwig II., Herzog von Liegnitz und Brieg." Dieser Erlaß des Herzogs rief unter den friedliebenden Bürgern der Stadt Liegnitz ungeteilte Genugthuung hervor, in der jüdischen Gemeinde erweckte er begeisterte Fceude, nur Bitschen schäumte vor Wut und wurde in seinem glühenden Haß gegen die Todfeinde noch mehr bestärkt. Zwölftes Kapitel. In das Haus dcs. Rabbi waren wieder stiller Friede und beglückende Ruhe eingekehrt; liebevolle Innigkeit umschlang alle Herzen, in ungetrübter Harmonie schwanden die Tage und Wochen dahin. Gar oft konnte man den Rabbi mit Ernst im Zwiegespräch sehen. Jener weihte den Jüngling in die Lehren des jüdischen Glaubens ein, da dieser täglich seinen heißen Herzenswunsch erneute, in den Bund als treuer Sohn ausgenommen zu werden. Unermüdlich lauschte er den Lehren des Rabbi, folgsam wie ein Kind hing er an seinen Lippen oder forschte selber emsig in den Satzungen des Glaubens und gönnte sich kaum die Ruhe des Schlummers. Mit jedem neuen Tag wuchs seine Sehnsucht, Bekenner des einzigen Gottes zu heißen und zu dem Schöpfer des Alls beten zu dürfen. Er verweilte den ganzen Winter hindurch im Haus des Rabbi, und während draußen der Wind sein einsames Lied ertönen ließ, und. die Schneeflocken an die Fensterscheiben wirbelten, saß Ernst im Studierzimmer des Rabbi in rastlosem Streben, aus den Quellen der Wahrheit zu schöpfen. Als der kalte Winter geschieden war, und die Natur aus ihrem Todtenschlummer erwachend sich verjüngte, sollte auch für Ernst ein neuer Lebensfrühling ersprießen.